
Weit mehr als alle Worte
Predigt zum Sonntag Trinitatis - 3. Juni 2007
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
V. Reihe: 4. Buch Mose 6, 22-27
Und der HERR redete mit Mose und sprach:
Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:
Der HERR segne dich und behüte dich;
der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, daß ich sie segne.
Segensworte sind das, liebe Gemeinde. Sie zu sprechen, heißt- zu
segnen. Selbst hier in der Predigt- so empfinde ich es zumindest. Oder
konnten Sie diese Worte hören wie ein Stück aus der Apostelgeschichte,
aus dem Galaterbrief? Ich kann es zumindest nicht. Diesen Worten wohnt
eine Macht inne-nicht magisch, keine Zauberei.
Diese Worte sind uns vertraut. Sie weisen uns auf Momente unseres
Lebens, in denen wir diese Worte gebraucht und gehört haben. Bilder
werden wach, von Gottesdiensten, aus denen wir mit diesem Segen ins
Leben gegangen sind: unsere Konfirmation oder die unserer Kinder oder
Enkelkinder, die Trauung, vielleicht die goldene Hochzeit.
Diese Worte sprechen uns an. Wer sie spricht- ob ich oder jemand
anders, das ist zweitrangig. Gott spricht uns in seinem Segen, seinem
Segnen an. Jeden einzelnen, jede einzelne von uns. Immer hat Gott uns
so hinausbegleitet und geleitet, aus der Kirchentür hinaus, in
Gewohntes oder in Neues: mit seinem Segen.
Also, liebe Gemeinde, eigentlich kann man über diese Worte nicht
sprechen- man kann sie nur sprechen. Aber Sie ahnen schon, wenn ich so
beginne, werde ich es doch gleich tun- ein paar Gedanken über den
Segen Gottes.
„Ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, daß ich sie segne.“
Mit Gottes Namen werden wir belegt- auch wir, die wir nicht zum Volk
Israel gehören. Durch Christus sind wir und die Völker mit dem Gott
Israels verbunden, sind zu seinem Volk geworden und nehmen teil an
einer Geschichte des Segens, die lange vor uns begonnen hat. Gott
segnet seine Menschen- schon in der Schöpfungsgeschichte.
Wie Gott seinen Namen auf uns Christen und Christinnen legt, das haben
wir eben gesehen und gehört: Ich taufe dich auf den Namen des Vaters
und des Sohnes und des Heiligen Geistes- das haben wir eben mit
Leonard getan. Gottes Name verbindet uns mit ihm, mit den Christinnen
und Christen in der Welt, aber auch hier in der Kirche miteinander.
Auch wenn Sie hier Ihren Nebenmann, Ihre Nebenfrau nicht kennen
(würden!!), so können wir uns doch hier auf diesen Namen hin ansehen,
als Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern. Welch ein Segen!
„Der Herr segne dich und behüte dich.“
Gott weiß, dass wir oft schutzbedürftig sind, uns danach sehnen,
behütet zu werden. Gott verspricht, auf uns zu achten, wenn es um
unser Leben geht, um das, was unser Leben ausmacht. Auch und gerade
dann, wenn wir schutzlos sind, nach menschlichen Maßstäben von Gott
vergessen.
Vielleicht ist das der Segen: sich behütet zu wissen gegen allen
Augenschein, sich geschützt zu fühlen in aller Schutzlosigkeit.
Vielleicht ist das der Segen: Gott heißt mich gut, wo kein andrer noch
Gutes sieht. Gott heißt mich gut, wo ich selber es nicht mehr kann.
Vielleicht ist das der Segen: Gott gibt mir gute Gaben- und seinen
Geist dazu, damit ich sie erkenne- das ist ganz sicher Segen. Segen,
das heißt auch Freude und Gelingen- und Erkenntnis des gütigen Gottes.
„Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.“
Licht und Wärme brauchen wir zum Leben. Gott strahlt, leuchtet. Immer
schon leuchtet sein Antlitz. Ich denke bei diesen Worten an eine
Blume, die sich zur Sonne hinwendet. Die Sonne ist da. Wir können
unser Gesicht wärmen im leuchtenden Angesicht Gottes. Wir dürfen
aufschauen. Gottes Leuchten erkenne ich nicht, wenn ich nach unten
schaue. Ich kann aufschauen, den Kopf in den Nacken legen. Ich glaube,
ich muss nicht die Augen schließen vor soviel Licht. Ich darf es tun,
aber ich muss es nicht. Gott wärmt und erleuchtet mich soviel, wie ich
es brauche und ertragen kann.
Wärme und Leuchten Gottes zu spüren, ist Gnade, ist Segen.
„Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“
Gott neigt sich uns zu. Er verharrt nicht in unendlicher Ferne, auch
wenn er Gott ist. Ich spüre: Gott hält nicht nur Wacht über mir,
sondern schenkt mir Beachtung.
Beachtung: Ich bin ein wertvoller Mensch. Ich bekomme Respekt. Ich bin
ein Teil der Schöpfung. Ich bin ein Bild Gottes.
Wenn ich das spüre, dann habe ich Frieden- vielleicht zuerst einmal
Frieden mit mir selbst, auch als bruchstückhafter, unfertiger,
vielleicht versehrter Mensch. Solchen Frieden- in Momenten zu fassen,
in Augenblicken zu erfahren- das ist Gottes Segen.
Und, liebe Gemeinde: um Segen darf man kämpfen- Jakob ringt am Jabbok
mit Gott um seinen Segen. Bis er ihn bekommt. Und doch ist Segen
Gottes immer schon da. Seitdem Gott wollte, dass es Menschen gibt.
Dies alles waren Versuche, Segen verstehbar machen. Und doch ist er
weit mehr als alle Worte. Gottes Segen verheißt und bringt schützende
Obhut. Er verströmt Gottes Leuchten. Er verkündet Gottes Nähe- indem
er uns Gott nahe bringt.
Und so schließe ich im Wissen um alle Unzulänglichkeit von Worten nun
mit Gedanken von Udo Hahn:
Segen-was ist das?
Einsicht, dass ich nicht allein bin. Weitsicht, dass der Weg nicht zu
Ende ist. Gewissheit, dass es Gott gibt. Zuversicht, dass ich den Sinn
meines Lebens finde. Hoffnung, dass ich tragen kann, was mir auferlegt
ist. Segen ist Leben in seiner Fülle. Udo Hahn
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 09.06.07