
Auserwählt
Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis - 27. Juli 2008
Pfarrerin Antje Lütkemeier
II. Reihe: Römer 11, 25-32
So frage ich nun: Sind sie gestrauchelt, damit sie fallen? Das sei ferne! Sondern durch ihren Fall ist den Heiden das Heil widerfahren, damit Israel ihnen nacheifern sollte. Wenn aber schon ihr Fall Reichtum für die Welt ist und ihr Schade Reichtum für die Heiden, wie viel mehr wird es Reichtum sein, wenn ihre Zahl voll wird. Euch Heiden aber sage ich: Weil ich Apostel der Heiden bin, preise ich mein Amt, ob ich vielleicht meine Stammverwandten zum Nacheifern reizen und einige von ihnen retten könnte. Denn wenn ihre Verwerfung die Versöhnung der Welt ist, was wird ihre Annahme anderes sein als Leben aus den Toten! Ist die Erstlingsgabe vom Teig heilig, so ist auch der ganze Teig heilig; und wenn die Wurzel heilig ist, so sind auch die Zweige heilig.
Wenn aber nun einige von den Zweigen ausgebrochen wurden und du, der du ein wilder Ölzweig warst, in den Ölbaum eingepfropft worden bist und teilbekommen hast an der Wurzel und dem Saft des Ölbaums, so rühme dich nicht gegenüber den Zweigen. Rühmst du dich aber, so sollst du wissen, dass nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel trägt dich. Nun sprichst du: Die Zweige sind ausgebrochen worden, damit ich eingepfropft würde. Ganz recht! Sie wurden ausgebrochen um ihres Unglaubens willen; du aber stehst fest durch den Glauben. Sei nicht stolz, sondern fürchte dich! Hat Gott die natürlichen Zweige nicht verschont, wird er dich doch wohl auch nicht verschonen. Darum sieh die Güte und den Ernst Gottes: den Ernst gegenüber denen, die gefallen sind, die Güte Gottes aber dir gegenüber, sofern du bei seiner Güte bleibst; sonst wirst du auch abgehauen werden. Jene aber, sofern sie nicht im Unglauben bleiben, werden eingepfropft werden; denn Gott kann sie wieder einpfropfen. Denn wenn du aus dem Ölbaum, der von Natur wild war, abgehauen und wider die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft worden bist, wie viel mehr werden die natürlichen Zweige wieder eingepfropft werden in ihren eigenen Ölbaum.
Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist
Welches Wort ist Ihnen von der Lesung aus dem Römerbrief, die wir
eben gehört haben, noch im Ohr, liebe Gemeinde? Es geht um das
Verhältnis der christlichen Gemeinde zum jüdischen Volk. Und ich
vermute, dass die meisten von Ihnen, so wie ich vermute, dass die
meisten der römischen LeserInnen vor fast 2000 Jahren, am Begriff
„Erwählung“ hängen geblieben sind. „Im Blick auf die Erwählung sind
sie Geliebte um der Väter willen.“
Wie klingt das in Ihren Ohren, liebe Gemeinde?
Und wie mag das bei den ersten Gemeinden damals angekommen sein? Denn
diese Christinnen und Christen der „ersten Stunde“ waren doch entweder
Menschen aus dem Judentum, die Jesus von Nazareth, als ihren Messias,
den Heiland und gottgesandten Retter angenommen hatten - fielen sie
damit heraus aus der Erwählung?
Oder sie waren Menschen, die vorher den Göttern gehuldigt hatten, die
wir aus heutiger Sicht als heidnische Götter betrachten, Zeus oder
Jupiter, Isis oder Mithras. Waren die dann Gotteskinder zweiter
Klasse? Erst die Erwählten bitte, und dann, ach ja, dann eben auch die
anderen?
Oder hatte das jüdische Volk etwa seine Erwählung verloren, indem sie
nicht Jesus als ihren Herrn anerkannten?
Klingt das in ihren Ohren wie eine sehr akademische Diskussion, liebe
Gemeinde? Ich fürchte, es ist keine, denn mit solchen oder ähnlichen
Gedanken und Argumenten wurde durch Jahrhunderte dem jüdischen Volk
viel Leid zugefügt und wird heute, ganz aktuell, Politik gemacht.
Und mal ehrlich: Ärgert es Sie nicht auch ein wenig, dass es eine
Gruppe von Menschen gibt, über die gesagt wird: sie sind von Gott
auserwählt. Oder noch schlimmer, die von sich selbst sagen: Wir sind
auserwählt, ihr könnt es in der Bibel nachlesen.
Da könnte einen doch eine Empfindung beschleichen so in etwa wie das
Gefühl, das Kinder haben, wenn sie denken: Meine Eltern lieben meinen
Bruder / meine Schwester mehr als mich. Vielleicht haben Sie es schon
gesehen oder miterlebt, wie viel Leid daraus entstehen kann, wenn sich
ein solches Gefühl in den Gedanken und der Seele festsetzt.
Und andererseits: wie viel Leid kann daraus entstehen, wenn Erwählung
bedeutet, ich kann alles tun und lassen, ich bin ja von Gott
auserwählt. „Wir sind das Volk, das Gott erwählt hat“, so sagte das
ein jüdischer Siedler bei einem Gespräch in einer der Siedlungen im
palästinensischen Gebiet. „Gott hat uns dieses Land gegeben. Es ist
sein Auftrag an uns, Judentum hier zu leben.“ Das war seine
Rechtfertigung für Landenteignung und Vertreibung von Menschen. Und er
war dankbar, Jude zu sein, weil Judesein ein Segen und ein Privileg
ist, das andere nicht teilen. Es ging ihm um spirituelle
Einzigartigkeit, um übernatürliche Heiligkeit und schlicht um
Überlegenheit.
Eine andere Sicht der Dinge, einen ganz anderen Zugang zur Erwählung
hat der jüdische Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky; mit einem
Augenzwinkern schreibt er:
„Wir sind sein auserwähltes Volk. Ich weiß nicht, womit wir diese
Strafe verdient haben. Was immer es war, allmählich müsste sie
abgesessen sein. Es reicht. Der liebe Gott könnte sich mal ein anderes
Volk auserwählen, zur Abwechslung. Die Belgier vielleicht. Oder die
Ostfriesen. Uns reicht’s.“ (In: „Ein ganz gewöhnlicher Jude“)
Erwählung wird hier zur besonderen Aufgabe, zur Pflicht, auch
Grundlage einer besonderen Erwartung.
Das scheint mir ein wenig so zu sein, wie in einer Ehe: Ich wähle
einen Partner aus Liebe, aber in diesem Bund, dem der Ehe, habe ich
auch ganz besondere Erwartungen an sein Verhalten mir gegenüber.
(Ehrlich gesagt habe ich dieses Beispielbild bei den Propheten des
Ersten Testaments entliehen.) Erwählung beschreibt ein ganz besonderes
Verhältnis zwischen Gott und den Menschen und wie in einer Ehe
eröffnet das besondere Rechte, aber eben auch besondere Erwartungen
und Pflichten.
Gott hat sich vor Zeiten Menschen bekannt gemacht, ich bin der ich
bin, so konnten Menschen ihn erfahren, ihn erleben in ihrem Dasein,
ich bin der Gott an eurer Seite. Und er hat einen Bund mit ihnen
geschlossen: ihr seid das Volk meiner Wahl und ich bin euer Gott. Gott
sichert seine Nähe zu, aber er erwartet auch einiges von seinen
Menschen, nämlich seine Gebote, die Spielregeln der Freiheit, auch
einzuhalten: du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und seine
Menschen, die er dir zu Nächsten gemacht hat als Ebenbilder Gottes.
Ebenso klar und einfach formuliert wie schwierig praktiziert.
Und Gott hat diese Verbindung nicht aufgekündigt. Die Menschen des
jüdischen Volkes sind noch immer Gottes Wahl, „Denn Gottes Gaben und
Berufung können ihn nicht gereuen“, so erklärt Paulus der Gemeinde in
Rom.
Da wäre es nun wunderbar einfach, wenn wir uns hinstellen könnten und
verlangen: Ja nun, Erwählte Gottes! Nun seid mal besonders heiligmäßig
und vorbildlich! Baut keine Mauern des Hasses. Gehorcht den Geboten
Gottes und bedrückt nicht die, die mit euch im Land wohnen. Liebt und
hasst nicht. Erweist euch der Erwählung auch als würdig!
Das wäre ganz wunderbar einfach, mit dem Finger auf die zu zeigen, die
es besser machen sollten.
Aber so einfach können wir uns das nicht machen, denn seit Jesus von
Nazareth sitzen wir gewissermaßen im selben Boot.
Gott hat sich durch Jesus den Menschen, die nicht zum jüdischen Volk
gehören, bekannt gemacht. Durch ihn haben wir eine Tür zu seinem
Herzen. Durch Jesus sind auch wir hineingenommen in seinen Bund. Durch
ihn gelten auch für uns die Regeln dieses Bundes, die Spielregeln der
Freiheit.
Und durch Jesus, den jüdischen Rabbi aus Nazareth, den Christus,
können wir nicht einfach abseits stehen und mit den Fingern zeigen,
sondern wir sind Teil des Geschehens. „Was siehst du den Splitter im
Auge deines Bruders und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge“ –
so hat er das ziemlich deutlich ausgedrückt.
Auch wir sind als Menschen seiner Erwählung, gemeinsam mit den
jüdischen Menschen seiner Erwählung, dazu berufen, erwählt,
beauftragt, den Willen Gottes zu leben. (Und das ist vielleicht an
manchen Stellen die Strafe, von der Charles Lewinsky schreibt, eher
als ein besonderes Geschenk. Dann nämlich, wenn wir das gegen die
Mehrheitsmeinung und gegen das sagen und leben müssen, was gerade
opportun und angesagt ist.
Im Nahen Osten z.B. macht man sich mit einer Haltung, die auf die
Würde der Menschen als Gottes Ebenbilder hinweist und deshalb die
menschenverachtenden Aktionen der israelischen wie der
palästinensischen Seite kritisiert, meist Feinde. Die Zahl der
Menschen guten Willens, derer, die sich nach Gottes Gebot richten, aus
dem Judentum, dem Christentum wie auch dem Islam, ist erschreckend
klein.
Aber ist das hierzulande wirklich so entscheidend anders? Wir haben
nur gerade etwas mehr Glück, weil die politischen Verhältnisse
friedlicher sind.
Erwählung, das bedeutet eine besondere Gabe, nämlich die grundlose
Liebe Gottes, und eine besondere Aufgabe, nämlich Licht für die Welt
zu sein. Gott helfe uns dazu! Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 29.07.08