
Wo steckt die gute Botschaft?
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
VI. Reihe: 2. Samuel 12, 1-15a

Bild: Paris psalter (BnF MS Grec 139), folio 136v
Reproches de Nathân à David, David pénitent
http://commons.wikimedia.org/wiki/Image:Paris_psaulter_gr139_fol136v.jpg
12 1 ER sandte zu Dawid den Natan,
der kam zu ihm hin und sprach zu ihm:
In einer Stadt waren zwei Männer,
einer reich, einer arm.
2 Der Reiche hatte Schafe und Rinder, sehr viel,
3 der Arme hatte gar nichts als nur ein kleines Lämmchen,
das hatte er gekauft, hatte es am Leben erhalten,
es wuchs bei ihm auf, bei seinen Söhnen mitsammen,
von seinem Bissen aß es,
von seinem Becher trank es,
in seinem Schoße lag es,
es war ihm wie eine Tochter.
4 Da kam zu dem reichen Mann ein Reisegänger,
aber es dauerte ihn, von seinen Schafen oder von seinen Rindern zu
nehmen, um für den Wandrer, der zu ihm gekommen war, etwas zu machen,
so nahm er das Lämmchen des armen Mannes und machte es zurecht für den
Mann, der zu ihm hergekommen war.
5 Dawids Zorn entflammte mächtig wider den Mann,
er sprach zu Natan:
Sowahr ER lebt,
ein Sohn des Tods müßte ja der Mann sein, der solches tut,
6 ob er gleich das Lämmchen nur vierfach bezahlen muß, -
deswegen, daß er solche Sache getan, und dafür, daß es ihn nicht
gedauert hat!
7 Natan sprach zu Dawid:
Du bist der Mann!
So hat ER gesprochen, der Gott Jissraels:
Ich selber habe dich zum König über Jissrael gesalbt,
ich selber habe dich aus der Hand Schauls gerettet,
8 ich gab dir das Haus deines Herrn, und die Weiber deines Herrn in
deinen Schoß,
ich gab dir das Haus Jissrael und Jehuda,
und wars zu wenig, ich fügte dir dies und das noch hinzu, -
9 weshalb hast du MEINER Rede gespottet, das in seinen Augen Böse zu
tun,
Urija den Chetiter hast du durchs Schwert erschlagen und sein Weib dir
zum Weibe genommen!
Ihn hast du durch das Schwert der Söhne Ammons umgebracht:
10 nunmehr soll das Schwert von deinem Hause allzeit nicht weichen, -
deswegen, weil du meiner gespottet hast und nahmst das Weib Urijas des
Chetiters, daß sie dein Weib würde.
11 So hat ER gesprochen:
Wohlan,
ich lasse Böses über dich aus deinem Haus sich erheben,
ich nehme deine Weiber unter deinen Augen, ich gebe sie deinem
Genossen,
er wird unter den Augen dieser Sonne bei deinen Weibern liegen -
12 ja: du, im Verborgnen hast dus getan,
ich aber, ich will diese Sache tun vor allem Jissrael und vor der
Sonne.
13 Dawid sprach zu Natan:
Ich habe IHM gesündigt.
Natan sprach zu Dawid:
Hat ER auch deine Versündigung vorbeischreiten lassen,
daß du nicht sterben mußt,
14 jedoch,
weil du durch diese Sache gehöhnt, mit SEINEN Feinden gehöhnt hast,
auch der Sohn, der dir geboren ist, sterben muß er, sterben.
15 Natan ging nach seinem Haus.
(Übersetzung Buber/Rosenzweig)
Bild: Paris psalter (BnF MS Grec 139), folio 136v
Reproches de Nathân à David, David pénitent
(http://commons.wikimedia.org/wiki/Image:Paris_psaulter_gr139_fol136v.jpg)
Wo, liebe Gemeinde, steckt in unserem heutigen
Predigttext die gute Botschaft, das Evangelium Gottes, der zum Leben
helfen will?
Es ist leicht, sich durch den anstößigen Text auf die verschiedensten
Gedanken bringen zu lassen:
Die Geschichte von David und Batsheva ist eine Geschichte über die
Macht. David, der König, hat die Macht, Batsheva zu sich zu rufen,
ihren Mann in den Tod zu schicken. Und den Missbrauch von Macht.
Es ist eine Geschichte vom empörenden Umgang mit Frauen. Batsheva, zum
Lustobjekt königlicher Begierde erniedrigt, verliert ihren Mann, muss
mit der unehelichen Schwangerschaft fertig werden, am Ende wird ihr
das Kind genommen und schließlich wird sie auch noch verglichen mit
Vieh. Frau und Kind kommt also der gleiche Wert zu wie Viehbesitz.
In der Auslegungsgeschichte begegnet natürlich häufiger Batsheva als
die fiese Verführerin, die provokant auf dem Dach direkt unter den
Augen des Königs badet. Und David, der Arme, konnte doch nicht anders,
als ihr ganz und gar zu verfallen. Das Motiv der skrupellosen Frau:
Karriere: von der Frau des ausländischen Söldners zur Königin Israels.
Es geht um eine weisheitliche Lehrerzählung des
Tun-Ergehen-Zusammenhangs, sehr verkürzt ausgedrückt: Wenn Du Böses
tust, wird es Dir schlecht ergehen. Weil Davis Böses getan hat, muss
sein Sohn sterben.
Es geht erstaunlicherweise auch um deutliche Kritik an König David,
dem Retter vor der Philisternot (Goliatgeschichte), dem Gründer eines
zusammenhängenden Reiches Israel, der, von dem es heißt: der Messias
wird aus seiner Sippe stammen.
Und von diesem Helden wird schon seit mehr als 2000 Jahren
überliefert, dass er moralisch verwerflich und feige ist und
offenkundig auch noch zu dumm, um die Beispielgeschichte des Nathan
auf sich zu beziehen. Das ist schon erstaunlich.
Aber ehrlich – was gehen Sie und mich heute die Skandalgeschichten aus
dem Jerusalemer Königshaus an? Machtmissbrauch passiert auch heute, da
hätten wir genug aktuelle Wunden, um den Finger hineinzulegen. Der
Umgang mit Frauen, na ja, wir könnten streiten. Aber die Viehbestände
der israelitischen Landbevölkerung von vor 3000 Jahren (ein Schaf oder
eine ganze Herde) sind uns, hier und heute, ziemlich egal, oder nicht.
Wo, liebe Gemeinde, steckt in unserem heutigen Predigttext die gute
Botschaft, das Evangelium Gottes, der doch zum Leben helfen will?
Die gute Botschaft an dieser Stelle, steckt, so paradox es sich
zunächst anhören mag, liebe Gemeinde, in der Rede von Versagen und
Schuld.
Und es geht wohlgemerkt um eigenes Versagen und eigene Schuld. Das ist
das Thema, welches wir nicht so gerne angehen, mit Fremdverschulden
und Fehlverhalten anderer gehen wir dagegen viel lockerer um.
Versagen und Schuld. Wir sind keine perfekten Menschen, können und
müssen das auch gar nicht sein. In dem Bild, das Gott von seinen
Menschen hat, ist Platz für Scheitern, für Versagen und schuldig
werden. Es geht um Gottes und unseren Umgang damit.
Einige Beobachtungen dazu in der Geschichte von David, Batsheva und
Nathan und natürlich Gott:
Gott schickt nicht Nathan zu David, um diesen „fertigzumachen“.
Und Nathan setzt das Geschehen auch nicht in die Jerusalemer
BildZeitung: „Ehebruch. Schuldig! König schickt Mann in den Tod.“
Nathan konfrontiert David noch nicht einmal mit Vorwürfen oder
moralischen Forderungen: „Du hättest, du solltest du müsstest…“
Empörung und Todesurteil über den selbstsüchtigen Reichen stammen von
David selbst, Nathan hält ihm einfach einen Spiegel vor.
Gott will Menschen als mündige, selbstverantwortliche Partnerinnen und
Partner gewinnen. Gott weiß, ja, Menschen werden schuldig, aber er
traut uns auch zu, mit Schuld verantwortlich umzugehn.
Gott liebt nicht die Schuld, aber er liebt die Menschen, selbst dann,
wenn sie Schuld auf sich geladen haben.
So ist es auch kein Ausweg, einfach alles unter den Teppich zu kehren
mit der Haltung „egal, schwach werden kann jeder, vergessen wir’s
einfach“ Alles, was wir tun und lassen, was wir wirken und verwirken
hinterlässt Spuren und hat Folgen, ob wir uns das eingestehen wollen,
oder nicht.
Das nimmt Gott ernst, die Vergebung, die er zuspricht, lautet: Du hast
falsch gehandelt, denn Menschen haben unter deinem Tun gelitten, aber
ich bleibe an deiner Seite, dir zugewandt.
Du kannst dich auch deiner dunklen Seite stellen, auch dem Scheitern,
dem Versagen und deiner Schuld.
Wo, liebe Gemeinde, steckt in unserem heutigen Predigttext die gute
Botschaft? Genau an dieser Stelle. Damals kann David damit weiterleben
und heute können wir es, als mündige, verantwortliche Menschen unter
Gottes Verheißung. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 07.08.08