
Seht die Vögel unterm Himmel
Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis - 17. August 2008
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Matthäus 6, 25-34
Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen? Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
„Sorgt nicht“, sagt Jesus. Ich gebe zu, liebe Schwestern und Brüder,
ich sorge mich persönlich eigentlich ganz schön oft. Ich sorge mich um
die Aufgaben, die ich erfüllen soll, habe etwa mir Gedanken gemacht,
was diesen Gottesdienst angeht, dass ich Ihnen, den Musikliebhabern,
aber auch denen, die mit klassischer Musik wenig anzufangen wissen,
gerecht werde. Ich habe Sorge, dass alles heute ein bisschen länger
dauern könnte als sonst; ich sorge mich, weil ich möchte, dass es für
alle ein schöner Gottesdienst ist.
Noch viel mehr sorge ich mich tagtäglich um Menschen, die mir
anvertraut sind. Manchmal mache ich es mir gar nicht leicht mit mir,
weil ich mir um so vieles sorge oder meine sorgen zu müssen, aber
alles in allem möchte ich gar nicht darauf verzichten, dass ich mich
um andre sorgen kann. Denn ich weiß, andere sorgen sich auch um mich.
Und ich weiß, es ist für mich persönlich kein glückliches Leben, wenn
ich niemanden habe, um den ich mich sorgen kann oder wenn ich mir
selbst so unwichtig geworden bin, dass ich für mich selbst keine Sorge
mehr trage. Das kann es doch jedenfalls nicht sein, was Jesus meint,
wenn er sagt: „Sorgt nicht!“: Seid einander so egal, dass ihr nur auf
Kosten der anderen euch ein bequemes Leben macht! Das war jedenfalls
nicht das Motto des Lebens Jesu, denn der hat sich aufgeregt und
eingesetzt, der hat sich gesorgt um die Menschen, um die Zukunft etwa
seiner Stadt Jerusalem, dem war es nicht gleichgültig, wie es anderen
geht, wie sie zurechtkommen.
„Seht die Vögel unter dem Himmel - die säen nicht, sie ernten nicht,
sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt
sie doch.“ Die Vögel sind mir Vorbild und Begleiter. Ich habe manchmal
etwas dabei, was mich daran erinnert, wie viel näher die Vögel unserer
himmlischen Schöpfer sind als etwa wir Menschen. Heute habe ich hier
solche Federn in der Tasche. Die Federn fliegen im Wind,
zurückgelassen von einem Vogel, der längst woanders ist. Ein Vogel
kann einfach wegfliegen, ist leicht und wendig genug, dass ihm der Weg
Richtung Himmel offen steht.
Sehen Sie, und deshalb sind wir als Christen auch immer wie solche
Vögel. Uns steht der Weg Richtung Himmel offen. Der Glaube an Gott
verleiht uns Flügel, mit denen wir uns lösen können von dem, was nun
in der Tat falsche Sorgen sind. Von solchen Sorgen will uns Jesus
befreien. Von Sorgen, die uns festhalten, die uns wie ein harter Ring
umschließen, aus denen wir aus eigener Kraft nicht herauskommen. Von
Sorgen, etwa vor Krankheit, vor dem Älterwerden, dem Verlust des
Arbeitsplatzes, dem Alltag, der Verantwortung ... Von Sorgen, die uns
Tag und Nacht begleiten und uns morgens schon müde machen. Solche
Sorgen lähmen, sie will Gott eben nicht, er will uns wie Vögel, die
fliegen können, die mit Phantasie und auch Humor, mit Gottvertrauen
und der notwendigen Offenheit des Herzens herausfinden aus den
quälenden Sorgen.
Wir können alle etwas tun gegen solche lähmenden Sorgen. Das sagt
unser Predigttext. Wir können zwar nicht verhindern, dass Sorgen und
Kummer uns das Herz schwermachen, aber wir können etwas dagegen tun,
dass unser Herz ganz und gar umklammert wird von solchen Sorgen. Es
gibt diesen wunderbaren Spruch, der Martin Luther zugeschrieben wird,
von anderen Quellen auch als chinesische Weisheit benannt wird:
„Dass die Vögel der Sorge und des Kummers über deinem Haupt fliegen,
kannst du nicht hindern. Doch kannst du verhindern, dass sie Nester in
deinem Haar bauen.“
Auch deshalb habe ich heute solche Federn mit in den Gottesdienst
gebracht. Die Vögel, von denen sie stammen, die Vögel Sorge und
Kummer, sie sind ist nicht mehr da. Ich habe ihnen nicht erlaubt, in
meinem Haar Nester zu bauen. Das war nicht ganz leicht, denn diese
Vögel sind ganz fix im Nesterbauen. Sich einfach den Sorgen hingeben,
sich nicht mehr bewegen und nur noch zu jammern, wie schlecht es einem
geht, führt schon dazu, dass die ersten Halme für den Nestbau
verflochten werden. Und solche Nester in den Haaren trägt die halbe
Welt für alle sichtbar auf dem Kopf. Es redet sich über Krankheiten,
Ungerechtigkeiten und die Schlechtheit der anderen allemal gut. Und
wer sagt: Das interessiert mich gar nicht, ich bin glücklich und
zufrieden, wird als Außenseiter ausgegrenzt aus dem Chor der
Miesepeter.
Es gibt ein gutes Mittel, zu verhindern, dass die Sorgen sich Nester
bauen. Nämlich den Rat Jesu zu befolgen: „Sorgt euch nicht für morgen,
denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass
jeder Tag seine eigene Plage hat.“
Musik, Musizieren, Singen, kann Sorgen vertreiben. Die Erfahrung von
Gemeinschaft, die ein besonderes Werk gestalten und bewältigen können.
Das Gefühl, etwas gemeinsam zu schaffen. Das Wissen, nicht allein sein
zu sein auf dieser Welt, sondern eingebunden in einer wunderbare
Schöpfung. Ein Geschenk, das uns nicht bedrohen muss, sondern dessen
Teil wir sind. Es gibt so viel Wunderbares in Gottes Schöpfung. Wir
müssen es nur begreifen und sehen lernen. Es kann uns helfen, uns und
unsere überschaubaren Erfahrungen nicht immer so furchtbar ernst zu
nehmen. Es ist ein wunderbares Geschenk, Leben zu dürfen und Anteil zu
haben an Gottes Schöpfung. Das soll der Grundton in unserem Leben
sein! Und wenn ein Tag wirklich ein Paket Sorgen abgeliefert hat,
warum haken wir ihn nicht einfach ab und sagen: „Das war jetzt nicht
gelungen, aber ein neuer Morgen bringt einen neuen Anfang!“ Begreifen
wir jeden neuen Tag als neue Chance! Wir können jederzeit alles
anders, alles neu machen, das sagt der christliche Glaube. Das ist der
tiefe Sinn von dem, was die Bibel Vergebung nennt: Neuanfang. Wenn wir
den Vögeln Sorge und Kummer keinen Nistplatz geben, müssen sie über
kurz oder lang wegfliegen und nur ihre Federn erinnern noch an sie.
Gottvertrauen und in Selbstmitleid zu versinken, sich in den eigenen
Sorgen vergraben, passt nicht zusammen. Wir Christen brauchen gerade
heute den Mut zur Sorglosigkeit.
Liebe Schwestern und Brüder,
ich bin froh, dass ich persönlich durch die Nähe anderer Menschen im
Laufe der Zeit viele unnötige Sorgen losgeworden bin. Ich weiß aber
auch, gerade deshalb werde ich mich in Zukunft um vieles, um ganz
konkrete Menschen sorgen. Ich weiß, das ist gut so. Gerade deshalb
aber sage ich aber auch immer wieder: Seid darin unbesorgt: in euch
allen steckt ein Vogel, der fliegen kann, und der euch hoch zum Himmel
mitnehmen kann, so dass kein Kummer- und Sorgenvogel jemals mit dem
Nestbau fertig wird.
Ich bin am Ende meiner Predigt. Soll ich mich sorgen, dass einige von
Ihnen meinen, meine Predigt sei aber nicht gut genug gewesen und gar
nicht theologisch genug oder dass einige mich gar nicht verstanden
haben? Wissen Sie etwas, darum sorge ich mich jetzt gar nicht mehr.
Ich glaube auch einfach, ein paar haben mich schon verstanden. Oder?
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 17.08.08