
Was wir lebensnotwendig brauchen, fließt uns zu aus dem Garten Gottes
Predigt am 15. Sonntag nach Trinitatis - 31. August 2008
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
VI. Reihe: 1. Mose 2,4b-15
Liebe Gemeinde,
Geschichten und Bilder, die von Anfängen erzählen, von dem, was
beginnt, haben einen besonderen Reiz. Sie haben etwas von
Leichtigkeit, von Unbeschwertheit, auch wenn klar ist, dass in jedem
Anfang auch eine Herausforderung steckt.
Anfänge. Auch Kindheitsgeschichten. Das erste eigene Fahrrad.
Selbständig sein. Zum ersten Mal in die Schule gehen. Die ersten
Sommerferien. In den Sommern unserer Kindheit, die immer länger,
schöner und unbeschwerter waren als heute. Ich wünsche Ihnen, dass
es in Ihrem Leben solche Anfangsgeschichten gegeben hat- auch in
schlechteren Zeiten.
Anfänge. Gott ist bei den Anfängen. Bei den Kindern, wenn wir sie
taufen. Bei den Schulanfängern. Bei denen, die zu Jugendlichen
werden, wenn wir sie konfirmieren. Bei den Menschen, die sich
trauen, als Paar einen Anfang zu machen. Gott ist bei den Anfängen.
Bilder des Anfangs finden wir auch im heutigen Predigttext. Diese
Bilder nehmen uns mit in vorgeschichtliche Urgründe. Sie nehmen uns
zugleich mit in die Tiefe unserer Seele.
Ich lese aus dem 1. Buch Mose, im zweiten Kapitel.
Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und
Himmel machte.
Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und
all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der
HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war
da, der das Land bebaute;
aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land.
Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies
ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein
lebendiges Wesen.
Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und
setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte.
Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume,
verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens
mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.
Und es ging aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern und
teilte sich von da in vier Hauptarme. Der erste heißt Pischon, der
fließt um das ganze Land Hawila und dort findet man Gold;
und das Gold des Landes ist kostbar. Auch findet man da Bedolachharz
und den Edelstein Schoham.
Der zweite Strom heißt Gihon, der fließt um das ganze Land Kusch.
Der dritte Strom heißt Tigris, der fließt östlich von Assyrien. Der
vierte Strom ist der Euphrat.
Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten
Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.
Bilder des Anfangs. Sie sind für das Volk Israel nicht die
wichtigsten. Bedeutsamer ist für sie die Geschichte von der Rettung
des Volkes aus Ägypten: Befreiung und neue Heimat.
Doch wie alle Völker und Kulturen sucht auch Israel Antwort auf die
Frage nach dem Woher des Menschen. Auf die Frage, warum Menschen
sterben und schuldig werden und warum das Leben manchmal so mühselig
ist. Die Paradiesgeschichte wird in ihrem Fortgang auch darauf
Antworten geben.
Die Geschichte vom allerersten Anfang aber lädt uns heute ein, bei
ihr zu verweilen, beim Beginn, der schön ist und Mut machend, leicht
und unbeschwert.
Gott formt und belebt den Menschen- mit seinem Odem. Odem- ein
wunderschönes Wort übrigens. Ich Mensch bin Gottes Geschöpf. Von
Erde genommen und lebendig doch erst durch seinen Hauch.
Erst dann schafft Gott die anderen Dinge- das ist hier anders als in
der ersten Schöpfungsgeschichte. Aber ihr "und siehe, es war sehr
gut", das hören wir hier genauso laut.
Erde und Himmel werden auf den Menschen hin geordnet. Seine Welt ist
ein Garten, in dem er leben kann und den er bebauen und bewahren
soll.
Die Geschichte vom Anfang: Gott sorgt für den Menschen. Sorgen um
die Dinge dieser Welt soll nicht unser Leben bestimmen. Gott sorgt
für uns, mit seinem Odem in uns allen, seinem Garten, seiner
Schöpfung, seinen Gaben.
Des Menschen Aufgabe: Sorge für die Dinge dieser Welt. Mit Gott an
unserer Seite. Vielleicht war das am Anfang leichter. In der
Leichtigkeit des Neuen und mit dem Zauber des Anfangs. Wer weiss...
Und heute? Wohin hat Gott mich heute gestellt, um zu bebauen und zu
bewahren? Bin ich richtig, wo ich bin? ..
Leben braucht Wasser. Frisches, lebendiges Wasser, Regenwasser und
Wasserbäche, Frühregen und Taufwasser. Wasser für Leib und Seele.
Wasser quillt unaufhörlich in Eden und für die Welt. Von dort
ergiesst sich ein Strom, der nicht nur den Garten bewässert. Er
teilt sich auf und erreicht so die verschiedenen Orte auf Erden. Ein
Bild von strömendem, lebendigem Wasser, das Leben schenkt.
Mit diesem Anfangsbild im Herzen entdecke ich: Was wir
lebensnotwendig brauchen, fließt uns zu. Die Luft zum Atmen, der
blaue Himmel über uns. Die Liebe der Menschen. Die Gemeinschaft
heute morgen. Die Kraft, für jemanden sorgen zu können. Der Mut,
immer wieder neu anzufangen. Das Vertrauen in Gottes Fürsorge für
uns.
Was wir lebensnotwendig brauchen, fließt uns zu aus dem Garten
Gottes. Von dort kommt es. Von Gott. Er sorgt für uns. Vielleicht
stehen für uns als Christinnen und Christen in diesem Garten auch
eine Krippe und ein Kreuz, Zeichen dafür, dass Gott selbst aus
seinem Garten zu uns kommt.
Mir gefällt dieses Bild von einem Neuanfang für uns....
Liebe Gemeinde, ein traumhafter Anfang entrollt sich am Beginn der
Paradiesgeschichte. So wünsche ich mir das Leben. Dass ich geborgen
bleibe am vollkommenen Ort, eine sinnvolle, schöne Aufgabe habe und
gelassen meinen Weg gehen kann. Wenn ich das erlebe, leuchtet das
Paradies auf.
Jenseits von Eden sieht das leben oft ganz anders aus. Die Schönheit
und die hellen Momente werden verdunkelt von Verstrickungen und
Verlust. Das lässt meine Sehnsucht wachsen und ich erinnere mich an
die Anfänge.
Anfänge. Gott ist bei den Anfängen. Damals und heute. Er sorgt für
uns. Er lässt meine Sehnsucht nach Paradiesgärten grünen und
erinnert mich an eine Zukunft, die möglich ist. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 24.09.08