
Von wem lassen Sie sich ermahnen?
Predigt am 18. Sonntag nach Trinitatis - 21. Sept. 2008
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
VI. Reihe: Epheser 5, 15-21
Liebe Gemeinde,
wenn Sie es sich aussuchen können- von wem lassen Sie sich ermahnen?
Wer darf Ihnen sagen, was Sie tun oder besser lassen sollten, wer
darf Ihnen ins Gewissen reden? Wer darf Sie kritisieren, Ihnen
Fragen stellen- Wer darf Sie in Frage stellen und das, was Sie tun?
Ist es Ihr Mann oder Ihre Frau, Ihre Kinder, gute Freundinnen und
Freunde, oder sind es Eure Eltern- manchmal vielleicht zu oft?
Ermahnungen werden wir gleich hören im Predigttext für den heutigen
Sonntag. Typisch Kirche- mag vielleicht mancher sagen, der Glauben
und Kirche verbindet mit Zwang und Gehorsam. Gottseidank wenigstens
noch in der Kirche- mögen andere sagen: wenigstens die Kirche hält
die Werte in unserer Gesellschaft noch hoch.
Der Abschnitt für heute stammt aus der Feder eines unbekannten
Absenders. Wahrscheinlich wurde auch erst im Lauf der Zeit die
Adresse hinzugefügt: die Gemeinde in Ephesus.
Ich lese aus dem 5. Kapitel, Vss. 15-21.
Seht sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt,
nicht als Unweise, sondern als Weise, und kauft die Zeit aus; denn
es ist böse Zeit.
Darum werdet nicht unverständig, sondern versteht, was der Wille des
Herrn ist.
Und sauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen
folgt, sondern lasst euch vom Geist erfüllen.
Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen
Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen
und sagt Dank Gott, dem Vater, allezeit für alles, im Namen unseres
Herrn Jesus Christus. Ordnet euch einander unter in der Furcht
Christi.
Ermahnungen, liebe Gemeinde - vom Weise-Sein nach dem Willen des
Herrn über das Meiden von Alkohol bis hin zur Aufforderung, sich
einander unterzuordnen, ist alles dabei. Gerade das letzte hat seine
Spuren in der Kirchengeschichte hinterlassen. Der letzte Satz: das
Gebot zur Unterordnung, ist nämlich der Auftakt zur sogenannten
Eheregel des Epheserbriefes: Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern
unter- so lautet der folgende Vers. Und mit diesem Satz reiht sich
der Verfasser ein in ein Verständnis von Ehe und Partnerschaft, wie
es in der antiken Umwelt üblich war. Der Hausherr war derjenige, der
über Frauen, Kinder und Sklaven als Oberhaupt regierte. Lange Zeit
hat diese Sichtweise die christliche Ehe geprägt. Gefehlt hat dabei
die Frage nach der Gotteskindschaft aller Menschen, geschaffen als
Mann und Frau, als Ebenbilder Gottes mit gleicher Würde und gleichen
Rechten versehen. Gefehlt hat die gute Botschaft, zu entdecken in
den Worten am Leben Jesu, der Männer und Frauen zu sich gerufen hat,
als gleichberechtigte Kinder Gottes.
Und eigentlich, so glaube ich, ist der Verfasser des Textes mit
seiner Übernahme des herrschenden, hierarchischen Familienbildes
seinen eigenen Worten auch nicht gerecht geworden, den Worten, die
wir im Predigttext hören.
Vielleicht wird das, was der Schreiber sagen möchte, verdeckt durch
die Form, die er wählt: Ermahnungen, Worte von "du sollst" und "Tu
nicht".
Aber was auch dasteht, ist etwas Mutmachendes und Kreatives, etwas,
was sich verändert und immer wieder neu ist: "Sucht danach und
versteht, was der Wille des Herrn ist. Lasst euch vom Geist
erfüllen. "
Lasst euch vom Geist erfüllen bei der Suche nach dem Willen Gottes:
Für mich heißt das: in der Gemeinschaft von Christen und Christinnen
danach zu suchen, was in böser Zeit- in jeder Zeit?- der Wille
Gottes ist.
Darauf zu vertrauen, dass, wo zwei oder drei in Jesu Namen
versammelt sind, der Geist Gottes dabei ist, ob in der
Presbyteriumssitzung oder in der Frauenhilfe. Dem anderen diesen
Geist zuzutrauen, auch wenn ich mit ihm oder ihr uneins bin. So- wie
ich es ja wirklich an einigen Stellen mit dem Schreiber oder der
Schreiberin des Epheserbriefes bin.
"Ermuntert einander mit geistlichen Liedern, singt und spielt dem
Herrn in eurem Herzen." Haben Sie es gespürt? Als die Flöten
gespielt haben, die Orgel? Haben Sie es beim Singen gespürt?Singen
mehr noch als Musik hören kann die Menschen Gott näher bringen. Und
es kann die Menschen auch einander näher bringen. Im Singen fällt
die Grenze zum Menschen neben mir: wir atmen im gleichen Rhythmus,
stimmen überein. Gemeinsam bringen wir etwas Schönes hervor.
Und das nicht als frommer Rausch. Was wir dem Herrn in unserem
Herzen singen und spielen, das erweist seinen Bestand in unserem
Leben, im Alltag. Denn dorthin nehmen wir die Lieder mit, wir
pfeifen sie und summen sie, wir kauen auf manchen Zeilen, wachen mit
ihnen auf und gehen mit ihnen schlafen. "Singt und spielt dem Herrn
in euren Herzen"! Diese Ermahnung tut mir gut.
Im gemeinsamen Feiern, Singen, und Beten legen wir den Grund dafür,
dem Willen Gottes auf die Spur zu kommen. Was das konkret ist, das
dürfen und müssen wir immer wieder in Diskussionen ausmachen und
ausfechten: Ob wir uns für Neuzugezogene stark machen oder für
Kinder, ob wir neue Gottesdienstformen wollen oder nicht, ob wir uns
in politische und soziale Fragen einmischen und in welche. Für jeden
und jede von uns steht auch in seinem privaten Leben, seinem
Verhalten gegenüber Umwelt und anderen Menschen die Frage nach dem
Willen Gottes immer wieder auf dem Prüfstand. Wie gut, wenn wir dann
Menschen finden, mit denen wir das offen und auf der Suche
besprechen dürfen. Die sich und uns auf das Reich Gottes hin ordnen:
"Ordnet euch einander unter im Blick auf Christus."
Ein jeglicher könnte dem andern so mit seinen Augen, mit seinen
Ohren, seinen Händen und vor allem mit seiner Achtsamkeit dienen.
Liebe Gemeinde,
von wem lassen Sie sich ermahnen? Wer darf Ihnen sagen, was Sie tun
oder besser lassen sollten, wer darf Ihnen ins Gewissen reden? Wer
darf Sie kritisieren, Ihnen Fragen stellen- Wer darf Sie in Frage
stellen und das, was Sie tun? Wer darf Sie auf Gottes Willen weisen?
Das dürfen Menschen tun, die mit Ihnen verbunden sind. Die sie
kennen und denen es am Herzen liegt, Sie zu bewahren vor falschen
Entscheidungen, vor einem Handeln, das keine Frucht der Liebe Gottes
ist. Die Sie ermuntern wollen, zu leben wie ein Baum, gepflanzt an
Wasserbächen. Vielleicht sogar Menschen, die heute hier sind, die
mit Ihnen gesungen, gefeiert und gebetet haben. Christinnen und
Christen, Schwestern und Brüder, wir alle auf der Suche nach dem
Willen Gottes. Gemeinsam, geleitet von Gottes Geist, den wir aus den
Liedern und Gebeten mit in die Gemeinde und die Welt nehmen.
Dann sind wir als Gemeinde, als Kirche, weder eine bedrückende
Moralanstalt noch der werterhaltende Tarnanstrich einer
unbarmherzigen Gesellschaft, der alle Werte verloren gehen. Davor
wird uns der Geist Gottes bewahren, der uns den Blick schärft für
Gottes Willen und der sich Raum schafft in meinem Herzen, und in
Ihrem, und in Ihrem. Dank sei Gott dafür. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 24.09.08