
Halsstarrig
Predigt am 19. Sonntag nach Trinitatis - 28. September 2008
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
VI. Reihe: 2. Mose 34,4-10
Halsstarrig war es, liebe Gemeinde, das Volk Israel. Halsstarrig-
ich hätte mich ehrlich nicht gewundert, wenn das
Rechtschreibprogramm meines Computers dieses Wort als unbekannt
angezeigt hätte. Es war nicht so- es wäre auch zu schade um dieses
Wort.
Halsstarrig- lassen Sie uns einen Moment bei diesem Wort bleiben:
ein starrer, steifer Hals. Nicht rechts sehen können und nicht
links, auch nicht nach hinten, und allzu weit nach vorne reicht der
Blick auch nicht.
Nur das immer gleiche begrenzte sehen zu können, mit steifem Hals
und Blick, das verengt die Perspektive, macht sogar blind für
vieles, was doch so gut und wichtig wäre zu sehen. Halsstarrig war
es, das Volk Israel, immer wieder, bei seinem Weg durch die Wüste.
Es blickte nicht zurück, auf die Taten Gottes, seine Liebe und
Fürsorge, nicht auf die Herausführung aus Ägypten, nicht auf den
Bund, den Gott schon mit ihm geschlossen hatte. Es blickte nicht
nach vorne, auf die Zukunft, die ihm verheißen worden war.
Es macht sich ein goldenes Kalb, weil es etwas zum Festhalten
braucht, wenn Gott nicht dort ist, wo das Volk Israel hinsieht- mit
kurzem, halsstarrigen Blick. Aber doch verlässt Gott sein Volk
nicht, bleibt bei ihm und bei Mose, und erneuert seinen Bund mit
seinem halsstarrigen Volk. Davon erzählt unser Predigttext Ex
34,4-10
Und Mose hieb zwei steinerne Tafeln zu, wie die
ersten waren, und stand am Morgen früh auf und stieg auf den Berg
Sinai, wie ihm der HERR geboten hatte, und nahm die zwei steinernen
Tafeln in seine Hand.
Da kam der HERR hernieder in einer Wolke, und Mose trat daselbst zu
ihm und rief den Namen des HERRN an.
Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber, und er rief aus:
HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer
Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt
Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand,
sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und
Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied!
Und Mose neigte sich eilends zur Erde und betete an und sprach: Hab
ich, HERR, Gnade vor deinen Augen gefunden, so gehe der Herr in
unserer Mitte, denn es ist ein halsstarriges Volk; und vergib uns
unsere Missetat und Sünde und lass uns dein Erbbesitz sein. Und der
HERR sprach: Siehe, ich will einen Bund schließen: Vor deinem ganzen
Volk will ich Wunder tun, wie sie nicht geschehen sind in allen
Landen und unter allen Völkern, und das ganze Volk, in dessen Mitte
du bist, soll des HERRN Werk sehen; denn wunderbar wird sein, was
ich an dir tun werde.
Das ist er, liebe Gemeinde, der Gott Israels, der Gott Jesu,
unser Gott. Der Gott, der von sich selber sagt: "HERR, HERR, Gott,
barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue,
der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und
Sünde." Dieser Gott ist kein Wüsten- und Rachegott. Keiner, der ohne
Rücksicht auf Verluste straft und schlägt. Dieser Gott ist unser
Gott!
Aber auch keiner, der die Sünde übersieht. "Ungestraft lässt er
niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und
Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied!"Ich treffe manchmal
auf Menschen, deren Leben sich so abspielt. Wenn die Missetat der
Eltern den Kindern das Leben zerstört, durch Misshandlungen,
Mißbrauch, Lieblosigkeit. Wenn wir unseren Kindern eine unbewohnbare
Welt hinterlassen. Ob es Gott ist, der die Menschen so heimsucht,
oder nicht doch die Menschen selbst in ihrem Tun?
Was klar ist: Schuld hat Folgen. Oft verfolgt sie Menschen über
lange Zeit. Und es ist wahrhaftig, diese Folgen anzusehen und
anzuerkennen.
Und eine Versöhnung kann es nicht geben, wenn die Wahrheit über die
Schuld unausgesprochen bleibt. DAS, so höre ich hier, gilt auch bei
Gott.
Und nun? Wenn ich das nicht kann? Wenn mich mein Scheitern, meine
Schuld so drückt, so verängstigt, so lähmt, dass ich lieber, ganz
starr, an ihr vorbeischaue, dabei den Nächsten übersehen, Gott und
auch das, was Gott an Gutem für mich bereit hält, an
Handlungsmöglichkeiten und Wegen ? Halsstarrig wie das Volk Israel??
Gott weiß, dass Halsstarrige sich nicht selber wenden können. Aber
weil Gott sich uns zuwendet, ist auch für uns Bewegung möglich- so,
wie für das Volk Israel, für das Mose bittet und mit dem Gott seinen
Bund wieder schließt.
Wer halsstarrig ist- und jedem, der Schuld auf sich geladen hat, dem
verspricht Gott: Ganz nah gehe ich an dir vorüber. Ich löse deine
Erstarrung. Ich rufe laut: Gott bin ich, barmherzig und gnädig und
geduldig, von großer Güte und Treue.
Dann beginnt es. Du kommst in Bewegung: erst ein wenig, siehst
vielleicht nicht nur geradeaus, sondern folgst deinen Augen. Drehst
den Kopf ein bißchen, mühsam, schaust Gott nach, seine Worte bewegen
dich. Dein starrer Hals, dein eingeengter Blick, dein verhärtetet
Rücken- alles kommt in Bewegung.
Siehst den, der neben dir ist. Siehst auch, wie lange du ihn nicht
gesehen hast, deinen Partner, deine Partnerin, deinen Kollegen,
deine Nachbarin, deinen Gott. Siehst die Schuld, die du auf dich
lädst.
Aber musst unter dieser Schuld nicht wieder erstarren. Kannst sie
tragen, weil Vergebung in Sicht ist. Gott bin ich, barmherzig und
gnädig und geduldig, von großer Güte und Treue. Der da Tausenden
Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde." Kannst
wieder Zukunft sehen, auch mit den Menschen, denen du etwas
schuldest. Mag sein, Gott gibt dir Wege auch zu ihnen: "denn
wunderbar wird sein, was ich an dir tun werde."
Noch ein Gedanke, der sich zwischen "halsstarrig" und "hartnäckig"
bewegt: Halsstarrig brauchen wir nicht zu sein. Wir können uns und
unsere Schuld ansehen, den Nächsten und die Welt, weil wir wissen:
Der gnädige und barmherzige Gott bewegt und beschenkt uns mit seiner
Gnade und Treue.
Hartnäckig hingegen sollten wir schon sein: da, wo wir sehen, dass
Menschen von Menschen im Alltag beschädigt werden, wo wir dazu
kommen, wenn Menschen Gewalt erfahren, wenn in unserer Gesellschaft
Leben verwehrt wird. Gegen diese Schuld von Menschen an Menschen
sollen wir angehen- bewegt und zur Hartnäckigkeit ermutigt von
unserem Gott.
Und Gott erkennt uns: als Suchende nach dem, was uns heil macht.
Als Hoffende auf seine Liebe.
Er erkennt uns als Fragende nach dem Weg zu einem gelingenden Leben,
als Menschen, die nach seinem Willen handeln wollen. Mit ihm im
Bunde. Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 23.10.08