
»Schau, in beide Handflächen habe ich dich gezeichnet«
Predigt am 1. Sonntag nach dem Christfest - 30.12.2007
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
VI. Reihe: Jesja 49,13-16
Jubelt, ihr Himmel, freue dich, Erde! Brecht aus in Jubel, ihr Berge!
Denn Gott hat sein Volk getröstet und erbarmt sich der *Elenden.
Aber Zion spricht: »Gott hat mich verlassen,
*die Macht über mein Leben hat mich vergessen.«
Kann eine Frau ihr Neugeborenes vergessen?
Sie erbarmt sich doch über ihr leibliches Kind.
Selbst wenn sie es vergäße, ich vergesse dich nicht!
Schau, in beide Handflächen habe ich dich gezeichnet,
deine Mauern sind immer vor mir. [Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache]
Jubelt ihr Himmel! Freue dich, Erde! Brecht aus in Jubel, ihr
Berge! Gott hat sein Volk getröstet und erbarmt sich der Elenden!
Das, liebe Gemeinde, ist nicht ein nach-weihnachtlicher Jubel über die
Geburt des Messias im Stall, sondern fast 600 Jahre älter als Jesus
von Nazareth.
Der Prophet Jesaja, eigentlich ein namenloser Prophet, der sich dem
ersten Propheten Jesaja sehr verbunden fühlte, wirkt unter seinen
Landsleuten im babylonischen Exil. Über 50 Jahre warten sie auf die
Rückkehr in die Heimat und auf den Wiederaufbau des zerstörten
Tempels.
Sie leben in Babylon, sie warten, sie passen sich den Gegebenheiten
an, trauern ihrer Heimat nach, und es treibt sie, also zumindest die,
die noch darüber nachdenken, ein wichtiges Problem um. Wo ist Gott im
fremden Land, in der fremden Stadt, in der fremden Kultur, die andere
Götter verehrt.
Ist Gott nur ein Gott, der im Jerusalemer Tempel wohnt? Ein Gott des
Landes Israel oder gar des Königreiches Juda? Ein Gott, dessen
Einfluss nicht bis an Euphrat und Tigris heranreicht?
Worüber also sollen sie jubeln?
Gott ist nicht spürbar in Babylon. Würde er auch hier mächtig sein,
dann läge doch Babylon in Schutt und Asche, und nicht Jerusalem.
So spricht eine Stimme, Zion genannt, der andere Name Jerusalems, das
aus, was viele in Babylon denken und was vielleicht auch die bewegt,
die in Jerusalem übrig geblieben sind:
Gott hat mich verlassen. Die Macht über mein Leben hat mich vergessen.
Nun gut, die Vorstellung, Gottes Macht reicht nicht über Landesgrenzen
hinaus, mutet uns eher merkwürdig an, aber mal ehrlich: was wäre unser
Anlass, lauthals in den Jubel des Propheten einzustimmen: „jubelt,
Himmel, Erde, Berge! Gott nimmt sich der Elenden an“?
Ich fürchte, ich bin eher geneigt, Zion zuzustimmen. Kaum das das
große Fest vorbei ist, hören wir wieder von Gewalt und Terror im Irak
und Pakistan, von Naturkatastrophen in Indonesien, davon, das Amerika
noch immer nichts tut, um seinen Ausstoß von Treibhausgasen zu
reduzieren. Davon, das die Friedensverhandlungen im Nahen Osten nicht
von der Stelle kommen, weil parallel Siedlungen gebaut werden auf
enteignetem Grund und Boden. Und wenn es dann als Antwort auf diese
Klage heißt: Kann eine Frau ihr Kind vergessen? Dann würde ich nach
den vielen Meldungen dieses ausgehenden Jahres sagen: Ja, Kinder
werden von ihren Eltern vergessen, misshandelt, von Erwachsenen
missbraucht und getötet. Wo ist hier Anlass, in Jubel auszubrechen,
der die ganze Schöpfung einschließt?
Gott hat sein Volk getröstet und erbarmt sich der Elenden?
Wie und wo soll das geschehen sein?
Sicher nicht, wenn wir erwarten, wir dürften in so einer Art
Schlaraffenland leben, wo ein allmächtiger Gott uns alle Sorgen und
alle Verantwortung abnähme.
Sicher nicht, wenn wir hoffen und wünschen, Gott möge endlich mächtig
dreinschlagen in alle Krisenherde dieser Erde und er möge die Großen
umgehend bestrafen, die die Kleinen ausbeuten, vergessen und
vernichten.
Gott hat sein Volk getröstet und erbarmt sich der Elenden.
Die erste und wichtigste Mitteilung des Propheten an seine Landsleute:
Gott ist auch in der Fremde, in der vermeintlichen Gottesferne ihr
Gott.
Gott ist auch da noch unser Gott, wo wir ihn nicht spüren, wo wir uns
von ihm verlassen und vergessen fühlen. Und: Gott ist nicht ein Gott
der Reichen und der Machthaber, sondern ein Gott, der sich der Elenden
annimmt.
„In beide Handflächen habe ich dich gezeichnet“ - so zitiert der
Prophet diesen Gott. Wie die Linien in unseren Handflächen zu uns
gehören, so gehören wir zu Gott. Untrennbar verbunden.
Kann es eine wichtigere Zusage geben? Gibt es ein schöneres Bild für
Liebe als dieses: In beide Handflächen habe ich dich gezeichnet? Wohl
kaum. Weihnachten nimmt Gott uns so wahr, wie wir sind: Verletzliche,
ängstliche Menschen, die einen verlässlichen Halt für ihr Leben suchen
und ihn oft nicht finden in den Dingen, mit denen wir Menschen uns so
umgeben. Was trägt uns, wenn es ernst wird?
Dann trägt uns, dass wir nicht alleine sind. Dann trägt uns, dass wir
wahrgenommen sind, dass Gott uns kennt und wir jeden Tag neu von ihm
hören dürfen: Fürchte dich nicht. Du gehörst doch mir.
Natürlich fürchten wir uns trotzdem. Mit Worten, auch mit Worten
Gottes, ist es nicht allein getan. Wir fürchten mit Recht, arm zu
werden, ohne Arbeit zu sein, krank zu werden und womöglich im Alter
vergessen zu werden. Wir fürchten mit Recht, dass die Erde immer mehr
zerstört werden kann von Menschen, die nur ihr eigenes Bestes wollen
ohne Rücksicht auf andere. Es wäre beinahe unmenschlich, wenn wir das
alles nicht fürchten würden. Und es ist auch ganz wichtig, dass wir
uns diese Furcht ehrlich eingestehen. Wir legen Gott und seine Worte
ja nicht wie einen großen Mantel über alle Sorgen - in der Hoffnung,
sie so zu ersticken. Das geht schief, fürchte ich. Unterdrückte oder
verdrängte Sorgen werden nur größer und dann schlimmer. Aber wir tun
etwas anderes. Wir gestehen uns alle Sorgen ehrlich ein und suchen
dann danach, wie die Sorgen kleiner werden können.
So werden auch wir die Sorgen bestehen. Wir stellen ihnen unsere ganze
Hoffnung entgegen. Als in Gottes Hände Gezeichnete verlassen wir uns
darauf, dass Gott seine schützenden Hände nicht von uns nimmt. Nie.
Unter keinen Umständen. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 30.12.07