
Hören
Predigt am 1.Sonntag nach Trinitatis - 25. Mai 2008
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
VI.Reihe: 5.Mose 6, 4-9
„Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein.
Und du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.
Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.
Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.“
Gott, segne dein Wort an uns allen. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
„Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein …“ unser Text
ist der Beginn des Schma Israel, des Urbekenntnisses des jüdischen
Glaubens. Jeder fromme Jude hat es zu beten – zweimal am Tag, morgens
und abends. Und Jesus bekräftigt ausdrücklich: „Dies ist das
vornehmste Gebot: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von
ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft.“ (Markus
12).
Es geht also um das 1. Gebot: „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst
keine Götter haben mir.“ Und es geht um die Auslegung Martin Luthers
in seinem kleinen Katechismus „Wir sollen Gott über alle Dinge
fürchten, lieben und vertrauen.“
Da ist nichts Trennendes zwischen Juden und Christen und auch nicht
den Muslimen, dieses Bekenntnis, dass es allein Gott der Herr ist. Und
das nichts Menschliches an die Stelle Gottes treten darf: Gott und
Vaterland; Gott und Geld; Gott und Vernunft; Gott und Macht. „Woran du
dein Herz hängst, das ist dein Gott.“ Daran kann man gut erkennen, was
wir Menschen oftmals an die Stelle Gottes setzen: Gesundheit, Erfolg,
Anerkennung. Es kann aber nur einen Gott geben – und für uns Christen
ist dies (mit den Worten der Barmer Erklärung von 1934): „Jesus
Christus ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben
und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.
Das Wort Gottes hören, das ist der Anfang von allem. Gott spricht zu
uns. Seine Stimme hören und verstehen zu wollen, setzt voraus, ihm
Raum in unserem Leben zu geben. Bewusst einmal Abstand zu nehmen von
den lauten und hektischen Geräuschen des Alltags und auf die Stille zu
lauschen. Dazu bedarf es einer Änderung unseres Verhaltens und auch
der Geduld.
Das Schma Israel hat der fromme Jude am Morgen und Abend zu beten.
Dieses Gebet steht auf einem Merkzettel, von denen einige stets mit
einem schmalen Lederriemchen befestigt auf dem Handrücken oder der
Stirn zu tragen sind. Auch an der Haustür steht dieses Bekenntnis und
die Mahnung: „Du sollst den Herrn, deinen Gott liebhaben von ganzem
Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ Höre Israel – dass
heißt auch: „Höre Israel zu“. Lerne von ihm die Kunst des Einprägens,
der Wiederholung, dem immer neuen Hörens.
Ich kenne noch die Zeit, da galt das alles in der Kirche nicht viel.
Regelmäßiger Gottesdienstbesuch? Wie altmodisch – oder, noch
schlimmer: wie katholisch! Wir machen „Events“, Gottesdienste, wie und
wann wir dazu Lust haben. Lesen in der Bibel? Uninteressant, wir lesen
etwas anderes, leichter Zugängliches. Regelmäßiges Beten? Man war
geradezu stolz, darauf zu pfeifen und unterstellte denen, die sich
dazu bekannten, religiöse Verirrung.
Heute sehe in der unserer Kirche längst eine andere Entwicklung.
Menschen haben eine Sehnsucht, ein Bedürfnis nach dem Erspüren von
Gottes Stimme. Sich suchen einschneidende Erlebnisse, gehen hinaus aus
ihrem Alltag, suchen die Stille, das Hinaussteigen aus dem, was nur
Spaß und Freude macht, dem, was sie bis zu Überdruss kennen und suchen
das ganz andere. Es ist kein Zufall, dass Hape Kerkelings Buch über
den Jakobsweg immer noch Bestseller Nr.1 ist.
In irgendeiner Form sich zu versenken, neu das Hören, das achtsame
Lauschen zu lernen, es einzubauen in den Alltag – das ist für viele
Menschen etwas ganz Natürliches. Wie ein Mantra Glaubenssätze zu
wiederholen, das sie ganz tief in uns hineinfallen, sich festmachen in
unserem Inneren, das tun viele Leute und es ist keine religiöse
Verirrung.
Das Schma Israel ist das erste Gebet, das die Kinder lernen. Und für
viele ist es das letzte, das sie auf dem Sterbebett mitbeten. Viele
Juden haben dieses Bekenntnis auf dem Weg in die Gaskammern der
Konzentrationslager gebetet. Das Bekenntnis zu der Liebe Gottes ist
das, was gar nicht oft genug und tief genug sich in unser verankern
kann. Christlich Mystikerinnen und auch Mystiker werden heute neu
entdeckt – es wäre noch besser, wir würden ihre Entdeckungen der
Hörens in der Stille viel mehr in unseren Glauben, auch in unsere
Gottessdienste einbauen.
Der Glaube kommt aus dem Hören – so sagt es Paulus. Und das Hören
braucht Zeit – und Übung: es hört sich nicht von allein. Es muss um
uns: und es muss vor allem in uns still werden. Regelmäßige
Gebetszeiten, Zeiten der Stille; Wiederholungen geprägter Formen: all
das hat seinen Sinn. Sonst hören wir immer nur die eigene Stimme, aber
nicht die Stimme des einen Gottes, der immer neu zu uns sprechen will.
Eine kleine Geschichte zum Schluss:
Ein Indianer besucht einen weißen Mann. In einer Stadt zu sein, mit
dem Lärm, den Autos, den vielen Menschen, das ist ungewohnt und
verwirrend für ihn. Die beiden Männer gehen die Straße entlang, als
der Indianer plötzlich stehen bleibt: „Hörst du auch, was ich höre?“
Der andere horcht: „Alles, was ich höre, ist das Hupen der Autos und
das Quietschen der Straßenbahn.“ „Ich höre ganz in der Nähe eine
Grille zirpen.“ „Du musst dich täuschen. Hier gibt es keine Grillen.
Und selbst wenn: bei dem Lärm könnte man sie nicht hören.“ Der
Indianer geht ein paar Schritte weiter und bleibt an einer Hauswand
stehen. Behutsam schiebt er die Blätter eines Löwenzahns auseinander –
da sitzt tatsächlich eine Grille.
Der andere sagt: „Indianer können eben besser hören als Weiße.“ Da
nimmt der Indianer ein 50-Cent-Stück und wirft es auf das Pflaster. Es
klimpert leis auf dem Asphalt. Sofort bleiben Leute stehen und schauen
sich suchend um. „Siehst du“, sagt der Indianer, „das Geräusch, das
das Geldstück macht, war nicht lauter als die Grille. Und doch hörten
es viele. Wir alle hören eben auf das, worauf wir zu achten gewohnt
sind.“
Sollten wir, liebe Schwestern und Brüder, nicht wieder lernen und
üben, auf die Stimme des einen Gottes zu hören, der sagt: „Ich bin der
Herr, dein Gott. Ich liebe dich von ganzer Seele. Deshalb liebe auch
dich und deinen Nächsten.“ Es braucht Geduld und den Mut zur Stille.
Er klappt nicht auf Anhieb. Aber es lohnt sich, dieses achtsame Hören
zu üben und in den Alltag einzubauen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus, unserm Herrn. Amen.
Ich höre mit meinem Ohren, Gott,
das Rauschen der Bäume,
die flirrende Hitze,
die Macht des Sturms,
die Gewalt des Donners,
das Wispern des Windes.
Ich höre mit meinen Ohren, Gott,
dein Lied in allen Geschöpfen
und freue mich und danke dir
und stimme ein, dass alles, was ich höre, gesegnet sei:
Ich höre in meinen Ohren, Gott,
die Seufzer der Traurigen,
die Schreie der Unterdrückten,
das Ächzen der Beladenen,
das Geklapper der Haltlosen
und die Stimmen meines eigenen Leids.
Ich höre in meinen Ohren, Gott,
die Not unserer Zeit.
Lass uns unsere Ohren nicht verschließen
gegen Unrecht und Not.
Lass uns nicht verstummen vor dem Elend
und gib uns Kraft, unsere Stimme zu erheben,
wo wir gefragt sind.
Ich höre mit meinen Ohren, Gott,
die Klänge der Stille,
die Schwingen der Liebe,
die Lieder des Lebens,
die Klarheit des Worts.
Ich ahne deine Gegenwart:
in allem Rauschen und Dröhnen,
Seufzen und Fließen
ahne ich deine Stimme
wie die Stimme der Stille.
Ich kann aufmerken, kann mich hinwenden,
hinlauschen und hören auf dich.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 25.05.08