
Bewegen
Predigt am 2. Sonntag nach Trinitatis - 1. Juni 2008
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
VI. Reihe: Psalm 36
Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,
und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.
Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes
und dein Recht wie die große Tiefe.
Herr, du hilfst Menschen und Tieren.
Wie köstlich ist deine Güte, Gott,
daß Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!
Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses,
und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,
und in deinem Lichte sehen wir das Licht.
Liebe Gemeinde,
ich möchte Sie heute morgen "bewegen"- aber erschrecken Sie jetzt
nicht- jeder darf auf seinem Platz bleiben, darf so bleiben, wie und
wo er oder sie gerade ist.
Aber das wir uns im Gottesdienst bewegen- das ist uns ja ganz
selbstverständlich- uns, die wir uns im Gottesdienst und seinem
Geschehen auskennen.
Wir stehen auf, wenn die Liturgie beginnt, wir setzen uns nach dem
Amen des Kollektengebetes, wir erheben uns zur Evangeliumslesung und
zum Glaubensbekenntnis. Zum Beten stehen wir auf, und den Segen, den
empfangen wir stehend, mit beiden Füßen fest auf dem Boden. Und wer
das nicht so gut kann, wegen Alter oder Krankheit, wer das nicht so
gut kann - aufstehen, stehen, hier im Gottesdienst, der wird das, so
denke ich es mir, wohl auch so manches Mal als Einschränkung
empfinden.
Wir bewegen uns: Bei der Predigt sitzen wir, zum Abendmahl stehen wir
auf, verlassen unseren Platz. Wir stehen im Kreis um den Altar neben
einem Menschen, den wir vielleicht heute morgen noch gar nicht
wahrgenommen haben. Wir bewegen uns- und verändern so auch immer
wieder unsere Blickrichtung, unsere Perspektive.
Vielleicht ändert, erweitert sich mit der Bewegung sogar unser Blick
auf Gott- ein klein wenig-er kann uns ferner erscheinen oder näher
kommen, sich uns im Kreuz hier vorne oder im Nächsten neben mir
zeigen. Er kann uns stehend Ehrfurcht abverlangen oder uns am Altar in
Liebe ganz nahe kommen- wo wir sind, ob wir sitzen, stehen oder gehen.
Liebe Gemeinde, ich möchte Sie heute morgen "bewegen", so habe ich
begonnen. Aber eigentlich ist das nicht ganz richtig: nicht ich bewege
Sie, sondern das können Sie ja nur selber tun. Und, was genauso
wichtig ist: ich lade Sie ein, einer Bewegung zu folgen, die nicht ich
vorgebe, sondern das Psalmwort, die Verse aus Psalm 36, die wir eben
gemeinsam gesprochen haben.
Aufrecht stehen, nach oben schauen, auf den Grund blicken; uns setzen,
weil wir Ruhe finden; und dann wieder den Blick heben und nach vorne
schauen- dazu lädt uns der Psalm ein. Er will uns bewegen, liebe
Gemeinde:
Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,
und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.
Den Himmel sehen und Wolken, die ins Weite ziehen: dabei möchte man
den Kopf in den Nacken legen, den Rücken gerade machen. Vielleicht
sogar die Arme ausbreiten. Das abwerfen, was beschwert und
niederdrückt, den Blick und den Körper lähmt. Kein Wunder, dass der
Himmel von jeher als der Ort Gottes gilt. Denn so wie der Himmel
unendlich und grenzenlos ist, so ist auch Gott seinem Wesen nach ohne
Anfang und Ende: unergründlich und grenzenlos. Angerührt werden von
der grenzenlosen Kraft und Freiheit des Himmels, und einen Abglanz
davon in der Seele spüren können. Eine neue Hoffnung wächst in uns,
dass sich Dinge ändern können. Etwas bewegt sich in uns: Gott? Wir
atmen auf. Unsere Seele weitet sich.
Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes
und dein Recht wie die große Tiefe.
Jetzt: einen Schritt zurück treten, um den Fuß und den Gipfel des
Berges sehen zu können; da ist etwas, größer als wir alle, mächtig,
unverrückbar; wie weit ich mich auch bewege: Gottes barmherzige
Gerechtigkeit überragt alles andere, bleibt fest und immer da. Auch
wenn ich mich bewege, mich umdrehe, mich wegbewege. Sich daran halten
können, sich daran orientieren können. Eine Landmarke, wo alles andere
unsicher sein kann.
Wie köstlich ist deine Güte, Gott,
daß Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!
Komme aus der aufrechten Haltung in eine andere, weichere. Darf mich
setzen, legen, fallen lassen. Kann alle Wachsamkeit ablegen, mich
ausruhen. Gott ist nicht nur so groß wie der Himmel, so stark wie ein
Berg. Kann ihn nicht nur sehen, wenn ich mich aufrichte, durchatme,
auf ihn schaue. Kann ihn auch spüren, wenn ich verzagt bin, Zuflucht
brauche. Wenn ich mich am liebsten zusammenrollen möchte unter meiner
Bettdecke. Ich ändere mit dem Psalmbeter den Blick auf Gott- und Gott
ist es zufrieden, Schatten zu spenden unter seinen Flügeln.
Bei dir ist die Quelle des Lebens,
und in deinem Lichte sehen wir das Licht.
Nicht nach oben schauen, auch nicht nach unten oder in mich selbst
hinein. Ein Licht sehen wir, wenn wir Ausschau halten nach vorne; wenn
wir uns vom Dunkel nicht in unserer Seele umfangen lassen; wenn wir
wach sind, vielleicht schon mal losgehen, auf das Licht zu. Ich habe
mir vorgestellt, dass ich hier in der Kirche bei diesen Worten den
Kopf schon heben würde: nicht bis zum Himmel, nicht bis zu den Bergen
Gottes. Sondern bis zum Kreuz: blau scheint das Licht hindurch, deutet
auf den Himmel und die Berge, aber ist doch näher bei mir. In Jesus
kann ich Gott in die Augen blicken. Ich muss nur zur Seite schauen-
denn Gott hat sich bewegt.
Aufrecht stehen, nach oben schauen,auf den Grund blicken; uns setzen,
weil wir Ruhe finden; und dann wieder den Blick heben und nach vorne
schauen-sich bewegen.
Als ich die Predigt geschrieben habe, liebe Gemeinde, da konnte ich es
nicht lassen: da habe ich mich immer wieder hingestellt- aufrecht,
habe nach oben geschaut, habe mir Bilder des Himmels, der Berge, des
tragenden Grundes vor mein Auge geholt. Gott ist groß.
Habe mich gesetzt und mich klein gemacht, mich erinnert an
Zufluchtsmomente und Geborgenheit. Gott ist nah.
Habe dann den Blick gehoben und nach vorne geschaut, habe meinem
inneren Auge ein Ziel gesucht: Hoffnung, die von Gott kommt. Gott ist
bei mir.
Und wenn wir jetzt den Psalm noch einmal hören, dann wünsche ich uns
allen, dass wir in Bewegung geraten, dass sich in uns etwas bewegt,
neue Hoffnung, neuer Glaube, dass wir Neues von Gott erfahren, dass
uns Altes neu erfüllt, ob wir sitzen, liegen oder stehen.
Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,
und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.
Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes
und dein Recht wie die große Tiefe.
Herr, du hilfst Menschen und Tieren.
Wie köstlich ist deine Güte, Gott,
daß Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!
Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses,
und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,
und in deinem Lichte sehen wir das Licht.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 05.06.08