
Nichts Neues
Predigt am 22. Sonntag nach Trinitatis - 19. Oktober 2008
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
VI.Reihe: 1.Johannes 2,(7-11)12-17
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus,
unserm Herrn. Amen.
Liebe Schwester und Brüder,
der Predigttext steht im 1.Johannes-Brief im 2.Kapitel, die Verse
7-17. Ich lese zunächst alles im Zusammenhang vor:
(Ihr Lieben! Was ich von euch verlange, ist
einerseits nichts Neues. Es ist das alte Gebot, das ihr von Beginn
an kennt, die Botschaft, die ihr gehört habt. Andererseits ist das
Gebot, das ich euch schreibe, doch wieder neu, denn es ist die
Auswirkung der hellen, klaren Gegenwart Gottes, der Wahrheit bei ihm
und bei euch. Denn die Finsternis vergeht sichtlich, und das wahre
Licht scheint schon, weil Gott bei euch angekommen ist. Doch wer
behauptet, er stehe im Strahlkreis des Lichtes, und doch seinen
Bruder oder seine Schwester nicht liebt, der steht immer noch im
Bannkreis der Finsternis. Wer seinen Bruder oder seine Schwester
liebt, bleibt im Strahlkreis des Lichts, und er bringt niemanden
dazu, vom Glauben abzufallen. Wer aber seinen Bruder oder seine
Schwester hasst, der steht in der Finsternis, tappt im Dunklen und
weiß nicht, wo er hingeht, weil die Finsternis ihn ganz blind
gemacht hat.)
Ich schreibe dies für euch, liebe Kinder, um euch darauf aufmerksam
zu machen, dass eure Sühneschuld im Namen Jesu, der für sie
geradegestanden hat, vergeben ist. Und ich schreibe es auch für
euch, ihr Väter, die ihr ihn, Jesus, der von Anfang der Welt an da
ist, doch damals ganz zuerst kennen gelernt habt. Ich schreibe es
auch für euch, ihr jungen Männer. Denn ihr habt doch den Teufel
besiegt. Ich habe an euch geschrieben, liebe Kinder, denn ihr wisst
doch, wer der Vater ist. Und ich habe an euch geschrieben, ihr
Väter, denn ihr habt Jesus, der von Anfang der Welt an da ist,
damals ganz zuerst kennen gelernt. Und ich habe an euch geschrieben,
ihr jungen Männer, denn ihr seid doch kräftig, und Gottes Botschaft
ist fest in euch verankert, und ihr habt den Teufel besiegt.
Hängt euer Herz nicht an die Welt und an das, was in ihr ist. Wer
sein Herz daran hängt, den hat die Liebe Gottes des Vaters noch
nicht erfasst. Denn alles, was uns wie unsichtbare Fäden an die Welt
fesselt, das kommt gewiss nicht von Gott: sinnliche und triebhafte
Gier, Glück, die andere ausziehen oder arm machen. Die Welt vergeht
und mit ihr die Gier nach der Welt, und nur wer Gottes Willen tut,
darf für immer am leben bleiben.
(Übersetzung nach Klaus Berger/Chistiane Nord)
Gott segne unser Reden und unser Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
ein langer Text, der uns da heute zugemutet wird. Aber haben wir den
Mut, uns diesem Text zu stellen.
Fangen wir hinten an: „Absage an die Welt!“ – das ist die
Überschrift in der Lutherbibel: „Hängt euer Herz nicht an die Welt
und an das, was in ihr ist!“ Der dies hier schreibt, bezieht sie all
mit ein: die Kinder, die jungen Männer, die Väter. Wo bleiben die
Frauen? Könnte man fragen: Sie waren wohl nicht dabei, als diese
Zeilen zum ersten Mal vorgelesen wurden im Gottesdienst. Mitgemeint
sind sie allemal, drücken können auch sie sich nicht vor dieser
unbequemen Aussage: „… nur wer Gottes Willen tut, darf für immer am
leben bleiben!“
Nun gut, in der Zeit von Abstürzen an der Börse und in der sonst so
sicher geglaubten Finanzwelt scheint das gut zu passen. „Reichtum“,
so sagte es Pastor Fliege in einer der unzähligen Talkshows der
letzten Wochen, „ist nicht das, was die Menschen auf dem Konto
haben. Das ist etwas ganz anders – Liebe, Glaube und Hoffnung.“ Das
sagen Tag für Tag die Christen in der Welt, das sagen Pastoren und
Pastorinnen auf der Kanzel – sie sollten es zumindest sagen, was
aber auch nicht immer der Fall ist. Manche sind zynisch geworden,
enttäuscht, unglaubwürdig: Wie lange wurde die Liebesbotschaft Jesu
verkündigt und wie wenig ist die Welt darauf eingegangen … Ja,
jetzt, einen winzigen Moment lang, scheint sich die Welt wieder auf
wesentliche Werte zu besinnen, aber – dazu muss man kein Prophet
sein – in kurzer Zeit geben wieder Gier, Profitdenken und Gewinne
machen um jeden Preis den Ton an.
Damals – anders als heute – waren es in der Gesellschaft fast
ausschließlich die Männer, die das Geld nach Hause brachten.
Vielleicht gilt auch ihnen zuerst die Mahnung: „Hängt euer Herz
nicht an die Welt und an das, was in ihr ist!“ Wer im ständigen
Konkurrenzkampf steht in der Arbeitswelt, mit anderen
zusammenarbeiten muss, für die die christliche Nächstenliebe keine
Rolle spielt, für den ist die Versuchung groß, die eigenen
christlichen Werte zu vergessen und zu verraten.
In der Werbung blättert der erfolgreiche Mann seine besten Karten so
auf den Tisch: „Meine Frau, mein Auto, meine Yacht!“ Stellen Sie
sich vor, ein Christ legte seine Karten dagegen: „Mein Glaube, meine
Bibel, mein Erlöser!“ Wer traut sich das?
Ein langer Predigttext war das – und das Ende mit der Absage an die
Welt waren harte Worte. Aber ich habe ja nicht ohne Grund den ganzen
Predigttext vorgelesen. Denn das, was am Anfang steht, ist das
Wichtigste.
Das, was am Anfang steht, ist eigentlich immer das Wichtigste. Ein
gutes Buch (Frankfurter Buchmesse!) erkennt man schon daran, dass
der erste Satz stimmt. Einfach stimmt, passt und zum Weiterlesen
anregt. So ist es mit dem Predigttext, ja mit dem christlichen
Glauben überhaupt, auch.
Am Anfang war das Wort – Johannes-Prolog, den hier der
1.Johannesbrief nicht zufällig zitiert. Schon vor der Erschaffung
der Welt war Gottes Licht da. Gottes Licht der Liebe. In Jesus
Christus strahlt uns dieses Licht über alle Maßen und unvergänglich
entgegen. Und in diesem Strahlkreis, im Banne dieses Lichtes, leben
wir als Christen.
Wir leben, wir leiden manchmal am Leben, an anderen Menschen, an uns
selbst, sogar an Gott; wir zweifeln – und sind dann auch wieder
glücklich – alles im Strahlkreis der göttlichen Liebe.
Es ist das Licht der Auferstehung, das uns ins Herz trifft. Gott hat
in Jesus alles für uns getan. Deshalb – und so lautet der erste Satz
des Predigttextes (wer weiß ihn noch?): „Ihr Lieben, was ich von
euch verlange, ist einerseits nichts Neues.“
„Was ich, der Apostel, von euch möchte, das ist nichts Unmögliches.
Es ist die machbare Antwort auf das, was Gott schon längst für euch
getan habt. Ihr braucht ihm nur ein bisschen von der Liebe
zurückzugeben, die ihr empfangen habt. Nichts Neues also.“
Das stimmt doch: Dass Gier und Profit um jeden Preis immer zum
Verderben eines Volkes führt, wissen doch alle. Das Geld allein
nicht glücklich macht, ist doch nun wirklich nichts Neues. Dass
Menschen dies wissen, ist unbestritten. Aber sie tun eben nicht das,
was für sie richtig wäre.
So ist das nämlich mit den Menschen: Sie stehen in der Strahlkraft
der göttlichen Liebe – und anstatt sich darüber zu freuen, rennen
sie bei der ersten Gelegenheit in den Schatten. Nur weg aus dem
Licht! Warum? „Ihr jungen Männer, warum tut ihr dies? Ihr habt doch
den Teufel besiegt!“ Ja, es stimmt schon, dass hier vom Teufel die
Rede ist, vom Diabolos, dem großen „Durcheinanderbringer“, der statt
Licht die Dunkelheit bringt. Aber wir brauchen gar keinen Teufel als
Verführer, einen solchen mit Hörner und Schwefelgestank, wir
verführen uns schon ganz allein selbst. Wir sind es selbst und
niemand anders, der freiwillig Gottes Liebe eintauscht in Egoismus
und Zynismus, der, statt Gottes Licht zu folgen, den Strömungen der
Welt hinterher rennt.
Das muss alles nicht sein. Es geht auch anders. Wir haben alle die
Möglichkeiten dazu. Nicht, weil wir so tolle Typen wären. Solche,
die es drauf haben mit den eigenen festen Werten. Nein nicht
deshalb, sondern weil wir die Karten, die wirklich stechen, bei uns
und in uns tragen. Diese Karten hat uns Gott in Jesus geschenkt. Wir
müssen sie nur einmal ausspielen: Glaube, Hoffnung, Liebe. Diese
drei. Es ist nicht Neues, dass sie immer noch stechen. Immer noch
die größten und wichtigsten sind. Das Neue daran wäre nur eins: Das
wir diese Trümpfe ausspielen, auf den Tisch dieser Welt legen, wo
sonst nur die anderen Karten ausgespielt werden.
Es würde etwas verändern. Wir können es. Gott traut uns dies zu. Und
wir sind nicht allein. Wir sind in einer Gemeinschaft von Schwestern
und Brüdern, die ähnlich denken und beten. Handeln wir doch auch
danach – in geschwisterlicher Liebe.
Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 19.10.08