
Wir müssen vielen Herren dienen
Predigt am 23. Sonntag nach Trinitatis - 26. Oktober 2008
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
I.Reihe: Matthäus 22, 15-22
Damals kamen die Pharisäer zusammen und beschlossen, Jesus mit einer Frage eine Falle zu stellen. Sie veranlaßten ihre Jünger, zusammen mit den Anhängern des Herodes zu ihm zu gehen und zu sagen: Meister, wir wissen, daß du immer die Wahrheit sagst und wirklich den Weg Gottes lehrst, ohne auf jemand Rücksicht zu nehmen; denn du siehst nicht auf die Person. Sag uns also: Ist es nach deiner Meinung erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht? Jesus aber erkannte ihre böse Absicht und sagte: Ihr Heuchler, warum stellt ihr mir eine Falle? Zeigt mir die Münze, mit der ihr eure Steuern bezahlt! Da hielten sie ihm einen Denar hin. Er fragte sie: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie antworteten: Des Kaisers. Darauf sagte er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört! Als sie das hörten, waren sie sehr überrascht, wandten sich um und gingen weg.
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
„Ist’s recht, dass man dem Kaiser Steuern zahlt oder nicht?“
Spannende Frage, auch noch für uns heute von Bedeutung, nicht wahr,
liebe Schwestern und Brüder. Wenn Gottes Reich doch nicht von dieser
Welt ist, sollen Christen dann nicht lieber diesen Staat mit seinen
ungerechten Steuern boykottieren? Gerade jetzt aktuell, da doch
wieder mit unseren Steuern das Versagen der Bankmanager ausgeglichen
werden wird – so sagt man doch, oder?
„Ist’s recht, dass man dem Kaiser Steuern zahlt oder nicht?“ An
Jesus richten sie diese Frage, um ihn aufs Glatteis zu führen.
So
ungefähr, liebe Schwestern und Brüder, sah die Steuermünze aus, der
berühmte „Silbergroschen“, von dem Jesus sagte: „Gebt dem Kaiser,
was des Kaisers ist – und Gott, was Gottes ist.“
Diese Münze war jedem anständigen Angehörigen des Volkes Israel,
jedem Juden, im hohem Maße verhasst: Zum einen erinnerte sie diese
Münze daran, dass sich Israel unter der Knute der römischen
Besatzungsmacht befand, deren Feldzüge und gotteslästerlichen Prunk
man auch mitfinanzieren musste – zum anderen – wie wir sehen – trug
sie das Bildnis des römischen Kaisers: Und das was eine schlimme
Missachtung des Gebotes: „Du sollst dir kein Bildnis machen, weder
von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unter auf der Erde
ist.“ Noch verachtenswerter war der Aufdruck auf der Münze:
„Tiberius, Kaiser, der anbetungswürdige Sohn des anbetungswürdigen
Gottes“. Klarer kann man nicht mehr gegen das 1.Gebot verstoßen:
„Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst nicht andere Götter haben
neben mir.“
Es ist bezeichnend, dass Jesus diese verhasste Münze nicht selbst
bei sich trägt. Er lässt sie sich zeigen und sagt dann: „Gebt dem
Kaiser, was des Kaisers ist – und Gott, was Gottes ist.“
Eigentlich enttäuschend, könnte man meinen – und Wasser auf die
Mühlen derer, die sagen: „Christen sollen grundsätzlich und
kritiklos dem Staat und seiner Obrigkeit Gehorsam leisten. Gott ist
vielleicht für den privaten Bereich wichtig, mit der großen Politik
haben Christen nichts zu tun.“
Hat Jesus das gemeint? Das Gegenteil hat er gemeint!
Denn Jesu Antwort: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist – und Gott,
was Gottes ist.“ ist nicht die Antwort auf eine besorgte und ernst
gemeinte Frage, wie Christen sich grundsätzlich zum Staat stellen
sollen. Vielmehr sind die, die Jesus diese Frage stellen, Wölfe im
Schafspelz. Sie wollen nur etwas in der Hand haben, um sich endlich
dieses Störenfriedes Jesus entledigen zu können. Jesus soll
verleitet, ja, „versucht“ werden, wie damals vom Teufel in der
Wüste. Jesus soll sich eine Blöße geben. Er soll jetzt sagen: „Nur
weg mit dieser verhassten Münze! Sie ist gotteslästerlich!“ Und
schon gilt er als Volksverhetzter und kann verurteilt werden.
Verweigert er aber den Aufruf zum Steuerboykott, ist er bei all den
Juden unten durch, die in ihm den Messias sehen, nämlich den neuen
politischen Befreier des auserwählten Volkes.
„Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist – und Gott, was Gottes ist.“
Das ist zunächst der Satz, mit dem Jesus seine Gegner der Heuchelei
überführt.
Jesus ist nicht in die Welt gekommen, um allein die politischen
Verhältnisse wieder in Ordnung zu bringen. Vielmehr versöhnt er Gott
und Mensch – und dadurch erst die Verhältnisse von Mensch zu Mensch.
Jesus ist in die Welt gekommen, damit gerade das erste Gebot wieder
Anerkennung findet: „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht
andere Götter haben neben mir.“
Gebt unserm Gott die Ehre! Darum geht es. Und nicht um die
Durchführung eines Steuerboykottes. Es geht eben nicht darum zu
sagen: Erst einmal die Abschaffung aller Ungerechtigkeit, erst
einmal die Heilung meiner eigenen Krankheit, erst einmal alle Rechte
für mich, so wie ich mir das vorstelle – und dann lasst uns auch
Gott die Ehre geben – sondern umgekehrt: Gebt unserm Gott die Ehre
und dann geht hin und tut als seine Nachfolger seinen Willen, baut
mit am Reich Gottes.
Jesus sagt, es geht um mehr als die Abschaffung ungerechter
Strukturen. Es geht um die Überwindung von Ungerechtigkeit
überhaupt. Jesus packt das Übel an der Wurzel. Er sagt: „Mein Reich
ist nicht von dieser Welt. – Mein Reich ist so verschieden von
menschlichen Staatsgebilden wie Mensch und Gott verschieden sind.“
„Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist.“ Solange ihr mit ganzem
Herzen Gott allein die Ehre gebt, sind Steuerzahlen und Staatsbürger
sein möglich – und um des Friedens miteinander nötig.
Doch gebt dem Kaiser nicht mehr, als was ihm zukommen darf: Er ist
nicht euer Gott und er darf euch nicht hindern, Gott die Ehre zu
geben. Sonst gilt, was die Regel des Petrus in der Apostelgeschichte
5,29 sagt: „Man musst Gott mehr gehorchen als den Menschen.“
So will ich am Ende doch versuchen, das Miteinander von Christsein
und Staatsbürgersein im Sinne Jesu zu beschreiben. Ich will es tun
in Anlehnung an Martin Luther, das mag heute, ein paar Tage vor dem
Reformationsfest, erlaubt sein.
Zwei Aussagen, die fast wie zwei schroffe Felsen einander
gegenüberstehen. Die uns zu Denken geben, vielleicht auch Angst
machen: Was ist jetzt richtig, welchem Anspruch werde ich nicht
gerecht.
Wie gut, dass Jesus uns nicht mit den zwei harten Ansprüchen allein
lässt. Vergessen wir nicht, seine Aussagen gilt Menschen, die ihn
fertig machen wollen. Zu seinen Nachfolgern spricht er anders, viel
versöhnlicher. Er weiß, wie schwer es uns oft fällt, Entscheidungen
zu treffen – und wie schwer es uns oft fällt, nur Gott und seinem
guten Gebot zu trauen. Er ermutigt uns immer wieder, nur ihm die
Ehre zu geben und er fängt uns auch dann noch auf, wenn wir
versagen.
Gott, Vater Jesu Christi:
Unser Leben lang müssen wir vielen Herren dienen.
Hilf, wo es geht, dass wir es voll Freude, in Liebe und Vergebung
tun und einen aufrechten Gang behalten.
Du bist aber der Herr aller Herren. Mache uns Mut, die Grenzen der
Mächtigen zu sehen, sie als deine Werkzeuge zu achten und unserer
Freiheit und Verantwortung für die Schwachen und Stummen
nachzukommen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 27.10.08