
Lieber die Tage mit Leben füllen - als das Leben mit Tagen
Predigt am 24. Sonntag nach Trinitatis - 2. November 2008
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
VI. Reihe: Prediger 3, 1-14
Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen
unter dem Himmel hat seine Stunde. Geboren werden und sterben,
pflanzen und ausrotten, was gepflanzt ist, würgen und heilen,
brechen und bauen, weinen und lachen, klagen und tanzen, Stein
zerstreuen und Steine sammeln, herzen und ferne sein von Herzen,
suchen und verlieren, behalten und wegwerfen, zerreißen und zunähen,
schweigen und reden, lieben und hassen, Streit und Friede hat seine
Zeit. Man arbeite, wie man will, so hat man doch keinen Gewinn
davon.
Ich sah die Mühe, die Gott den Menschen gegeben hat, daß sie darin
geplagt werden. Er aber tut alles fein zu seiner Zeit und läßt ihr
Herz sich ängsten, wie es gehen solle in der Welt; denn der Mensch
kann doch nicht treffen das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch
Ende. Darum merkte ich, daß nichts Besseres darin ist denn fröhlich
sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein jeglicher
Mensch, der da ißt und trinkt und hat guten Mut in aller seiner
Arbeit, das ist eine Gabe Gottes. Ich merkte, daß alles, was Gott
tut, das besteht immer: man kann nichts dazutun noch abtun; und
solches tut Gott, daß man sich vor ihm fürchten soll.
Stellen Sie sich vor, Sie haben zwei Uhren, die auf die Sekunde
genau gehen. Sie legen jede Uhr in ein Flugzeug. Das eine wird die
Erde in die eine Richtung umkreisen, das andere wird in die
Gegenrichtung fliegen. Wenn Sie danach Ihre Uhren wieder in die Hand
nehmen, wird auf der einen Uhr etwas mehr Zeit vergangen sein als
auf der anderen. Wie es das gibt? Zeit ist gekrümmt, sagt die
Wissenschaft. Wie wir uns das vorstellen sollen, weiß ich nicht.
Ich will Ihnen auch keine Vorlesung darüber halten. Wir alle wissen,
das die Zeit etwas Seltsames ist. Je nachdem, ob wir auf etwas
warten oder furchtbar viele Dinge zu erledigen haben, kommt uns die
gleiche Stunde Zeit unendlich lange oder schrecklich kurz vor.
Dem Wissenschaftler mit Namen Kohelet am Hof des Königs Salomo vor
3000 Jahren kam es aber auch nicht auf theoretische Betrachtungen
über die Zeit an sich an, sondern darauf, was es mit der Lebenszeit
des Menschen auf sich hat.
Ich möchte Ihnen die Erkenntnisse mit den Worten Leo Tolstois
erzählen.
Es dachte einmal ein König, nichts könne ihm missglücken, wenn er
nur immer die Zeit wüsste, in der er ein Werk zu beginnen habe, und
wenn er immer wüsste, mit welchen Menschen er sich einlassen solle
und mit welchen nicht, und wenn er immer wüsste, welches von allen
Werken das wichtigste sei.
Es kamen gelehrte Männer zum König und gaben ihm mancherlei
Antworten auf seine Fragen.
Aufs eine erste Frage antworteten die einen, um für jedes Werk die
rechte Zeit zu wissen, müsse man vorher eine Einteilung für den Tag,
den Monat und das Jahr aufstellen und sich streng an das halten, was
für den einzelnen Tag festgesetzt ist. Andere sagten wieder anderes.
Ebenso verschieden lautete die Antwort auf die zweite Frage. Die
einen sagten, die dem König unentbehrlichsten Männer seien die
Staatsmänner, andere, die Priester und Seher. Die dritten erklärten,
es seien die Ärzte, und die vierten behaupteten, es seien die
Krieger.
Auf die dritte Frage, welches das wichtigste Werk sei, antworteten
die einen, das sei die Wissenschaft, die anderen sprachen, die
Kriegskunst, wieder andere nannte die Gottesverehrung. Alle
Antworten waren verschieden.
Daher passte dem König keine einzige von ihnen, und er belohnte
niemand. Um aber ganz genaue Antworten auf seine Fragen zu erhalten,
entschloss er sich, einen Einsiedler zu befragen, dessen Weisheit in
großem Rufe stand. Der Einsiedler lebte im Wald, verließ seine
Wohnstätte nie und empfing nur einfache Leute. Darum zog der König
ein schlichtes Gewand an, stieg vom Pferd weit vor der Klause des
Einsiedlers, ließ sein Gefolge zurück und ging allein durch den
Wald. Als der König sich dem Einsiedler näherte, grub dieser vor
seiner Hütte die Beete um. Er erblickte den König, begrüßte ihn und
grub ruhig weiter. Er war mager und schwach und keuchte schwer als
er den Spaten in die Erde stieß und die kleinen Schollen umwandte.
Der König trat an ihn heran und sprach: "Ich bin gekommen, weiser
Einsiedler, um dich zu bitten mir drei Fragen zu beantworten:
"Welches ist die Zeit, die man einhalten muss und nicht versäumen
darf, um hinterher nichts bereuen zu müssen? Welche Leute sind die
unentbehrlichsten? Mit welchen Leuten muss man sich als mehr, mit
welchen weniger befassen? ... Welche Werke sind die wichtigsten, und
welches von allen Werken muss daher zuerst getan werden?"
Der Einsiedler hörte dem König zu, antwortete aber nicht. Er spuckte
in die Hände und begann wieder zu arbeiten. "Du bist erschöpft",
sagte der König, "gib mir den Spaten, und setze dich auf die Erde."
- "Danke", erwiderte der Einsiedler, reichte dem König den Spaten
und setzte sich auf die Erde nieder. Als der König zwei Beete
umgegraben hatte, hielt er inne und wiederholte seine Fragen. Der
Einsiedler antwortete nicht, stand auf und streckte die Hände nach
dem Spaten aus. "Jetzt ruhe du, ich will nun ..." sagte er. Der
König aber gab den Spaten nicht her und fuhr fort zu graben. Es
verging eine Stunde, eine zweite, die Sonne begann hinter den Bäumen
zu verschwinden, da steckte der König den Spaten in die Erde und
sagte: "Ich bin zu dir gekommen, weiser Mann, um auf meine Fragen
eine Antwort zu erhalten. Wenn du nicht antworten kannst, so sag es
doch, dann will ich nach Hause gehen."
"Sieh, da kommt jemand gelaufen", sprach der Einsiedler, "lass
sehen, wer das ist." Der König sah, dass in der Tat aus dem Walde
ein bärtiger Mann gelaufen kam. Der hielt sich die Hände vor den
Leib, und zwischen den Fingern sickerte Blut hervor. Als er bis zum
König gelangt war, fiel er zu Boden, lag unbeweglich da und ächzte
leise. Der König und der Einsiedler öffneten die Kleider des Mannes.
In seinem Leib war eine tiefe Wunde. Der König wusch sie, so gut er
konnte, und verband sie mit seinem Taschentuch und mit einem
Handtuch des Einsiedlers. Aber das Blut hörte nicht auf zu strömen,
und der König nahm zu wiederholten Malen den mit warmen Blut
durchtränkten Verband ab, wusch die Wunde von neuem und verband sie
wieder. Als das Blut endlich gestillt war, bat der Verwundete um
Wasser. Der König trug frisches Wasser herbei und gab ihm zu
trinken.
Inzwischen war die Sonne untergegangen, und es war kühl geworden.
Mit Hilfe des Einsiedlers trug der König den Verwundeten in die
Klause und legte ihn aufs Bett. Der Verwundete schloss die Augen und
wurde still. Der König aber war so ermüdet, dass er, auf der
Schwelle zusammengekauert, ebenfalls einschlief, und zwar so fest,
dass er die ganze kurze Sommernacht verschlief.
Als er am Morgen erwachte, konnte er lange nicht begreifen, wo er
war und wer dieser sonderbare bärtige Mann war, der auf dem Lager
ausgestreckt lag und ihn unausgesetzt mit leuchtenden Augen ansah.
"Verzeih mir", sprach der bärtige Mann mit schwacher Stimme, als er
bemerkte, dass der König erwacht war und ihn anblickte. "Ich kenne
dich nicht und habe dir nichts zu verzeihen", erwiderte der König.
"Du kennst mich nicht, aber ich kenne dich. Ich bin dein Feind,
jener Feind, der geschworen hat, an dir Rache zu nehmen, weil du
meinen Bruder hingerichtet und meine Güter genommen hast. Ich habe
dich töten wollen, und du hast mir das Leben gerettet. Von nun an,
wenn ich am Leben bleibe, und wenn es dir recht ist, will ich dir
als dein treuester Gefolgsmann dienen, Verzeihe mir!"
Der König war sehr froh darüber, dass es ihm so leicht gelungen war,
sich mit seinem Feinde auszusöhnen, und er verzieh ihm nicht nur,
sondern versprach auch, ihm seine Güter zurückzugeben und ihm
außerdem seine Diener und seinen Arzt zu schicken.
Als er sich von dem Verwundeten verabschiedet hatte, trat der König
hinaus auf die Vortreppe und suchte mit seinen Augen den Einsiedler.
Er war draußen bei den Beeten, die er gestern umgegraben hatte,
kniete am Boden und säte Gemüsesamen. Der König trat an ihn heran
und sprach: "Zum letzten Mal, du weiser Mann, bitte ich dich, meine
Fragen zu beantworten!" "Aber du hast ja deine Antwort schon
bekommen!" erwiderte der Einsiedler. Er richtete sich auf und sah
den König an. "Ich sollte Antwort bekommen haben?" fragte der König.
"Natürlich", erwiderte der Einsiedler. "Hättest du gestern nicht
Mitleid mit meiner Schwachheit gehabt und diese Beete umgegraben,
sondern wärst du allein zurückgegangen, so hätte dieser Mann dich
überfallen, und du hättest bereut, dass du nicht bei mir geblieben
bist. Somit war die richtige Zeit jene, als du die Beete umgrubst,
und ich war der wichtigste Mann, und das wichtigste Werk war, mir
Gutes zu tun. Dann, als jener Mann angelaufen kam, war die
wichtigste Zeit, seiner zu pflegen, denn sonst wäre er verblutet,
ohne dass er sich mit dir versöhnt hätte. Er war für dich der
wichtigste Mensch, und das, was du ihm getan hast, war das
wichtigste Werk.
Merke dir - die wichtigste Zeit ist der jetzige Augenblick. Nur über
ihn haben wir Gewalt. Der wichtigste Mensch ist der, mit dem uns der
Augenblick zusammenführt; denn niemand kann wissen, ob er noch je
mit einem anderen zu tun haben wird. Das wichtigste Werk ist, ihm
Gutes zu erweisen - denn nur dazu ward der Mensch ins Leben gesandt.
Gott lädt uns ein, lieber die Tage mit Leben füllen - als das Leben
mit Tagen. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 05.12.08