
Der an uns glaubt. Felsenfest und ohne jede Bedingung.
Predigt zum 3. Advent 16. Dezember 2007
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
VI .Reihe: Offenbarung 3, 1-6
Dem Engel der Gemeinde in Sardes schreibe:
Das sagt, der die sieben Geister Gottes hat die sieben Sterne: Ich kenne deine Werke: du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot. Werde wach und stärke das andre, das sterben will, denn ich habe deine Werke nicht als vollkommen befunden vor meinem Gott. So denke nun daran, wie du empfangen und gehörst hast, und halte es fest und tue Buße! Wenn du aber nicht wachen wirst, werde ich kommen wie ein Dieb, und du wirst nicht wissen, zu welcher Stunde ich über dich kommen werde. Aber du hast einige in Sardes, die ihre Kleider nicht besudelt haben; die werden mit mir einhergehen in weißen Kleidern, denn sie sind's wert. Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden, und ich werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buch des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!
Gott segne unser Reden und unser Hören.
Ja, liebe Schwestern und Brüder, deftige Worte. Was war los in dieser
Gemeinde in Sardes? Genau wissen wir das zwar nicht, aber vermutlich
war eben gar nichts mehr los. Da nannte man sich Christ, aber man war
es längst nicht mehr. Da gab es keine Stärkung, keine Hilfe, keine
Nächstenliebe, da war nur Friedhofsruhe. Übrigens wird das in unserem
Predigttext nicht der Gemeinde vorgeworfen, sondern dem "Angelos" der
Gemeinde, und das war kein Himmelwesen, sondern gemeint war
schlichtweg der Bischof, der Priester, der Pfarrer. Er wird zur
Verantwortung gezogen. Auch damals wusste man schon, dass der Fisch
bekanntlich vom Kopf her stinkt. In Sardes schien alles abgestorben zu
sein. Dabei gab es dort früher ein aktives und lebendiges
Glaubensleben, aber alles liegt tot danieder. Nur noch eine radikale
Rückbesinnung auf diese Zeiten und ein absoluter Neubeginn können
etwas zum Guten wenden.
Unser Predigttext will aufrütteln: Es ist nicht egal, was bei euch in
der Gemeinde los ist, meint nicht, Gott sähe das nicht und zöge euch
nicht zur Verantwortung! Eure Heuchelei ist sehr wohl bekannt: Ihr
nennt euch Christen, aber ihr lebt nicht so. Ihr habt Gott verraten
und die Nächstenliebe dazu.
Eigentlich könnte sich jetzt ein Wettern und Schimpfen über die
Gemeinde, Kirche und Pfarrer von heute anschließen. Ist es denn soviel
anders in unseren Gemeinden? Wer glaubt denn ernsthaft an Gott? Ja,
sicher, ein paar, aber wir haben in unserer Gemeinde über 5000
Mitglieder - wo sind die denn alle? Doch stopp - so darf hier von der
Kanzel niemand reden; denn wer immer hier steht, der muss zunächst bei
sich selbst beginnen. Denn unser Text ist zunächst ein Text für
Gemeinde- und Gottesdienstleiter. Sie werden zur Verantwortung
gezogen, und sie haben nicht das Recht, sich über andere zu erheben.
Wettern und Schimpfen mit Selbstkritik wäre möglich, gäbe es da nicht
in unserem Predigttext die Stelle mit den weißen Kleidern. Auch wieder
ein Symbol. Weiße Kleider sind zeichenhaft für den neuen Menschen.
Weiße Kleider erhält der frisch getaufte Mensch zum Zeichen, dass ihn
Gott nun als sein Kind angenommen hat. Und es gibt auch in Sardes
Menschen mit solchen weißen Kleidern. Menschen, die im Herzen rein
geblieben sind ihrem Taufbekenntnis. Warum auch immer - es gibt sie.
An ihnen kann sich auch die eigentlich schon tote Gemeinde aufrichten
und neu lebendig werden.
Niemand soll und darf sagen: Es ist alles nur noch schlecht, und es
gibt keine Hoffnung mehr. Wer so denkt, traut Gott nichts mehr zu. In
der Taufe erhält der Mensch einen Namen, und dieser Name ist in einem
Buch aufgeschrieben und diesen Namen wird Gott niemals auslöschen,
ganz gleichgültig, was der Mensch auch immer an schlimmen Dingen gegen
Gott und die Menschen tut. Im Gegenteil: Gott wird sich zu jedem
bekennen und die Menschen beschützen durch sein Engel.
Mit Wettern und Schimpfen, selbst nicht mit Selbstkritik kommen wir
weiter. Nur mit Umkehr. Nur damit, dass eine äußere Kraft unser Leben
umkrempelt, und wir endlich das tun, was für uns gut ist. In der Taufe
liegt diese Kraft. Wir haben das nur vergessen! Wir trauen Gott viel
zu wenig zu! Gott hat schon oft aus toten Gemeinden lebendige geformt,
schon so oft aus toten Beziehungen neues Leben erweckt, aus innerlich
gestorbenen Leuten richtig lebensfrohe Menschen gemacht! Wir müssen
nur endlich Ernst machen mit der Verheißung: Jesus ist der Sohn
Gottes, und er nimmt jeden Menschen so an wie er ist. Er schenkt
ewiges, richtiges Leben, das sogar der Tod nicht besiegen kann.
Was Johannes der Täufer und Johannes der Seher, der Schreiber der
Offenbarung gemeinsam haben, ist ihr leidenschaftliches Eintreten für
die Liebe Gottes. Sie wollen nicht Menschen maß regeln, sie wollen
sich nur nicht mit Lieblosigkeit und Gewalt abfinden. Sie wollen, dass
Menschen die Liebe Gottes, die ihnen geschenkt wird, nicht vergessen
und abtun wie abgetragene, unmoderne Kleidung, sondern sie sollen
wahrnehmen, dass diese Liebe Gottes das wunderschönste und
großartigste Kleid ist, was Menschen geschenkt bekommen.
Gott mutet uns zu, von Zeit zu Zeit unsere ganzes Leben komplett zu
erneuern. Das ist nicht immer einfach. Es ist wie mit dem Menschen,
der im Zug sitzt und bei jeder Station laut seufzt. Auf die Frage des
Nachbarn, warum er das tut, sagt er: "Ich weiß die ganze Zeit, dass
ich in die falsche Richtung fahre, aber das Abteil ist so schön
gemütlich, da bin ich zu bequem, aus zu steigen und den Zug zu
wechseln."
Wie viele von uns möchten loswerden, was ihr Leben unfrei oder
langweilig oder sinnentleert macht. Gott gibt die Kraft, dies zu tun
und so endlich Leben ins eigene Leben zu bringen. Jesus hat uns einen
unverwechselbaren Namen gegeben. Er kennt ihn und er lässt uns niemals
fallen. Darum: folgt der Einladung, lasst los, was euch von Gott und
den Menschen trennt und haltet euch neu an Gott fest, der die Liebe
ist und das Leben will.
Weihnachten ist eine Zeit, Kraft zu finden für diese Umkehr. Warum
also nicht dieser Kraft vertrauen ...
Es ist gut, dabei bei sich und in sich selbst zu beginnen. In uns ist
doch all die Zerrissenheit, die Überlastung, der Schmerz am Leben, die
Traurigkeit und Resignation, vielleicht auch die ohnmächtige Wut, die
uns am Leben, am richtigen freien und erfüllten Leben, hindert. Wir
meinen, wir müssten alle möglichen Erwartungen erfüllen, von Eltern
und Ehepartner, Freunden und Chef, der Gesellschaft und vielleicht der
Religion. Und wir leiden daran, dass es uns nicht gelingt, all dies zu
erfüllen. Wir sind oft reich, überreich an materiellen Dingen. Im
Gegensatz zu den meisten Menschen auf dieser Erde besitzen wir soviel,
das es schon wie ein Ballast ist, der uns das Leben schwer macht. Aber
innerlich sind wir arm und auf der Suche, fühlen uns unfrei und tun
nichts dagegen, weil wir resignieren und wenig Hoffnung haben.
Wünschen wir uns nicht jemanden, der sagt: "Ich glaube an dich. Du
wirst es schaffen. Ich bin auf deiner Seite und helfe dir. Auf mich
kannst du dich verlassen. Ich lasse dich niemals fallen."
Ja, es gibt so jemanden. Jesus, der Sohn Gottes, ist es. Aus dem Kind
in der Krippe ist ein erwachsener Mensch geworden. Er kann aus dem Tod
neues Leben schaffen. Viele haben es schon vor dir erfahren. Lass dich
umkehren.
Umkehr ist wie ein Perspektivwechsel. Auf einmal erscheint alles in
einem neuen, guten Licht. Was wir brauchen, ist Glaube. Es ist nicht
in erster Linie der eigene Glaube, den wir brauchen. Es ist vielmehr
jemand, der an uns glaubt. Felsenfest und ohne jede Bedingung. Wenn
wir solchen Glauben an uns erfahren haben, wird Umkehr möglich.
Damit alle Menschen Gottes Glauben an uns vor Augen haben, wurde Gott
Mensch. In Jesus begegnet uns unendliches Vertrauen, unendliche Liebe.
Ihm zu folgen, lohnt jede Umkehr. Gott schenke uns seine Engel, die
uns Kraft zur Umkehr verleihen. Jeden Tag neu.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 16.12.07