
Von den letzten Dingen
Predigt am Drittletzten Sonntag des Kirchenjahrs - 9.11.2008
Gisela Gorzewski, Bad Lippspringe
VI. Reihe: 1. Thessalonicher 5,1-11
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und
der da kommt. Amen.
Liebe Gemeinde,
Für den letzten Monat des Kirchenjahres haben unsere Vorväter im
Glauben uns das Nachdenken über die sogenannten "letzten Dinge"
verordnet. Dazu gehört das Denken an den eigenen Tod, an das Ende
der Welt, an die Wiederkunft Christi und an das Jüngste Gericht;
alles Themen, um die unsere Theologie in den letzten Jahrzehnten
einen großen Bogen gemacht hat. Es ging uns ja so gut im Diesseits,
dass wir an das Jenseits gar nicht denken mochten.
Im Leben der ersten Christen aber sah das völlig anders aus. Für sie
stand die Erwartung der Wiederkunft Christi und alles, was damit
zusammenhing, im Mittelpunkt ihres Glaubens. Sie hatten von dem
auferstandenen Christus den Auftrag bekommen, in dieser Welt sein
Werk der Liebe und Versöhnung weiterzuführen bis zu seiner
Wiederkunft. Er war mit seiner Kraft bei ihnen. Dadurch hatten sie
ein leuchtendes Ziel vor Augen, und sie hatten sich voll Zuversicht
auf den Weg gemacht. Aber sie hatten nicht damit gerechnet, dass
dieser Weg so lang sein würde. Und so hatten sie Fragen an Paulus.
Die beantwortete der Apostel im 1. Thessalonicherbrief.
Dieser Brief ist das erste und älteste uns erhaltene Schriftstück
der apostolischen Zeit und damit ist er so etwas wie die Keimzelle
des Neuen Testamentes.
Ich lese unseren heutigen Predigttext: 1.Thessalonicher 5, die Verse
1-11, nach der Übersetzung von Jörg Zink.
Über die Zeit und die Stunde, in der das geschehen wird, liebe
Brüder, brauche ich euch nichts zu schreiben. Ihr wisst selbst, dass
der Tag des Herrn ohne Voranmeldung kommen wird, so unversehens wie
ein Dieb in der Nacht. Denn wenn sie sagen: Es ist Friede! Es ist
keine Gefahr! wird das Verderben plötzlich über sie hereinbrechen
wie die Wehen über eine schwangere Frau.
Dann werden sie keinen Ausweg mehr finden. Ihr aber, liebe Brüder,
steht nicht in der Finsternis und braucht euch vom Lichte Gottes
nicht überraschen zu lassen wie von einen Einbrecher. Ihr seid
Lichter. Ihr gehört zum Tag wie der Funke zum Feuer. Wir haben mit
der Nacht und der Finsternis nichts zu tun . Wenn das so ist, dann
lasst uns wachen und bei klaren Sinnen sein. Wir sollen bereit sein,
wenn es zu kämpfen gilt. Wir sollen den Panzer tragen, der "Glaube"
heißt oder "Liebe" und den Helm, der "Siegesgewissheit" heißt. Denn
Gott hat uns nicht dazu bestimmt, zugrunde zu gehen, sondern dazu,
aus dieser Welt herausgerissen und gerettet zu werden. Der uns aber
herausreißt, ist unser Herr, Jesus Christus, der für uns gestorben
ist, damit wir mit ihm leben, jetzt- und dann, wenn dieses Leben
vorüber ist. Sagt das einander immer wieder. Macht es euch ganz
klar, damit ihr immer fester steht. Ich bin froh zu wissen, dass ihr
es tut.
Seit Paulus diese Zeilen schrieb, sind fast 2000 Jahre vergangen.
Und Christus ist noch immer nicht wiedergekommen. Das hat den
Christen viel Spott und Häme eingetragen. Ich selbst habe als
Theologiestudentin Anfang der fünfziger Jahre heftige
Streitgespräche mit Studenten der Naturwissenschaften über dieses
Thema "Wiederkunft Christi" geführt. "Glauben Sie wirklich, dass Ihr
Jesus jemals wiederkommt? In über 1900 Jahren hätte er eigentlich
genug Zeit gehabt, sein Versprechen zu erfüllen."
Mich haben solche Fragen als Zwanzigjährige gewurmt. Und oft wusste
ich nicht, was ich darauf antworten sollte. Inzwischen habe ich in
mehr als 50 Jahren einiges dazu gelernt. Dazu gehört die Erkenntnis
der unvorstellbar großen Zeitspannen, die unsere Erde zu ihrer
Entstehung gebraucht hat.
Die Physik rechnet damit, dass der berühmte Urknall vor etwa 13,7
Milliarden Jahren stattfand. Das ist eine elfstellige Zahl. Die
Menschwerdung des Menschen setzt die Physik vor rund 200000 Jahren
an. Überträgt man mit einem Zeitraffer die 13,7 Milliarden Jahre
Geschichte des Kosmos auf ein einziges Jahr, dann entwickelten sich
die ersten Formen organischen Lebens erst zu Beginn des 10. Monats,
der Mensch aber erst in den letzten Stunden des letzten Tages des
Jahres.
Als ich das alles gelernt hatte, da kamen mir die ersten Ahnungen
davon, in welch ungeheuren Zeiträumen Gott arbeitet. Und die 2000
Jahre wurden eine winzige Zeitspanne.
Aber angesichts unseres kleinen begrenzten Lebens von
durchschnittlich 70 bis 80 Jahren liegen uns die 2000 Jahre doch
schwer im Magen, und die glühende Naherwartung der ersten Christen
ist uns abhanden gekommen.
Näher liegen uns schon die "Wehen", die laut Bibel der neuen Welt
Gottes vorausgehen sollen; denn solche Wehen erleben wir
unmittelbar. Wir haben heute weniger Angst, dass Gott dieser Welt
ein Ende bereitet; wir haben mehr Angst davor, dass wir unseren
Weltuntergang selbst in die Hand nehmen. Atomkatastrophen,
Zerstörung unserer Umwelt, dadurch ausgelöste riesige Sintfluten und
Dürren, gewaltige Flächenbrände, Vergiftung unserer Nahrungskette;
wir sind kräftig selbst dabei, uns unsere Lebensmöglichkeiten zu
vernichten. Es gibt genug Menschen, die die uns immer wieder warnen.
Doch weithin verhallen ihre Warnungen ungehört. Die vorherrschende
Meinung ist: "Na und? Die Welt hat schon viele Katastrophen erlebt
und ist trotzdem weitergegangen."
Aber wache und nüchterne Christen sehen das anders. Für sie sind
diese Schrecken Vorausdarstellungen des Endgerichts. Zu Anfang
unseres heutigen Bibeltextes stehen zwei bedeutungsvolle
Zeitangaben; in Vers 1 heißt es: "Über die Zeit und die Stunde
brauche ich euch nichts zu schreiben." Im griechischen Urtext steht
für Zeit "Chronos" und für Stunde "Kairos". "Chronos" bezeichnet die
Zeit, die wir mit der Uhr messen können. "Kairos" aber ist der genau
richtige Zeitpunkt, den Gott für ein besonderes Eingreifen in unsere
Menschengeschichte wählt. Die Welt hat tatsächlich schon viele
begrenzte Weltuntergänge überlebt. Der große Zeiger Chronos hat
schon manches Mal auf 12 gestanden und ist dann doch weitergerückt.
Aber jedes Mal rückt auch der kleine Zeiger Kairos immer näher auf
die 12, so langsam, dass man meinen kann, dass nichts geschieht.
Was sollen wir Christen in dieser Lage tun? Angstvoll
zuammengekauert auf die große Katastrophe warten?
Die ersten Christen haben trotz der apokalyptischen Schilderungen
den Jüngsten Tag herbeigesehnt. Sie haben über den Trümmern des
Weltunterganges den auferstandenen Herrn auf sich zukommen sehen.
Ihnen war Jesu Wort überliefert: "Wenn das alles anfängt zu
geschehen, dann erhebet eure Häupter; darum, dass sich eure Erlösung
naht."
Auch in den folgenden Jahrhunderten hat es immer wieder Christen
gegeben, die genau so intensiv auf den letzten Tag zugelebt haben.
Und sie waren oft so ungeduldig wie Kinder, die immer wieder fragen:
"Wann ist denn endlich Weihnachten?" Und dann fingen sie doch an zu
rechnen. Und immer passierte dasselbe. Der Tag verging, und Jesus
kam nicht. Das Erstaunliche aber war: sie fielen nicht von ihrem
Glauben ab. Sie gingen von den Bergen und Feldern, wo sie mit Singen
und Beten gewartet hatten, nach Hause, arbeiteten gewissenhaft wie
vorher und warteten weiter.
Um das begreiflich zu machen, möchte ich ein Beispiel aus dem 2.
Weltkrieg erzählen. Einer der führenden Köpfe der
Widerstandsbewegung gegen Hitler war Carl Friedrich Goerdeler. Bei
einem Treffen der Widerstandskämpfer Anfang 1943 sagte er voraus:
"In den nächsten 3 Monaten bricht dieses ganze "Dritte Reich"
zusammen." Damals lag die Schlacht von Stalingrad gerade hinter uns.
Goerdeler mit seinem wachen Geist hatte erkannt: Das war der Kairos
Gottes. Das war die eigentliche Kriegswende. Und diese Einschätzung
war richtig. Aber die zeitliche Prognose war falsch. Der Krieg
dauerte noch über 2 Jahre und Goerdeler verlor nach dem Attentat
auf Hitler am 20 Juli 1944 dabei selbst das Leben. Aber das
Erstaunliche ist: Die Gruppe machte unbeirrt weiter. Die Männer
erarbeiteten eine Denkschrift für die Neuordnung Deutschlands nach
dem erwarteten Zusammenbruch. Als alles um sie herum in Trümmer
fiel, planten sie für den Frieden.
Und genau so ist es mit den Christen. Die zeitlichen Prognosen waren
immer falsch. Aber die Einschätzung der Lage ist richtig. Die
entscheidende Schlacht ist geschlagen. Ostern ist unser Siegestag,
die Wende der Weltgeschichte. Alles andere, was noch immer an
Schrecklichem geschieht, sind nur noch Nachgefechte, so wie die
beiden schrecklichen letzten Kriegsjahre. Das Reich Gottes kommt,
ja, es ist schon da, mitten unter uns. Wir haben es eben in der
Evangeliumslesung gehört. Wir haben genau dasselbe zu tun wie die
Widerstandskämpfer damals: Mitten in einer vergehenden Welt sollen
wir arbeiten für den Frieden und für Gerechtigkeit, da, wo wir
hingestellt sind.
Wir treten mit diesem Gottesdienst in die Friedensdekade ein, bis
zum Buß-und Bettag. Dort werden wir im einzelnen darüber nachdenken,
wie viel wir tun können, um schon ein Stück des Reiches Gottes in
unserer Welt aufleuchten zu lassen.
Und die Erwartung des Jüngstes Tages? Welche Rolle kann sie in
unserem Alltag spielen?
Vielleicht ist die Sache viel einfacher als wir denken. Von den
letzten, den eschatologischen Dingen, wird im Neuen Testament an
ganz vielen Stellen doppelbödig geredet. Jesus sagt etwa: "Es kommt
die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten die Stimme des Sohnes
Gottes hören werden, und die sie hören, die werden leben." Oder:
"Wer mein Wort hört, der hat das ewige Leben und kommt nicht ins
Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben durchgedrungen." Oder das
Wort an den Schächer am Kreuz: "Heute wirst du mit mir im Paradiese
sein."
Liegt diese Doppelbödigkeit vielleicht daran, dass man die "letzten
Dinge" aus zwei Blickwinkeln sehen muss: einmal aus unserer
begrenzten Sicht in Zeit und Raum. Und dann mag das Weltende in ganz
ferner Zukunft liegen. Aber Gott ist ewig, bei ihm ist alles ewige
Gegenwart, was bei uns Milliarden Jahre auseinander liegt. Und wenn
es wahr ist, dass auch der Tod uns nicht aus seiner Hand reissen
kann, dann trägt diese Vaterhand uns im Augenblick unseres Todes
über die Schwelle von Zeit und Ewigkeit. Unser Tod und das Weltende
fallen in Gottes Gegenwart zusammen.
Ich glaube, es braucht uns nicht zu betrüben, dass wir uns keine
konkreten Vorstellungen machen können über die "letzten Dinge". Sie
überschreiten all unser Begreifen, so dass die Bibel nur in Bildern
davon reden kann. Wichtig ist nur, dass wir mit dem auferstandenen
Herrn täglich in Verbindung bleiben im Hören auf sein Wort und im
Gebet- und dass wir danach handeln. Paulus sagt, wir sollen den
Panzer des Glaubens und der Liebe tragen und den Helm der
Siegesgewissheit. Dann können wir getrost unserem "Jüngsten Tag"
entgegen gehen, so wie es ein Gesangbuchvers sagt: "Deines Winks bin
ich gewärtig, auch des Rufs aus dieser Welt; denn der ist zum
Sterben fertig, der sich lebend zu dir hält."
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 12.11.08