
Der Glaube ist nicht jedermanns Ding
Predigt am 5.Sonntag n. Trinitatis / 22. Juni 2008
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
VI.Reihe: 2.Thessalonicher 3, 1-5
Der Apostel schreibt: Betet für uns, dass das Wort des Herrn laufe und gepriesen werde wie bei euch und dass wir erlöst werden von den falschen und bösen Menschen; denn der Glaube ist nicht jedermanns Ding. Aber der Herr ist treu; der wird euch stärken und bewahren vor dem Bösen. Wir haben aber das Vertrauen zu euch in dem Herrn, dass ihr tut und tun werdet, was wir gebieten. Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf die Geduld Christi.
Gott segne unser Reden und unser Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
um die richtige Nachfolge geht es in unserem Predigttext. Paulus, so
die Vorstellung, zuvor einer der größten Christenverfolger, nun einer
der prominentesten Nachfolger, sitzt um seines Glaubens willen im
Gefängnis. Er bittet darum, dass andere Christen für ihn beten sollen,
damit sie alle gemeinsam gestärkt werden. Gott ist treu. Und Gott
stärkt und bewahrt alle Nachfolger – auch die, die verfolgt werden.
Das ist die große Verheißung von der der Predigttext spricht. Aber er
sagt auch: „der Glaube ist nicht jedermanns Ding“ …
Was heißt das? Der Glaube ist etwas, was nur anständigen
Kirchenchristen gehört – und mit dem Finger auf andere zeigen, ist
durchaus erlaubt? Wer ist dieser „Jedermann“, dessen Glauben nicht
sein Ding ist?
Wie ist das etwa mit den Fußballverrückten, die nur noch die Euro 2008
anschauen? Oder mit den Fußballprofis selber? In der aktuellen Ausgabe
unserer Kirchenzeitung habe ich ein Interview mit dem Trainer Jürgen
Klopp gelesen, dem neuen Trainer von Borussia Dortmund, Sie kennen ihn
vielleicht als den großen blonden Moderator aus dem 2.Fernsehprogramm,
der auf den für Fußballer nicht gerade schmeichelhaften Spitznamen „Kloppo“
hört.
Überschrift des Interviews: „Mein roter Faden ist mein Glaube“. Er
erzählt, wie für ihn sein christlicher Glaube mit die wichtigste Rolle
in seinem Leben spielt. Ja, dass er von seiner Oma in den
sonntäglichen Gottesdienst mitgenommen wurde und seine Mutter immer
mit ihm gebetet habe. Und dass er als Junge in den Konflikt zwischen
Fußball und Kirchgang geraten sei, weil doch die Spiele immer am
Sonntagvormittag stattfanden. Er habe sogar eine zeitlang aus diesem
Grund auf das Fußballspielen verzichtet, ehe er dann entschieden habe,
wenn ihm das Kickern. soviel Freude mache, dann könne doch Gott nichts
dagegen haben.
Gefragt wurde er auch nach dem Beten. Nein, mit den Gebetszirkeln
mancher Fußballspieler hätte er nichts am Hut. Stoßgebet an den
Fußballgott lehne er ab. „Es gibt viel wichtigere Dinge als Fußball.“
Er bete täglich. Es ist ein Zwiegespräch mit Gott. Aber er bete
niemals um den Sieg im Fußball, „sondern um Kraft, um Besonnenheit, um
die notwendige Ruhe, die Dinge richtig einzuschätzen. Aber nicht
darum, dass wir gewinnen.“
Deshalb liebe er den Kirchgang so. „Was ich in der Kirche total mag,
ist die innere Ruhe, die man da findet. Das ist einfach großartig.
Egal, was vorher passiert ist – wenn Du in die Kirche kommst, hast Du
schnell das Gefühl, das ist wirklich ein Gotteshaus. Dann findest Du
schnell zur Ruhe und genießt das eine Stunde lang oder anderthalb
Stunden.“
Betet für uns, dass das Wort des Herrn laufe und gepriesen werde …
So sollt ihr beten: füreinander und nicht egoistisch für den eigenen
Vorteil. In der Nachfolge des gnädigen Gottes können wir nur Gott
loben, in Ehrfurcht vor ihn treten, nichts fordern, sondern nur ihm
die Ehre geben. In einem Fernsehbericht über eine türkische Gemeinde
wurde gezeigt, wie Muslime hier in Deutschland erst in einer Moschee
beteten und dann gemeinsam Fußball im Fernsehen schauten. Es wäre
blanker Unsinn anzunehmen, dass sie Allah um den Sieg gebeten hätten.
Das ist eine unmögliche Vorstellung im Islam; denn dort ist Gott viel
zu erhaben, viel zu weit weg von den Menschen, als dass man ihn mit
solch profanen Bitten belästigen würde.
Beten für das, was wirklich wichtig ist. Für Kraft, Besonnenheit, die
notwendige Ruhe, Dinge richtig einzuschätzen. Das ist eine gemeinsame
Aufgabe für alle, die ihrem Gott nachfolgen wollen. Und sich eben
nicht selbstherrlich zu erheben über diese anderen, diese
„Jedermanns“, deren Ding angeblich nicht der Glaube ist.
Was ist aber gemeint mit diesem Satz: „Der Glaube ist nicht jedermanns
Ding?“ Ganz einfach: Es ist gar kein anderer Mensch gemeint, sondern
dieser „Jedermann“ – das sind wir selbst! Das war das Evangelium des
letzten Sonntags: Sieh nicht den Splitter im Auge des anderen, sondern
nimm lieber den Balken im eigene Auge wahr. Der „falsche und böse
Mensch“, der ist in uns – gerade dann, wenn wir uns als die besten
Nachfolger begreifen wollen.
Der Glaube ist oft genug eben auch nicht unser Ding, weil wir uns auf
anderes verlassen, unser Herz an andere Dinge hängen als nur an die
Liebe Gottes. Die Kirche, die Gemeinschaft der Nachfolgerinnen und
Nachfolger Christi, besteht eben nicht nur aus 100 % guten Christen,
sondern aus Gläubigen und Ungläubigen, Sündern und Zweiflern, Begabten
und Unbegabten. Ulrich Parzany, ein Vertreter der evangelikalen
Richtung in der Kirche, in der manchmal Tendenzen gibt, alle nicht
perfekt Gläubigen aus ihr zu entfernen, sagte einmal sinngemäß: „Eine
Kirche, in der nur Heilige sind, ist nichts für mich. Denn wäre ich in
dieser Kirche, wäre es keine Kirche der Heiligen mehr, weil ich eben
immer auch ein Sünder bin.“
Nicht mit dem Finger auf andere zeigen, sondern sich selbst kritisch
unter die Lupe zu nehmen, damit fängt die Nachfolge an. Wir selbst
brauchen das Gebet, die Gemeinschaft, ja die Vergebung der anderen.
Gott sucht sich seine Nachfolger selbst aus, nicht wir Menschen suchen
uns Gott aus. Noch einmal Jürgen Klopp, unser Kloppo dazu: „Meine Frau
ist katholisch, ich bin evangelisch. Aber wir wechseln da ab beim
Kirchgang. Und ich bin felsenfest überzeugt, dass wir irgendwann oben
vor dem Himmelstor stehen und uns dort alle wiedertreffen – alle
Konfessionen, alle Religionen. Und der eine oder andere muss dann
sagen: Mein Gott, waren wir blöd. Jetzt stehen wir alle vor der
gleichen Tür und haben da unten so einen Affentanz gemacht.“
Nachfolgerin, Nachfolger sein heißt nicht, alles richtig zu machen.
Nachfolgerin, Nachfolger sein heißt, im Glauben Gott vertrauen zu
wollen, als schwacher Mensch, mitten im Alltag, mit den eigenen, oft
so begrenzten Möglichkeiten. Martin Luther hat dies einmal so auf den
Punkt gebracht:
Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden,
nicht ein Gesundsein, sondern ein Gesundwerden,
überhaupt nicht ein Wesen, sondern ein Werden.
Nicht eine Ruhe, sondern eine Übung.
Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber.
Es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber im Schwange.
Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Das Interview mit Jürgen
Klopp finden Sie hier
http://www.unserekirche.de/sonderseiten/startseite/mein-roter-faden-ist-mein-glaube_1509.html
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 22.06.08