
Lebendige Steine
Predigt am 6. Sonntag nach Trinitatis - 29. Juni 2008
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
VI.Reihe: 1.Petrus 2,2-10
„Seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, damit ihr durch sie zunehmt zu eu¬rem Heil, da ihr geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist.
Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kost¬bar.
Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistli¬chen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geist¬liche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.
Darum steht in der Schrift (Jesaja 28,19): „Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.“
Für euch nun, die ihr glaubt, ist er kostbar; für die Ungläu¬bigen aber ist „der Stein, den die Bauleute verworfen ha¬ben und der zum Eckstein geworden ist, ein Stein des An¬stoßes und ein Fels des Ärgernisses“ (Psalm 118,22; Jesaja 8,14); sie stoßen sich an ihm, weil sie nicht an das Wort glauben, wozu sie auch bestimmt sind.
Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch beru¬fen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht; die ihr einst „nicht ein Volk“ wart, nun aber „Gottes Volk“ seid, und einst nicht in Gnaden wart, nun aber in Gnaden seid. (Hosea 2,25).“
Soweit unser Predigttext: Gott, segne dein Wort an uns allen. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
bei unserem Text handelt es um einen Tauftext. Das ist kein Zufall,
denn heute ist ja auch der Sonntag, der 6.nach Trinitatis, der sich
mit der christlichen Taufe beschäftigt. An frisch getaufte Christen,
wohl jeglichen Alters, richten sich diese Worte, dieser Aufruf, zu
„lebendigen Steinen“ zu werden, die den großen Bau der christlichen
Gemeinschaft bilden sollen.
Auffallend ist: auf das persönliche, individuelle Ereignis der Taufe
folgt unmittelbar der Ruf in die Gemeinschaft. Die Taufe ist eben
nichts rein Privates, sondern untrennbar mit dem Miteinander der
Christen verbunden. Von wegen: „Hauptsache ich bin getauft, ich habe
meinen Frieden mit Gott, was interessiert mich die Gemeinschaft mit
anderen“ - Taufe ohne Gemeinschaft ist wie „ein bisschen schwanger“ -
das geht eben nicht. „Ich bin getauft“ heißt: ich gehöre zu den
Menschen, mit denen Gott seinen endgültigen Bund der Gnade geschlossen
hat: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis der Welt Ende.“ Eben bei
euch - bei denen, die miteinan¬der als lebendige Steine an Gottes Haus
auf der Erde mit¬bauen wollen.
Ein lebendiger Stein in einem Haus, dessen Eckstein Christus ist.
Einen festen Halt haben, aber nicht unbeweglich eingemauert sein.
Dazugehören, aber nicht vereinnahmt sein. Darum geht es in diesem Haus
„der lebendigen Steine“, zu der wir durch die Taufe gehören.
„Steine“ – das ist das Stichwort dieses Textes. Am letzten Schultag
habe ich einen Schulgottesdienst mit Grundschulkindern mitgestaltet.
Da waren auch „Steine“ das Stichwort. Die Grundschulzeit war für die
4.Klässler zu ende. Sie blickten auf ihre Schulzeit zurück. Auf manche
Stolpersteine am Anfang, aber viel mehr auch auf wegweisende Steine am
Wegesrand, auf Steine, die ihnen einmal vom Herzen gefallen sind, Und
da gab es auch einige Steine, die waren so schwer, dass sie nur von
jeweils zwei Kindern getragen werden konnte. Steine, die so schwer auf
den Herzen auch schon der Kinder liegen, dass sie eine Belastung auch
in ihrem noch so jungen Leben sind. Dazu gab es diese kleine
Geschichte, die auch für Erwachsene nachdenkenswert ist:
Durch eine Oase ging ein junger, gerade erwachsen gewordener Mann, Ben
Sadok. Er war so böse in seinem Charakter, dass er nichts Gesundes und
Schönes sehen konnte, ohne es zu verderben. Am Rande der Oase stand
ein junger Palmbaum im besten Wachstum. Der stach diesem bösen
Menschen so in die Augen, dass er einen schweren Stein nahm und ihn
der jungen Palme mitten in die Krone legt. Die junge Palme schüttelte
sich und bog sich und versuchte, die Last abzuschütteln. Vergebens. Zu
fest saß der Stein in der Krone.
Da krallte sich der junge Baum tiefer in den Boden und stemmt sich
gegen die steinerne Last. Er senkte seine Wurzeln so tief, dass sie
die verborgene Wasserader in der Oase erreichten, und stemmte den
Stein so hoch, dass die Krone über jeden Schatten hinausreichte.
Wasser aus der Tiefe und Sonnenglut aus der Höhe machten eine
königliche Palme aus dem jungen Baum.
Als alter Mann kam der böse Ben Sadok am Ende seines Lebens zufällig
noch einmal durch die Oase. Er schaute sich um, ob der Krüppelbaum von
Palme noch da sei. Er suchte vergebens. Da senkte die stolzeste Palme
ihre Krone, zeigte den Stein und sagt: „Ben Sadok – dank deiner Last
bin ich stark geworden.“
Auch in unserem Leben gibt es solche schweren Steine, die es fast zu
schwer machen, weiterzuleben. Woher nehmen wir die Kraft, trotz allem
zu wachsen und uns gegen die Widerstände zu stemmen? Sonnenglut vom
Himmel und Wasser aus dem Boden.
Das Wasser der Taufe kann Kraft geben, mit scheinbar übermächtigen
Lasten fertig zu werden. Da ist einmal Dr.Martin Luther, der in
Momenten tiefster Verzweiflung auf den Tisch schrieb: „Baptismus sum!“
„Ich bin getauft!“ – auch wenn ich keine Kraft mehr habe, da ist eine
Kraft die mich dennoch weiterleben lässt: Ich bin auf den Namen des
Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft und gehöre
damit Gott – und er wird mich nicht allein lassen, sondern helfen und
aufrichten. „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“
Mir fällt auch eine Geschichte von meinen beiden Neffen ein, die vor
vielen Jahren, als sie noch zum Kindergarten gingen, bei einer
Autofahrt ein seltsames Spiel spielten: Einer versuchte den anderen zu
„verzaubern“: „Du bist jetzt eine hässliche Kröte!“ „Hex hex – du bist
jetzt ein winziger Regenwurm!“ Dem anderen wurde es zu dumm, aber er
wusste auch nicht, wie er die Zauberversuche beenden sollte, die ihm
sichtlich Unbehagen bereiteten. Dann rief er plötzlich voll
Selbstbewusstsein: „Du kannst mich gar nicht in ein blödes Tier
verzaubern – mein Onkel Detlev hat mich nämlich getauft!“
Ich weiß bis heute nicht, wie er auf diesen Gedanken gekommen. ist.
Aber es ist jedenfalls einer der Fälle, in dem Kinder die Wahrheit
sagen. Und zwar viel leichter verständlich, viel unmittelbarer als
Erwachsene mit komplizierten Erklärungen. Getauft sein heißt, Anteil
haben an der Macht Gottes. Taufe ist ein Schutz vor allem Bösen. Kein
Fluch, kein Zauberspruch, keine noch so große Last, kein noch so
schwerer Schicksalsschlage kann uns gänzlich machtlos machen. Denn wo
unsere Kräfte am Ende sind, da trägt uns Gottes Kraft. „Siehe, ich bin
bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“
„Bei euch“ – bei jedem einzelnen von uns, aber eben auch in der
Gemeinschaft mit einander. Taufe gibt Halt. Halt in dieser
Gemeinschaft derer, die Christus berufen hat. Es gibt Situation, da
können wir uns nicht mehr selber helfen. Da sind sogar die Hilfen der
Menschen, die uns umgeben, nicht genug. Da meinen wir, es gäbe keine
Rettung, keinen Trost mehr. Die Erinnerung an die Taufe kann in
solchen Situationen helfen und retten. Und sind wir noch so enttäuscht
von uns und von anderen Menschen – es gibt ja noch das Haus, zu dem
wir durch die Taufe als lebendige Steine gehören. Das Haus, dessen
Eckstein Christus ist. Dieses Haus kann Kraft geben, wenn alle
menschliche Hoffnung am Ende ist. Denn der Eckstein, das ist Christus
selbst, der sich als verlässlicher Halt im Leben und im Sterben
erwiesen hat.
Deshalb ist es gut und wichtig, etwa beim Tod eines Menschen an die
Taufe zu erinnern. Dass auch ein Verstorbener Anteil hat am Tod und an
der Auferstehung Jesu Christi. Dass eben nicht der Tod das letzte Wort
hat, sondern Jesus Christus, der zu neuem Leben erweckt. Auch dieser
Gedanke schwingt mit, wenn wir von den „lebendigen“ Steinen sprechen,
zu denen uns die Taufe gemacht hat.
Deshalb: nehmen wir uns an der Palme in der kleinen Geschichte ein
Beispiel: wenn uns eine furchtbar schwere Last auferlegt wird,
verzweifeln wir nicht. Es gibt das Wasser, für uns das Wasser der
Taufe, es gibt die Sonne, für uns die Liebe Gottes. Beides kann aus
uns einen lebendigen und starken Menschen machen, der jeder Last
trotzt.
Vertrauen wir darauf: Wen Gott in der Taufe zu seinem Kind gemacht
hat, den verlässt er nicht – gleichgültig, was ihm auch immer
auferlegt wurde.
Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, dem Eckstein, der uns alle
zusammenhält und eine verlässliche und tröstende Gemeinschaft
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 29.06.08