
Vorher - Nachher
Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis, 13. Juli 2008
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
VI. Reihe: Römer 6, 19-23
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der war, ist und kommen wird. Amen
Sie werden sie alle kennen, liebe Gemeinde, diese Vorher-Nachher-Bilder und Berichte aus den Zeitschriften und auch aus dem Fernsehen. Und ich muss gestehen, ich mag das gerne, ich bin immer neugierig, was aus einem vorher grauen Mäuschen hinterher für ein strahlender Mensch werden kann. Ich bin neugierig und ich staune und manchmal gerate ich auch ein wenig ins Träumen, geht Ihnen das ähnlich? Wie wäre es, plötzlich ein ganz anderer Mensch zu sein. Wie wäre das, wenn ich alles, was mich belastet, einengt, niederdrückt abschütteln könnte? Wunderbar natürlich! Ganz wunderbar!
Vorher: na ja – Nachher: einfach großartig!
Und diese Vorher-Nachher-Geschichten sind offensichtlich uralt, denn schon Paulus schreibt so etwas in der Art schon vor fast 2000 Jahren an die Gemeinde in Rom. Er schreibt:
Um eurer schwierigen Lebenssituation gerecht zu werden, rede ich in Bildern aus dem menschlichen Alltag. Wie ihr nämlich jeden Teil eures Körpers in der Sklavendienst einer Herrschaft gestellt hattet, die Heiligkeit zerstört und das Gesetz nicht achtet, und ihr damit dazu beigetragen habt, dass Leben nach Gottes Willen nicht möglich ist, so stellt jetzt jeden Teil eures Körpers in den Sklavendienst der Gerechtigkeit und tragt zur Heiligung bei. Damals wart ihr Sklavinnen und Sklaven der Sündenmacht, frei von Gerechtigkeit. Welche Frucht habt ihr zu jener Zeit geerntet? Dinge, derer ihr euch jetzt schämt, denn sie zielen auf den Tod. Jetzt, nachdem ihr befreit worden seid aus der Sündenherrschaft und zu Sklavinnen und Sklaven Gottes geworden seid, erntet eure Frucht, die Heiligung bewirkt und auf ewiges Leben zielt. Denn der Sünde Sold ist der Tod, die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus unserem Herrn. [Bibel in gerechter Sprache]
Vorher: Sklave der Sünde – Nachher: frei
Aber so einfach ist das nicht und Paulus schreibt ja auch etwas ganz anderes.
Es geht um Sklavendienst in seinen Zeilen, es geht um Sünde, um Tod und Leben, um Gesetz und Heiligkeit und die Früchte, die wir ernten.
Um eurer schwierigen Lebenssituation gerecht zu werden, rede ich in Bildern aus dem menschlichen Alltag.
So schreibt Paulus an die Christinnen und Christen in Rom, aber leider schreibt er in Bildern, die heute nicht mehr so unmittelbar Bilder aus unserem Alltag sind.
„Im Römischen Reich, das den Hintergrund der jungen Kirche bildete, gehörten 20–30% der Bevölkerung zum Sklavenstand. Sklave konnte man schnell werden: durch hohe Verschuldung in Schuldknechtschaft gelangen, bei kriegerischen Auseinandersetzungen konnte man als Kriegsbeute verschleppt, als Schwerverbrecher auf Galeeren geschickt werden – oder man war Sklave von Geburt, Kind eines Sklaven eben. Dabei wurden Sklaven oft nicht als Menschen betrachtet, sondern wie Vieh als Sache, mit der ihr Besitzer anstellen konnte, was er wollte.
Das heißt nun nicht, dass alle Sklaven unter menschenunwürdigen Bedingungen litten. Gerade in Privathäusern, Schulen oder der Verwaltung gab es angesehene Posten, die von Sklaven eingenommen wurden. Der römische Kaiser hatte Sklaven, die in Rang und Ansehen durchaus unseren Ministern gleichkamen. Auch in christlichen Gemeinden gab es Herren und Sklaven, mit dem kleinen Unterschied, dass sie hier als Mitbrüder und Mitschwestern angesehen wurden.“ (Hannah Hirschberger in: Werkstatt für Liturgie und Predigt, Juli 2008)
Kauf und Verkauf von Menschen war alltäglich und die Situation des Sklavenhandels ist der Hintergrund für Paulus, wenn er schreibt: Jetzt, nachdem ihr befreit worden seid aus der Sündenherrschaft und zu Sklavinnen und Sklaven Gottes geworden seid. Es geht nicht um Freiheit von allem, es geht um Herrschaftswechsel. Denn Paulus war viel zu sehr Realist, als würde er behaupten können, wir Menschen könnten in der menschlichen Gesellschaft in völliger Freiheit leben.
Niemand von uns ist frei, wir alle sind eingebunden in Gruppen, Gesellschaft und Strukturen. Sie und ich sind Söhne und Töchter von Eltern, Mitglied einer Familie, Nachbarinnen und Nachbarn, Arbeitnehmer oder Arbeitgeber, Vereinsmitglieder, Konsumenten, Staatsbürgerinnen und –bürger, und so weiter und so fort. Die Frage ist, von wem oder von was machen wir uns abhängig, wer oder was darf uns beherrschen?
Wer oder was könnte uns beherrschen? Für wen oder was wenden wir Unmengen an Zeit und Energie auf? Für die Gemeinde damals in Rom könnte die Antwort lauten: Götzendienst für die Lieblingsgötter: Mars, Fortuna, Mammon, vielleicht, mit allem, was dazugehört: Gewinnsucht, Machtbesessenheit, Streben nach Jugend und Schönheit, ausschweifender Konsum,
Wie würden unsere Antworten lauten?
Die Mehrheitsmeinung vielleicht, oder „was bloß die Nachbarn denken?“, der Drang, mitzuhalten in der Gesellschaft? Die Furcht, zu kurz zu kommen?
Ich fürchte, es gibt da viele Herren und Mächte, die uns beherrschen könnten.
Eine vermeintliche Freiheit ist keine Option. Es geht darum, sich den richtigen Herrn auszusuchen, so sagt Paulus, Vorher: die alte Herrschaft, die Existenz ohne Gott. Sünde, so nennt Paulus das und meint nicht das Stückchen Schokolade zuviel oder das überflüssige Törtchen, sondern er spricht von den Herren und Gewalten, die uns in ihrem Dienst zu Tode hetzen: mehr, besser, schneller, schöner, jünger, reicher, klüger, angesehener, berühmter, …
Nachher: die neue Herrschaft, Gottes Herrschaft, der in der Taufe zu uns sagt: JA! Du gehörst zu mir. Ich liebe dich! Du darfst sein ohne wenn und aber.
Ziel und Zweck dieses Lebens unter Gottes Herrschaft ist das ewige Leben. Wir können es uns nicht erarbeiten, es wird uns geschenkt, weil wir von Gott geliebt und gewollt sind.
Es geht Paulus um Heiligung, Heiligkeit. Heilig werden nicht Menschen, die sich besonders anstrengen, ein Leben lang nur Gutes tun oder besonders gottesfürchtig sind. Heilig sind wir, weil wir zu Gott gehören. Durch die Taufe sind wir hineingenommen in den Herrschaftsbereich Gottes und gehören „einfach so“ zur Gemeinschaft der Heiligen.
Jede Taufe erinnert uns daran, dass Gott seinen Anteil an dem Herrschaftswechsel schon vollzogen hat, er ist uns menschlich entgegen gekommen. Deshalb können wir die Herren und Gewalten, die uns immer wieder gefangen nehmen und abhängig machen, auch immer wieder abschütteln. Gott gebe uns Kraft und Vertrauen dazu. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 16.07.08