
Gott nimmt uns an, so wie wir sind
Predigt zum Sonntag Exaudi - 4. Mai 2008
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
VI.Reihe: Römer 8, 26-28
„Der Geist hilft unserer Schwachheit auf. Mit Ausrufen des Stöhnens in unübersetzbarer himmlischer Sprache tritt er bei Gott für uns ein, um uns schwachen Menschen zu helfen. Denn von uns aus wissen wir nicht, mit was für Worten wir uns Gott im Gebet nähern dürfen. Der Heilige Geist tritt für alle Christen bei Gott als ihr Anwalt ein, und Gott, der unsere Herzen kennt und ihn als Liebe in sie hineingelegt hat, weiß, was der Heilige Geist will. So hilft dies alles den Christen, die Gott lieben können, zum Guten. Sie sind die Erwählten und Berufenen.“
Was Paulus mit diesen Worten will, ist klar: Er will ermutigen.
Andere, aber wohl sich selbst auch. „Der Heilige Geist tritt bei Gott
für uns ein, um uns schwachen Menschen zu helfen.“ Paulus sieht sich
selber als schwach an. Das war ja seine Grunderfahrung mit Gott,
damals vor Damaskus, als er noch die Jesus-Anhänger verfolgte: Gott
überwältige ihn total, er wurde blind, hilflos und schwach. Er
brauchte andere, die sich um ihn kümmerten, aus eigener Kraft schaffte
er gar nichts mehr. Die Begegnung mit Gott muss nicht immer ein
Ereignis von Friede, Freude, Eierkuchen sein, von Sieg und Erfolg. Die
Begegnung mit Gott bewirkt, dass wir uns unserer Schwachheit, unseren
Schattenseiten, unserem Versagen und unserer Schuld bewusst werden.
Aber dann erfahren wir auch: Wir dürfen schwach und schuldig sein –
und Gott verwirft uns nicht. Gott macht uns damit zu völlig neuen
Menschen: Wir dürfen schwach sein, müssen nicht länger unsere
Schattenseiten verstecken, verzweifelt Stärke vortäuschen, wo doch
eigentlich gar keine ist – und erleben uns so zum ersten Mal als
freie, gelöste, erlöste Menschen, die eben nicht mit gebeugtem Kopf
daher schleichen müssen, weil sie Unvollkommenheiten und Schuld mit
sich herumtragen.
Ganz zentral wird diese Befreiung am Beten deutlich. Wie viele
Menschen sagen von sich, sie könnten nicht beten. Und wie viele
behaupten, sie könnten beten und tun es auch – aber missbrauchen Gott
nur als Wunscherfüllungsautomat für ihre oft allzu menschlichen
Bitten. Das Gebet zu Gott aber beginnt immer mit der Erkenntnis, dass
wir aus eigener Position heraus von Gott gar nichts fordern können.
Das Gebet schließt vielmehr: „Nicht mein, sondern dein Wille
geschehe.“
Martin Luther sagte über die Gebetserfüllung: „Es ist kein schlechtes,
sondern das allerbeste Zeichen, wenn auf unsere Bitten hin scheinbar
gerade das Gegenteil eintrifft. So wie es kein gutes Zeichen ist, wenn
unseren Bitten alles ganz nach Wunsch widerfährt.“ (Römerbriefvorlesung
1515/16)
Aber wer kann schon so bitten? Gerade wenn das Leid und die Angst so
groß sind, fehlen uns oft die Worte um sagen zu können: „Dein Wille
geschehe.“ Wir sind schwach, weil wir – wenn es darauf ankommt – doch
eher uns selbst, unsere Gesundheit, unsere Familie, unseren Wohlstand,
unser Fortkommen im Auge haben. Und so ist es eine große Befreiung,
wenn uns da, wo wir nicht mehr beten können, Gottes guter Geist
vertritt. Er überwindet unsere Eigensucht, das
Nur-An-Uns-Selbst-Denken, er bringt unsere Schwachheit vor Gott – und
Gott hilft uns. Oft genug gerade dadurch, dass er uns nicht gibt, was
wir so gern von ihm wollen. Wie oft sind unsere Wünsche nur
Ich-bezogen, sehen nicht weit genug. In der Rückschau auf das eigene
Leben – waren es nicht gerade die nicht erfüllten Wünsche, die uns
weitergebracht haben? Die Umwege, die scheinbaren Sackgassen? Es ist
eine gefährliche Selbstüberschätzung von uns, wenn wir meinen, wir
wüssten selbst am besten, was für uns wirklich gut ist. Wir zu
schwach, unser eigenes Leben zu schultern, unser Wille allein kann das
Schicksal nicht bestimmen.
Dazu diese kleine Geschichte aus dem hinduistischen Kulturkreis: Es
ist eine dieser Geschichten von den drei Wünschen. Ein besonders
eifriger Beter, ein Verehrer des Gottes Vishnu, betete so eifrig und
so viel, dass es Vishnu lästig wurde, und er sich entschloss, ihm nur
noch drei Bitten zu gewähren und danach keine mehr. Die ersten beiden
Bitten waren schnell mit irgendwelchen Nichtigkeiten vertan. Beim
dritten Wunsch wollte der Mann schon vorsichtiger sein und holte sich
den Rat seiner Freunde ein. „Bitte um Unsterblichkeit!“ „Aber was
nutzt dir die, wenn du krank wirst? – Bitte lieber um Gesundheit!“ –
„Was willst du mit Gesundheit ohne Geld?“ – „Was ist Geld ohne Freunde
wert?“ usw. Jahre vergingen und der Beter konnte sich zu keinem Wunsch
mehr entschließen. Schließlich fragte er Vishnu selbst zum Rat.
Und Vishnu lachte, als er die missliche Lage des Menschen sah und
sagte: „Bitte darum, mit dem zufrieden zu sein, was immer dir das
Leben auch bringen mag!“
Ich weiß nicht, ob der Beter diesen Wunsch ausgesprochen hat.
Vielleicht war ihm der Wunsch zu schwach, zu wenig spektakulär. Aber
dieser Wunsch hätte ihn glücklich gemacht…
Vielleicht ist es viel besser, mit den Fehlern, den Schwächen, den
unerfüllten Wünschen, Umwegen, Sackgassen und Enttäuschungen zu leben.
Gott jedenfalls nimmt uns an, so wie wir sind. Vor ihm müssen wir
keine Stärke beweisen, sogar nicht die Stärke des Glaubens oder des
Gebets.
Vielleicht sollten wir deshalb gar nicht so unzufrieden sein, wenn auf
unsere eigensüchtigen Bitten scheinbar genau das Gegenteil eintrifft.
Vielleicht ist dann gerade Gott selbst im Spiel …
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 04.05.08