
Wir sind´s noch nicht, wir werden´s aber: Gegen das Unrecht protestieren!
Predigt zum Sonntag Judika - 9. März 2008
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
VI. Reihe: Hebr 13, 12-14
Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.
Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
Wir hören diese Worte heute mit einem Erbe von 2000 Jahren
Christentum. Die Menschen, denen diese Worte damals ans Herz gelegt
wurden, die waren im Alten Testament, in den Worten und Gebeten, den
Gottesdiensten und Feiertagen des jüdischen Glaubens im 1. Jahrhundert
nach Christus nicht mehr zu Hause, aber doch mit ihnen aufgewachsen
und vertraut. Darauf greifen diese Worte, wie im gesamten Brief,
zurück. Am Versöhnungstag, an Jom Kippur, wurde das zehntägige Fasten
beendet, das Umkehr und Erneuerung des Lebens brachte. Ein Bock,
beladen mit den Sünden, wurde symbolisch in die Wüste gejagt, draußen,
vor das Tor.
Mit diesem Bild deuteten die Menschen der hebräischen Gemeinde den Tod
Jesu, draußen auf dem Hügel Golgatha, deuteten sie das Blut Jesu, das
geflossen war: Gott erneuert das Leben für die Welt. Und gleichzeitig
sprechen sie über sich selbst: denn draußen vor dem Tor, das waren sie
schon: verfolgt, drangsaliert, heimatlos durch ihre Trennung von
Tempel und Synagoge. "Draußen vor dem Tor", das bedeutete für sie ganz
real, Leiden auf sich zu nehmen, Unrecht zu erleiden. Wie Jesus. Jetzt
herrscht das Unrecht, vor dem Tor. Der Henker. Das Kreuz.
"Draußen", höre ich, "draußen vor dem Tor, liebe Gemeinde, und
erschrecke. "Hinausgehen, tragen, nicht bleiben, suchen," das höre ich
auch. Am Ende höre ich "Zukunft", und werde getroster.
Um drinnen und draußen geht es, um die Frage, wo Christinnen und
Christen sind und wohin wir uns bewegen und wer uns dabei ein Ziel und
eine Zukunft gibt.
"Drinnen": Ich glaube, wir sitzen oft innerhalb des Tores, an sicheren
Orten, die wir uns geschaffen haben. Wir schaffen uns Oasen, an denen
wir auftanken können. Und ganz sicher brauchen wir diese Kraftquellen
auch, dieses "drinnen". Denn auch wir haben Angst vor dem "draußen",
jeder seine ganz eigene, vielleicht vor der Einsamkeit, der
Arbeitslosigkeit, der Krankheit, dem Alltag. Wir müssen uns aber
fragen lassen, ob wir den Weg nach draußen oft genug schaffen. Wie
schön wäre es, wenn wir sähen: Wir können doch gehen, weil unsere
Angst nicht alles ist. Wir gehören zu Gott, der uns nicht verlässt.
Und es gilt auch: Wir müssen als Christinnen und Christen nach draußen
gehen, solange noch Unrecht herrscht vor dem Tor statt Recht, solange
noch Menschen sterben vor dem Tor.
Menschen sterben ganz konkret: in den überfüllten Auffanglagern in
Darfour, in den Todeszellen der Staaten der Welt, die sich mit der
Todesstrafe zu Herren über Leben und Tod aufschwingen, in der
Besitzstandswahrung der Menschen der 1. Welt. Lasst uns hinausgehen,
mit Spenden für Brot für die Welt, mit Briefen über Amnesty
International, mit dem Kauf von fair gehandelten Waren, mit unserer
Liebe und Phantasie.
Und Menschen erleiden Unrecht, stehen draußen, auch bei uns. Ich
möchte ein Beispiel geben, das ich in den letzten Tagen gelesen habe,
klein vielleicht, aber mich hat es einfach wütend gemacht. Auch bei
uns stehen in den Wochen nach Ostern wieder Konfirmationen an. Wir
entlassen unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden mit der Bitte um
Gottes Segen in die Welt. Freunde und Familie bedenken die
Jugendlichen zu diesem einmaligen Tag mit Glückwünschen, mit
Geschenken, auch mit Geld, damit kleine Träume erfüllt werden können.
Das gilt aber nicht für die unter den Konfirmierten, die Leistungen
nach dem ALG II erhalten. Ihnen werden diese Geldgeschenke, die ein
Ausdruck der Begleitung auf dem Weg ins Leben sein sollen, ab einer
Höhe von 50 Euro auf das monatliche Einkommen angerechnet. Wie arm
sind wir doch in Gerechtigkeit und Liebe zu den Kindern, wenn wir das
zulassen. Wie dringend müssen wir, auch als Kirchengemeinde, dazu
unsere Stimme erheben, nach draußen gehen vor unsere Kirche, hin zu
unseren Politikern und Politikerinnen!
Um drinnen und draußen geht es, um die Frage, wo Christinnen und
Christen sind und wohin wir uns bewegen und wer uns dabei ein Ziel und
eine Zukunft gibt.
Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige
suchen wir.
Wir werden nur von drinnen nach draußen kommen, wenn wir wissen,
warum. Den Weg Jesu zu gehen, sich an seinem Handeln zu orientieren,
ist unsere Richtschnur. Zu glauben und zu fühlen, dass Gott uns als
seine Kinder geschaffen hat, erleichtert uns den Weg. Gottes
Gerechtigkeit für alle ist Gottes Wille und Versprechen: Er schafft
Recht.
Unterwegs in diese Zukunft kann uns ein Wort Martin Luthers begleiten:
Wir sind´s noch nicht, wir werden´s aber. Es ist noch nicht getan oder
geschehen, es ist aber in Gang und Schwang. Es ist nicht das Ende, es
ist aber der Weg.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 17.03.08