
Singet!
Predigt zum Sonntag Kantate in Neuenbeken - 20. 4. 2008
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
VI.Reihe: Offenbarung 15, 2-4
Ich sah ein Meer wie aus Glas, von Feuer durchglüht Und alle, die siegreich dem Tier, seinem Götzenbild und dem Unheil der Zahl 666 entkommen waren, standen am Ufer des gläsernen Meeres mit Harfen von Gott und sagen das Lied des Mose, der Gott gehorsam war, und das Lied des Lammes: „Herr, Gott, der du überall herrschst, Großes und Wunderbares hast du getan. Gerecht und dauerhaft hast du gehandelt. Du König der Völker, alle fürchten und lobpreisen deinen Namen. Denn du allein bist heilig, und alle Völker werden kommen und niederfallen vor dir. Denn dein Wirken in der Geschichte ist offenbar geworden.“
Gott segne du unser Reden und unser Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
Sonntag „Kantate“: Singet! Das Lied, um das es heute im Predigttext
geht, ist ein besonderes. Der alte Seher Johannes hat es auf der Insel
Patmos aufgeschrieben. Ein altes Lied, eine Lied, das auf eine alte
Botschaft des Mose zurückgeht. Ein Lied in einer dunklen Zeit. Mitten
in der Christenverfolgung durch die Soldaten des Kaisers Domitian. Ein
hoffnungsvolles, starkes Lied: Du allen bist heilig! Du - und nicht
der Kaiser Domitian (in Klammern hinzugesetzt), der selber wie ein
Gott verehrt werden will. Alle Völker werden zu dir kommen und dich
verehren.
Eine wunderbare Vision, die uns der geniale Seher Johannes
überliefert. Der Thronsaal Gottes wird beschrieben, er soll einen
Boden aus Glas haben. Ein machtvolles, beeindruckendes Bild. Und es
ist ganz klar, dass in diesem Thronsaal Gottes gesungen werden muss.
Das der Raum angefüllt wird mit Lobgesängen und wunderschönen Klängen.
Friedrich Nietzsche sagte kurz und bündig: „Ohne Musik wäre das leben
ein Irrtum.“ Wir kennen das Sprichwort: „Wo man singt, da lass dich
ruhig nieder.“ Aber die Fortsetzung bleibt einem im Halse stecken:
„... denn böse Menschen haben keine Lieder?!“ Ich weiß nicht. Kriegs-
und Hassgesänge kenne ich. Marschmusik, die direkt in den Tod geführt
hat. Doch gibt es eine Art von Liedern, die sich nicht so leicht
missbrauchen lassen. Es sind die Loblieder auf den rettenden und
barmherzigen Gott. Hasserfüllte Menschen können sie nicht wirklich
mitsingen. Aber auch keine freudlosen, traurigen, von Gott und der
Welt Enttäuschten. Auch denen bleibt allzu leicht das Singen im Halse
stecken.
Nicht selten heißt es bei der Vorbereitung einer Beerdigung: „Seien
Sie uns nicht böse, Herr Pfarrer, aber bei uns singt niemand mit bei
der Trauerfeier. Das ist so schwer für uns, da kriegen wir keinen Ton
heraus.“ Aber wie tröstlich ist es doch, wenn gerade bei einer
Beerdigung kräftig und überzeugt: Christ ist erstanden oder ein
anderer Choral erklingen kann.
Der Seher Johannes stimmt an in das alte Befreiungs-Lied des Mose,
gerade mitten in der Not der Verfolgung seiner Gemeinde, Paulus und
Silas sangen mitten im Gefängnis, den Tod vor Augen, die alten Psalmen
und der Pfarrer Ludwig Steil schriebe 1944 aus dem Konzentrationslager
an seine Frau: „Und sage der Gemeinde, dass der Lobgesang nicht
verstummen darf.“
Chorleiter können meistens schön erklären, was beim Singen rein
körperlich passiert: Der Brustkorb füllt sich mit Luft, damit richtet
sich der Mensch automatisch auf, durch das Singen gibt der Menschen
etwas von sich ab, lässt aus sich heraus, was sich festsetzen, was
unglücklich machen will. Der Körper streckt sich.
Im Singen eines Chorals streckt sich der Mensch nach Gott aus. Dass,
was ihn hier auf der Erde festhält, was seinen Geist niederdrückt,
kann er loswerden. Das Gesangbuch ist voll davon, wie Singen beleben,
befreien, froh werden lassen kann.
Dabei - und damit möchte ich schließen - ist das christliche Singen
etwas ganz anderes als das Pfeifen im dunklen Wald. Man pfeift ja im
dunklen Wald, nicht, weil man so fröhlich ist, sondern weil man damit
die Töne der eigenen Angst überstimmen will.
Christliche Choräle kennen auch den dunklen Wald, bzw. das dunkle Tal:
Psalm 23: und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein
Unglück. Christliche Choräle erklingen, weil sich ihr Inhalt als
stärker erwiesen hat als die Melodie des Todes. „Wir wollen alle
fröhlich sein in dieser österlichen Zeit!“ Wir haben doch Grund, trotz
allem zu singen. Gott ist ein Gott der Rettung. Er hat durch Mose das
Volk Israel aus Ägypten herausgeführt, er hat auch die Gemeinde des
Sehers Johannes überleben lassen und er hat vor allem und ein für
allemal den Tod besiegt durch die Auferstehung Jesu. So kann und darf
mit Recht das Loblied Gottes erschallen. Manchmal können wir es nur
leise oder gar nicht mitsingen. Aber dann sind es andere, die umso
lauter und überzeugter den Lobgesang weitersingen. Auch dass ist das
Geschenk der Lieder. Sie klingen erst richtig, wenn sie gemeinsam
gesungen werden. Wer gemeinsam singt, hört einander, nimmt Rücksicht
aufeinander, ist mit dem anderen verbunden. Loblieder Gottes tragen.
Auch diese Erfahrung kennen Sie. Da wo mir der Ton im Halse stecken
bleibt, singen andere ihn. Und das hilft mir, wieder meinen Ton zu
finden und weiterzusingen. Und vielleicht irgendwann derjenige zu
sein, der durch sein Singen wieder anderen den Mut macht, nicht
aufzuhören mit den Lobliedern Gottes. Gerade weil - und das ist kein
Widerspruch - es oft sowenig Gründe zu geben scheint, Gott loben zu
können.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 20.04.08