
Das helle Licht
Predigt am Letzten Sonntag nach Epiphanias - 13.1.2008
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
VI.Reihe: 2. Petrus 1, 16-19
Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen. Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge. Um so fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen.
Gott segne unser Reden und unser Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
ich sehne mich so sehr nach Licht! Die Tage sind zur Zeit so furchtbar
dunkel und ungemütlich. Ich finde, es ist langsam genug mit der
dunklen Jahreszeit. Ich sehne mich nach Wärme, nach fröhlichem
Gelächter, nach Spaziergängen im Sonnenschein und dem Sitzen unter
freiem Himmel.
Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? In der dunklen Jahreszeit ist
alles so grau in grau. Die Kleidung der Menschen, ihr
Gesichtsausdruck. Alles ist irgendwie freudlos, alles macht weniger
Spaß. Irgendwie fehlt der innere Antrieb. Alles ist so mühsam, die
Menschen so kleinkariert. Wenn die Sonne scheint, dann lachen die
Menschen mehr, nehmen das Leben leichter, sind freundlicher, gelöster.
Das ist nicht nur Einbildung. Der Zusammenhang von Licht und positiven
Gefühlen ist medizinisch erwiesen. Die Sonnenstrahlen setzen Vitamin C
und D frei und sind erwiesenermaßen für das Wohlbefinden des Menschen
förderlich. Der Mensch ist ein Lichtwesen. Damit seine Seele atmen
kann, braucht er das Sonnenlicht zum Leben.
Das haben Sie alle schon einmal erfahren. Es ist nicht verwunderlich,
dass zu allen Zeiten der Sonne göttliche Kräfte zuerkannt wurden. Bei
der alten Ägyptern wie bei den Germanen. Auch in der Zeit der ersten
Christen versuchte man, in Jesus so etwas wie den göttlichen Funken zu
sehen, der das göttliche Licht in die Seelen der Menschen bringt.
Unser Predigttext will von solchem eher abgehobenen - wir sagen heute:
esoterischem - Denken nichts wissen. Er steht im 2.Petrus-Brief.
Ausgerechnet im 2.Petrus-Brief! Denn dieser Brief ist dasjenige Buch
des Neuen Testamentes, das als letztes in den verbindlichen Kanon
aufgenommen wurde - und schon damals war die Aufnahme umstritten. Wir
wissen weder, wo dieser Brief entstand, noch warum. Fachleute
bescheinigen ihm einen minderwertigen literarischen Stil. Hier möchte
einer in gehobener Sprache schreiben, aber es ist eine „gezierte
Schwülstigkeit“ daraus geworden. Mit dem Verfasser des
1.Petrus-Briefes hat der Schreiber dieser Zeilen nichts zu tun. Und
eines steht sowieso fest: Es ist nicht der Apostel Petrus, der hier
schreibt. Obwohl der Autor dies behauptet - was allerdings in der
damaligen Zeit nichts besonders war, im Namen eines prominenten
Vorläufers zu schreiben.
Predigttext sind diese Sätze des 2.Petrus-Briefes wohl nur geworden,
weil hier das Evangelium des Sonntags von der Verklärung Jesu auf dem
hohen Berge zitiert wird. Aber ob uns diese Geschichte dadurch
anschaulicher wird, ich weiß nicht.
Und jetzt soll uns dieser Predigttext die Winterdepressionen
vertreiben, neuen Mut machen und unseren grauen Alltag mit hellem
Sonnenschein erleuchten!
Doch bevor mir alle hier wegdämmern, möchte ich dem Text folgen und
uns noch einmal auf den hohen Berg entführen, auf dem die sogenannte
„Entrückung“ Jesu stattgefunden hat. Oben auf den Bergen, auf dem
Gipfel ist bekanntlich die Sicht besser, da scheint die Sonne, es ist
wunderschön, auch wenn im Tal noch alles düster ist.
Dort also steht Jesus mit 4 seiner besten Freunde, und auf einmal
leuchtet er selbst wie eine Sonne, sein Gesicht, seine Haut, seine
Kleider... Wie eine strahlende Erscheinung ... wie ein Engel ..
strahlend weiß.. und andere Erscheinungen tauchen auf: Mose und Elia.
Es ist wie ein Besuch von Außeriridischen auf der Erde. Die Jünger
sind aus dem Häuschen. Weil es damals noch kein Video oder kein Foto
gab, wollen sie das Ereignis anders festhalten: „Wir bauen sofort ein
paar Hütten, dann könnt ihr alle hier wohnen!“
Aber es kommt gar nicht dazu. Denn das Ereignis wird noch
spektakulärer: Auf einmal dröhnt eine Stimme direkt aus dem Himmel:
„Das - nämlich Jesus - ist mein Sohn, an ihm habe ich Wohlgefallen,
ihm sollt ihr dienen“. Und die Jünger wissen: Gott hat gesprochen.
Unglaublich! Gott hat gesprochen. Und die Jünger waren dabei. Ja, wenn
ich Euch Aufnahmen von diesem Ereignis vorführen könnte, ja dann wäre
hier etwas los. Da würde niemand vor sich hin dämmern. Da wären alle
Augen und Ohren weit aufgerissen und man könnte eine Stecknadel fallen
hören. Und ich bin ganz sicher: Es ginge euch ein Licht auf, so groß
wie die Sonne: Ja, es gibt Gott! Und Jesus Christus ist sein Sohn!!
Und Jesus lebt!!! Und ein Strahlen geht von ihm aus!!!! Wir Menschen
sind gerettet, alle sind aus dem Häuschen!!!!!
Tja, aber es gab damals noch kein Video und keine Fotos. Es gab am
Anfang noch ein paar Augenzeugen. Und später ein paar Berichte von
Augenzeugen. Dürre Worte blieben. Warum hat man sie überhaupt
aufgeschrieben? Ich bin sicher, nur aus dem einen Grund: Weil die
Menschen, die von diesen Worten lebten, so begeistert, so überzeugt,
so felsenfest sicher waren, das Gott lebt und Jesus sein Sohn ist.
Es fällt schwer, das nachzuvollziehen. Weil heute die Menschen, die
sich zu Christus bekennen, oft so wenig ausstrahlen von ihrer
Überzeugung, von ihrem Glauben. Deshalb achten viele Menschen auf
andere Austrahlungen. Sekten und Gurus, Reichtum und Erfolg, Ansehen
bei anderen, modernste Technik - das lässt die Herzen höher schlagen
als die Predigten der Kirche. Jedenfalls die meisten.
Wir sind eine Kirche des Wortes, es wird auch viel geredet, - aber das
Wichtigste ist doch, dass die Worte glaubwürdig sind. Dass jemand, der
zuhört, spürt: Hier spricht einer von eigenen Erfahrungen. Hier
spricht einer wie wir oder einer, der uns irgendwie Vorbild ist und
der uns etwas sagen kann.
Das mit der "Kirche des Wortes" ist nicht einmal so wörtlich zu
nehmen. Es geht um das "Wort" im umfassenden Sinn - es geht um
Verkündigung statt bloßer Unterhaltung, um Vermittlung von Gottes
Wort. Und das geschieht - Gott sei Dank - nicht nur durch gesprochene
Worte. Das geschieht auch durch Kunst, und das geschieht vor allem in
der Kirche auch durch die Musik. Für viele Menschen ist die
Verkündigung des Wortes eng verbunden mit der Kirchenmusik. Durch sie
werden Menschen berührt, angerührt, getröstet, ermahnt, kommen bei
sich und bei Gott an und finden wieder, was sei im Alltag des Lebens
verloren haben.
Verstehen Sie, darauf kommt es an. Erst einmal wieder die Augen
geöffnet zu bekommen für das Wesentliche. Es ist schon merkwürdig, da
wird Sonntag für Sonntag die frohe Botschaft von Jesus Christus
verkündet - aber wir Menschen pflegen lieber unsere
Winterdrepressionen, ergehen uns im Selbstmitleid, hören gar nicht
richtig hin und wundern uns, wie öde und langweilig doch alles ist.
Ich sage es noch einmal mit den dürren Worten des 2.Petrus-Briefes:
Jesus ist wirklich der Sohn Gottes. Er - und kein anderer - ist das
göttliche Licht. Seine Macht ist stärker als die Macht des Geldes, der
Waffen und aller Bedrohungen. Sein Licht vertreibt alle Finsternis,
allen Hass, alle Traurigkeit, alle Angst.
Das ist das Geheimnis - öffnet dafür eure Ohren und Augen: wenn ich
aufhöre, zu jammern und nur in schwarzen Farben zu malen, dann wird
die ganze Welt heller und freundlicher. Vielleicht sind es ja gar
nicht die anderen, die unfreundlich und langweilig sind .. Vielleicht
bin ich es ja selbst, in dem es so freudlos und finster zu geht ..,
wer weiß ...
Probiert es doch einmal mit diesem hellen Licht in euch: Lasst das
göttliche Licht, nämlich diesen einfachen und doch so glaubwürdigen
Menschen Jesus auf euren Berg. Auf den Berg der Sorgen, der vertanen
Chance, der 1000 Traurigkeiten, des Überflusses und der Langeweile -
und schaut in sein Gesicht. Wie weiß es ist, wie es strahlt. Was für
eine göttliche Erscheinung der Hoffnung und der Liebe das ist! Und ihr
werdet merken: es verändert sich etwas. Wo in mir das Herz aufgeht, da
bricht ein Lichtstrahl in das Dunkle. Da sehe ich plötzlich Menschen,
die gar nicht so übel sind. Da erkenne ich Zeichen des Frühlings
mitten im Winter. Da kann ich lächeln über meine eigene Verbissenheit.
Sollten wir nicht es nicht wirklich einmal versuchen, in das Gesicht
diesen menschlichen, freundlichen, strahlendes Gottes, in das Gesicht
Jesu Christi zu schauen? Auf die Worte der Hoffnung zu hören, ihnen zu
trauen, für wahr zu halten, dass in Jesus wirklich etwas Unglaubliches
geschehen ist, dass nämlich Gott Mensch wurde, um uns zu erlösen?
Schon oft gehört - aber wirklich verstanden?
Ich wünsche uns allen, dass wir einen winzigen Strahl dieses
göttlichen Lichtes in unserem Herzen auffangen können, vielleicht in
einem Ton, einer Geste, einem Wort, das uns anspricht und Hoffnung
macht. Vielen Menschen hat Gott schon so einen Durchbruch zu neuem,
befreiten, ermutigtem Leben ermöglicht. Warum sollte er es mit uns
nicht genauso machen?
Amen.
Kollektengebet
Lass dein Licht aufgehen, Vater im Himmel, in unseren Herzen;
damit es ihnen hell und warm werde.
Lass dein Licht aufgehen, Vater im Himmel, in unserer Welt,
damit sie lebenswert und lebenserhaltend für alle ist.
Darum bitten wir dich durch Jesus Christus, deinen Sohn, der mit dir
im Heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Fürbittgebet
Gott,
der du das Licht geschaffen hast,
du willst auch unser Leben hell machen.
Wir danken dir für all die hellen Zeiten in unserem Leben,
in denen wir getröstet wurden, in denen wir uns freuen konnten,
in denen wir einen Menschen gefunden hatten, auf den wir uns ganz und
gar verlassen konnten,
in denen wir gesund geworden sind an Leib und Seele.
Lass uns das Licht behalten in unseren Herzen,
damit wir uns erinnern an alles,
was du für uns getan hast.
Wer sich erinnert, kann auch hoffen.
Wenn sich unsere Tage verdunkeln,
dann lass uns dennoch das Licht ahnen
hinter all den Finsternissen.
Wer um das Licht weiß, verliert sich nicht im Dunkeln.
Wir bitten dich um das tröstende Licht deines Wortes
auf das, was uns das Leben schwer macht.
Wer auf dich hört,
findet einen Weg durch die Schwierigkeiten hindurch.
Erleuchte, die in der Politik und in der Wirtschaft Verantwortung
tragen,
dass ihr Handeln von Menschenliebe bestimmt wird,
die von deiner Liebe lernt.
Wer liebevoll mit Menschen umgeht, will ihr Bestes.
Nimm uns die Angst vor einer ungewissen Zukunft
durch die Hoffnung, dass sich ganz gewiss erfüllen wird,
was du uns verheißen hast.
Wer Hoffnung hat, wird den Mut nicht verlieren.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 13.01.08