
Jeder neue Tag ist eine Auferstehung
Predigt zum 2. Ostertag - 24. März 2008
Von Gisela Gorzewski, Bad Lippspringe
Epheser 1, 18-20
„Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzen, damit ihr erkennt, wie überschwänglich groß seine Kraft sich an uns, den Gläubigen, erweist.
Es ist dieselbe Kraft, mit der er Christus von den Toten auferweckt hat.“
Christus, Auferstandener, sieh, wohin wir gehn.
Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn. Amen.
Ich habe Ihnen ein Relief von Ernst Barlach mitgebracht. Es heißt:
"Auferstehung".
Wir wissen alle: niemand war Augenzeuge, als Jesus auferstanden ist.
Trotzdem haben unzählige Künstler die Auferstehung gemalt, geschnitzt,
in Glasfenstern gestaltet. Nicht, weil sie zeigen wollten: so ist es
gewesen, sondern weil sie mit ihren Augen des Herzens einen
Blickwinkel auf dieses unerhörte Ereignis erhascht hatten, der ihnen
wichtig geworden war. Den wollten sie nun im Gleichnis ausdrücken.
Ernst Barlach wollte die Kraft veranschaulichen, von der Paulus hier
redet. Im griechischen Urtext heißt Kraft „Dynamis".
Ich kenne keine andere Darstellung der Auferstehung Jesu, die uns die
ungeheure Sprengkraft dessen, was da geschehen ist, so drastisch vor
Augen führt. Unsere armselige innerweltliche Wirklichkeit fliegt uns
ja geradezu in Fetzen um die Ohren.
Als wir uns Ostern 1958 trauen ließen, waren mein Mann und ich uns
darüber im Klaren, dass zu einer gelingenden Ehe eine Kraft nötig ist,
die weit über unsere natürlichen seelischen Kräfte hinausreicht. Mit
denen allein kommt man in einer Ehe nicht weit. Jede dritte Ehe wird
heute geschieden. Mein Mann und ich hatten vor unserer Hochzeit schon
als Vikare in Großstadtgemeinden gearbeitet und das Sterben vieler
Ehen miterlebt.
Aber wir hatten auch Wunder erlebt. Ehen, die wieder auferstanden. Und
je mehr wir erlebten an Menschenschicksalen, desto mehr begriffen wir,
dass Sterben und Auferstehen nicht nur das Grundgesetz jeder Ehe,
sondern des menschlichen Lebens überhaupt ist. Dieses Grundgesetz
zieht sich durch unser ganzes irdisches Leben hindurch.
Das geht gleich los bei unserer Geburt. Haben Sie schon einmal darüber
nachgedacht, dass unsere Geburt in diese Welt hinein im gleichen
Augenblick der Tod unseres vorgeburtlichen Lebens ist?
Es gibt einen wunderbaren Sketch, in dem Zwillinge im Mutterleib sich
auszumalen versuchen, was eigentlich passiert, wenn sie den Mutterleib
einmal verlassen müssen.
"Weisst du", sagt die Schwester zu ihrem Bruder, „ich glaube, es gibt
ein Leben nach der Geburt." –„Was für eine Idee", ruft der Bruder. „Es
ist noch nie jemand zurückgekommen von 'nach der Geburt' - Das hier
ist alles, was es gibt"!
Ich habe diesen Sketch einmal in seiner vollen Länge als Lesespiel in
einem Frauenkreis aufführen lassen, und eine Frau rief spontan: „Aber
dann fängt es doch erst richtig an!"
Könnte das nicht noch viel mehr zutreffen für das, was uns nach
unserem Tode erwartet?
Aber in weit weniger auffälliger Weise als bei Geburt und Tod am
Anfang und Ende unseres irdischen Lebens spielt sich doch auch
innerhalb unseres irdischen Lebens dieses Sterben und Auferstehen ab.
Unsere Kindheit stirbt allmählich und fast unbemerkt, wenn wir in das
Jugendalter hineingeboren werden. Als Kinder merken wir das überhaupt
nicht. Am ersten spüren es noch die Mütter. Dann, wenn sie ihre Kinder
zum ersten Mal an der Schwelle des Kindergartens oder an der Schwelle
der Schule in andere Hände geben müssen. Die berufliche Ausbildung,
der Eintritt in den Beruf, der große Schritt in das Familienleben mit
der Geburt der Kinder, später ihr Weggang aus dem Elternhaus, die
Pensionierung, das Aufgeben der eigenen Lebensgestaltung im Alter, all
das ist verbunden mit kleinen Todeserlebnissen innerhalb unseres
Erdenlebens. Jeder Abschied ist ein kleiner Tod. Wir sterben viele
kleine Tode, bevor wir sterben.
Aber jeder Mensch bekommt von Gott die Chance, genau so oft zu einem
neuen Lebensabschnitt auferstehen zu dürfen, wenn, ja, wenn er es
selbst will. In unserer Jahreslosung sagt Christus :
„Ich lebe, und ihr sollt auch leben". Das ist das große Geschenk, das
Gott uns zu Ostern anbietet.
Aber ein Geschenk kann man annehmen oder es auch ablehnen oder zur
Seite legen, ohne es auszupacken und in Gebrauch zu nehmen.
Es gibt eine Anekdote über Friedrich den Großen. Dem wurde eines Tages
eine Beschwerde von einem Pfarrer vorgelegt. Darin beklagte der sich
darüber, dass sein Amtsbruder nicht an die Auferstehung glaube. Der
König schrieb an den Rand: „Wenn er am Jüngsten Tage nicht will
aufstehen, so soll er liegen bleiben.'
Ich bezweifle zwar, dass wir es einfach ignorieren können, wenn Gott
uns am Ende unserer Tage vor sich ruft. Ich stelle mir ganz kindlich
vor, dass dann die Dynamis, die Barlach in seinem Relief andeutet, uns
energisch vor Gott auf die Füße stellt.
Aber hier, in unserem irdischen Leben, da haben wir tatsächlich die
Möglichkeit, liegen zu bleiben. Und das ist dann der Unterschied
zwischen „lebendig tot" sein und dem „Leben in Fülle", das Jesus uns
versprochen hat. Denn es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter
Wünsche. Aber um das empfangen zu können, müssen wir das loslassen,
was nach Gottes Ratschluss im jeweiligen Lebensabschnitt abgeschlossen
ist und was darum sterben muss. Wer sich mit aller Gewalt an das
Vergangene klammert, erstarrt an diesem Punkt seines Lebens. Er stirbt
innerlich mit. Am augenfälligsten erleben wir das, wenn jemand einen
geliebten Menschen durch den Tod verloren hat und der Trauerprozess
nicht am Ende, vielleicht nach sehr langer Trauerarbeit, doch zu
seiner Bereitschaft führt, den geliebten Menschen loszulassen und ganz
Gott anzuvertrauen.
Aber es gibt auch viel feinere Formen einer solchen Erstarrung, Mir
ist das einmal in der Münchener U-Bahn aufgegangen. Zwei Frauen fielen
mir besonders auf. Beide waren nicht mehr jung. Aber die eine wollte
es nicht wahrhaben. Sie war so grell geschminkt, dass das Gesicht wie
eine Maske wirkte. Die Kleidung verriet den verzweifelten und total
missglückten Versuch, jung und sexy zu wirken. Diese Frau klammerte
sich an ihre verlorene Jugend und verspielte damit die Chance auf ein
erfülltes Leben als reife Frau.
Nicht weit davon saß eine weitaus ältere Frau mit ihrer Enkelin. Die
beiden waren in ein lebhaftes Gespräch vertieft und lachten
miteinander. Viele kleine Fältchen spielten um die fröhlichen Augen
der Großmutter, und ihr ganzes Gesicht strahlte Wärme und Lebensfreude
aus. Es war ein schönes Gesicht, trotz der vielen Fältchen. Diese Frau
hatte offensichtlich die Chance eines erfüllten Lebens jenseits der
lange gestorbenen Jugend ergriffen. Sie lebte!
Das, was für unser Leben allgemein gilt, gilt auch für jede Ehe. Auch
da gibt es viele kleine Tode. Die anfängliche himmelhochjauchzende
Verliebtheit stirbt allmählich im oft mühseligen Alltag einer Ehe.
Darum geben viele Ehepartner auf und suchen dieses verlorengegangene
Gefühl mit einem neuen Partner wieder zu erleben. Aber wer von einer
Ehe nicht mehr erwartet als diese erste Verliebtheit, wird mit jedem
neuen Partner wieder scheitern.
Was passiert aber, wenn wir uns dann Gott in die Arme werfen und auf
die Kraft der Auferstehung setzen? Lassen Sie mich ganz persönlich
erzählen, wie wir es erlebt haben.
Was vorher an himmelhohem Überschwang gestorben war, wuchs als
Samenkorn nun in die Tiefe. Unsere ursprünglich getrennten
Lebenswurzeln wuchsen zu einem starken Wurzelgeflecht zusammen.
Mit Geduld und liebevoller Pflege ist im Laufe von 50 Jahren ein
mächtiger Baum daraus gewachsen. Um es mit Psalm l zu sagen: Unsere
Ehe erleben wir "wie einen Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der
seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken
nicht." Dieser Baum konnte und kann Stürmen wie auch Dürreperioden
trotzen. Denn die kommen in jeder Ehe bestimmt! Es gab sie auch bei
uns. Wir könnten uns jetzt gegenseitig viele Auferstehungsgeschichten
aus unserem Alltag erzählen. Jede Versöhnung zum Beispiel ist eine
Auferstehung. Ich möchte zum Abschluss aus unserer Ehe nur ein
Beispiel erzählen, das für uns besonders schwerwiegend war:
Kurz nach unserer Silberhochzeit bekam mein Mann einen schweren
Herzinfarkt. Der behandelnde Arzt sagte wörtlich: „Bei einem
Herzinfarkt dieser Schwere ist der zweite Infarkt wahrscheinlich, der
dritte mit Sicherheit tödlich. Also, schonen Sie sich!" Das war in
einer Ein-Mann-Pfarrstelle mit 4000 Gemeindegliedern leichter gesagt
als getan. Unsere drei Kinder waren noch in der Ausbildung. Bis zum
frühest möglichen Pensionierungstermin waren es noch 8 Jahre. Mein
Mann fiel für die nächsten 5 Monate komplett aus.
Es begann eine schwere Zeit für uns alle. Aber wir haben sie nicht als
dunkel in Erinnerung und mochten sie um keinen Preis missen. Denn in
dieser Zeit flössen uns Kräfte zu, von denen wir vorher keine Ahnung
hatten und die nicht unsere eigenen Kräfte waren. Und nicht nur wir,
unser ganzes Umfeld erlebte eine Auferstehung: Das Presbyterium, der
Küster, unsere Sekretärin, die ganze Gemeinde wuchs über sich hinaus.
Und das Schönste war die Fürbitte, die uns trug.
Seitdem sind fast 25 Jahre ins Land gegangen. Wir haben also unser
halbes Eheleben in dem Bewusstsein verbracht, dass jeder Tag der
letzte unserer Ehe sein könnte.
Ich bin oft gefragt worden, ob das nicht furchtbar sei. Aber genau das
Gegenteil ist eingetreten. Wir haben gelernt, im Lichte der
Auferstehung zu leben. Jeder neue Tag ist eine Auferstehung für uns.
Das ist er übrigens für jeden Menschen. Aber vorher wussten wir es nur
theoretisch. Oft wissen wir Menschen ja erst, dass wir glücklich
waren, wenn wir das Glück verloren haben. Wir haben einen eigenartigen
Hang, das Glück woanders zu suchen als da, wo wir jetzt und hier unser
Leben gestalten könnten.
Das Kind sagt: „Wenn ich einmal groß bin...."
Der junge Mensch ist überzeugt: „Wenn ich endlich die Schule und
Ausbildung hinter mir habe, dann fängt das Leben an." Wenn das
Berufsleben zu viel Stress mit sich bringt, träumen wir vom
Rentenalter. Was wollen wir da alles nachholen! Und merken wir als
Rentner, wie begrenzt unsere Kräfte sind, seufzen wir: „Ich möchte
noch mal 20 sein!"
Aber seit mein Mann und ich wissen, dass jeder Tag ein Geschenk ist,
wissen wir erst, was Leben ist und dass es in allem verborgen ist, was
wir aus Gottes Hand annehmen, in dem Schönen wie auch dem Schweren.
Auferstehung ist ja immer die Kehrseite von durchlittenem Tod! Die
Verbindung mit Gott wird uns darum immer wichtiger. Die Bibel und das
Gebet gehören fest in unseren Tageslauf, denn das sind die Quellen,
durch die Gottes Dynamis zu uns fließt. Wir können uns von Herzen
freuen an den vielen kleinen Dingen, die wir vorher übersehen haben.
Wir wissen, dass wir glücklich sind, trotz 4 Bypässen, einem
Defilibrator, neuerdings einer Fruktose-Unverträglichkeit und all den
Beeinträchtigungen, die das Alter nun einmal mit sich bringt.
So feiern wir heute diesen Gottesdienst mit Ihnen in tiefer
Dankbarkeit und stellen uns alle unter den Segenswunsch des Apostels
Paulus:
„Gott gebe uns erleuchtete Augen des Herzens, damit wir erkennen,
wie überschwänglich groß seine Kraft sich an uns erweist. Es ist
dieselbe Kraft, mit der er Christus von den Toten auferweckt hat.“
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 25.03.08