
Den Horizont neu in den Blick nehmen
Predigt am Palmsonntag - 16. März 2008
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
VI. Reihe: Hebräer 12, 1-3
Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist,
und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.
Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst. (Luther-Übersetzung)
Soweit der Predigttext aus dem Hebräerbrief für den heutigen
Sonntag, liebe Gemeinde. Haben Sie manchmal auch das Problem, durch
irgendein dummes Versehen Briefe in die Finger zu bekommen, die gar
nicht an Sie adressiert sind. Sie lesen, lesen noch einmal und denken
– und?! Was geht mich das an!?
Ein ähnliches Gefühl beschleicht mich beim Lesen des Hebräerbriefes.
Das anonyme Schreiben ist als Brief stilisiert, gleicht aber eher
einer Predigt. AdressatInnen sind christusgläubige JüdInnen, die durch
das Ausbleiben der erneuten Erscheinung Jesu Christi müde und mutlos
wurden und aus politischen Gründen (das Judentum war im römischen
Reich als Religion anerkannt und geschützt, das neue Christentum
nicht) wieder zu ihrer jüdischen Religion zurückkehrten. Wir befinden
uns vielleicht im Jahr 100 n.Chr.
– und?! Was geht mich das an!?
Die Angst, für meinen Glauben verfolgt zu werden, geht mich, hier und
jetzt, nichts an. Ich kann sie historisch wahrnehmen, ich kann sie
auch für viele Menschen vieler Glaubensrichtungen auf dieser Welt als
Tatsache wahrnehmen und bedauern. Aber darüber hinaus betrifft sie
mich nicht existentiell, in meiner Lebensgrundlage.
Was allerdings meine Existenz betrifft ist das zeitweilige Gefühl:
Wofür eigentlich? Lohnt sich das Bemühen, das Sorgen, das Planen, Tun
und Machen? So viele sind schon gar nicht mehr dabei. Am Ende bleiben
immer nur die Gleichen übrig. Was bringt uns dieser Glaube noch?
Vielleicht könnte ich anders ruhiger und bequemer leben.
Ich lese uns den Text noch einmal vor, in einer anderen Übersetzung:
Deshalb gilt auch für uns: Weil wir von Menschen umgeben sind, die Zeugnis ablegen, wollen wir alle Last und Fesseln abwerfen, die durch die Gesetzesübertretungen entstanden sind. Lasst uns standhaft den vor uns liegenden Kampf aufnehmen und dabei aufsehen zu Jesus, der das Gottvertrauen begründet und vollendet hat. Er hat um der vor ihm liegenden Freude willen das Kreuz erduldet, Entehrung verachtet und sich schließlich zur Rechten des Thrones Gottes gesetzt. Denkt an ihn, der von gottfernen Menschen derartige Empörung gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht müde werdet und nicht den Mut verliert. (Bibel in gerechter Sprache (Bigs))
Wer glaubt, ist auf einem Weg.
Das Erste, was ich in dem alten Text höre: Klagen und Fragen,
Anfechtung und Zweifel sind nicht tabu, sondern dürfen sein. Der
Glaubensweg ist kein lockerer Spaziergang. Er kann müde machen,
verunsichern.
Das Zweite: Es gibt ein Ziel. Nicht nur der Weg ist das
sprichwörtliche Ziel, sondern irgendwann werden wir ankommen.
Das Dritte: Ich bin nicht allein unterwegs. Die Lutherübersetzung
spricht von der „Wolke von Zeugen“ und lässt so die Erinnerung an den
Auszug der Israeliten aus Ägypten, begleitet von Feuerschein und
Wolkensäule in uns aufblitzen. Die BigS redet von “Menschen, die
Zeugnis ablegen“. Menschen auf jeden Fall, die den Weg weisen können,
der uns manchmal verloren geht. Menschen, die um uns sind und uns
stützen, wenn wir auf dem Weg des Glaubens ins Stolpern geraten oder
müde werden und einknicken.
Das Vierte: Um gehen zu können, müssen oder besser können wir Last und
Fesseln abwerfen. Wahrscheinlich haben Sie das selbst schon erfahren:
wer bei einer Wanderung oder Reise zu viel einpackt, der wird
letztlich von der Last des Gepäcks niedergedrückt und am Fortkommen
gehindert. Tasche und Rucksack schneiden in Hand oder Schulter und ich
kann nicht wahrnehmen, wie es um mich herum aussieht, weil ich
gefangen bin von den Schmerzen und dem Ärger, wieder einmal zu viel
mitgenommen zu haben.
Mir geht das regelmäßig so.
Es ist schwer, das im eigenen Leben umzusetzen: loslassen, sich
trennen, reisen mit leichtem Gepäck. Alte Gewohnheiten sind
hartnäckig, eingefahrene Muster sind schwer abzulegen, auch wenn sie
als Ballast empfunden werden. Ich finde immer tausend Gründe, um
wirklichen Veränderungen auszuweichen. Trotzdem stimmt das: Der
Glaubensweg geht sich leichter, wenn ich anfange, Wichtiges von
Unwichtigem zu unterscheiden und mein Leben aufzuräumen. Der
Frühjahrsputz ist eine alte Tradition. Vielleicht haben Sie die
Passionszeit genutzt oder nutzen jetzt die bevorstehende Karwoche zum
inneren Frühjahrsputz.
Menschen, die Marathon laufen, joggen oder pilgern oder spazieren
gehen, berichten davon, dass es auf dem Weg Strecken gibt, da sind die
Augen, ist die Konzentration auf den Weg gerichtet, Schritt für
Schritt. Aber sie berichten auch, wie notwenig es ist, immer wieder
hoch zuschauen, den Horizont in den Blick zu nehmen, die Perspektive
zurecht zu rücken, von den einzelnen Schritten weg hin zum Ziel. Auf
dem Weg des Glaubens müssen wir nicht jeden Schritt neu erfinden, wir
können uns orientieren an Jesus, dem Vorläufer. Wir können aufschauen
und neu den Horizont in den Blick nehmen, eine Perspektive gewinnen,
die nötig ist, um jeden Tag Schritt für Schritt den Weg des Glaubens
zu gehen. Das war meine fünfte und letzte Anmerkung zu der uralten
Predigt des Hebräerbriefes. Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 20.03.08