
Das Chaos als Chance für die Zukunft
Predigt zum Pfingstfest 2008 - 11. Mai 2008
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
Epistel Apostelgeschichte 2, 1-18

Auf den ersten Blick: Chaos, liebe Gemeinde. Moderne Kunst, schön
bunt, aber wo ist denn da oben, wo unten?
Aber ich habe entdeckt: ein näherer Blick lohnt sich:
Regen, Hagel, Schnee? Graue Bälle, die aus schweren Wolken fallen, in
der unteren Bildhälfte aufschlagen.
Darunter gemischt: Funken, glühende Tropfen, heißer Hagel, der aus
einem gelbroten Himmel nach unten schießt. Meteoritenhagel. Lava und
Asche, Feuer und Schwefel, Sodom und Gomorrha, Tumult, Panik, Menschen
auf der Flucht.
Menschen?
Die grauen Bälle werden zu Köpfen. Schemenhaft, gesichtslos.
Eine Hand, kaum mehr als ein verlaufender Pinselstrich am unteren
Bildrand, greift zum Wanderstab, eine andere, mit Tusche an den
rechten Bildrand gekritzelt, reckt sich kohlschwarz in den glühenden
Regen. Wieder eine andere streckt sich aus, ruhig, empfangend, leicht
wie Flügelschlag, der Aufregung ringsum wie enthoben.
Langsam beginnt sich das Bild zu teilen: in ein Oben und Unten, oder
besser in ein von oben und von unten.
Von unten, das ist blau, schwarz und grau. Von oben, das ist gelb und
feuerrot. Von unten, das ist kalt, träge, schwer. Von oben, das ist
spitz, scharf und glühend. Und beides durchdringt sich. Der Feuerhagel
schlägt durch und bringt das Gelb bis an den unteren Bildrand. Das
gesichtlose Grau der Masse erstreckt sich bis zum oberen, zum
Sonnenlicht, zum Horizont, so weit das Auge reicht.
Wer sind diese Menschen?
Einige von ihnen tragen Nummern.
Der Künstler hat sie in die grauen Kleckse gekritzelt, wie bei einer
Skizze, vorläufig, achtlos beinahe. Von oben nach unten lassen sich
die Gestalten durchzählen. Eins bis zwölf, das gibt einen Hinweis:
hier sind wohl 12 Apostel im Spiel.
Salvador Dali malt den ersten Pfingsttag in Jerusalem.
In Form von Fingerabdrücken dargestellt sind die zahlreichen Menschen,
die am Tag des ersten Pfingsten der christlichen Gemeinde
»hinzugefügt« wurden, Fingerabdrücke, Symbol für die
Unaustauschbarkeit jedes Einzelnen. Zugleich bilden diese unzähligen
Abdrücke auf dem Bild eine graue Masse: Jede Christin, jeder Christ
ist Bestandteil eines übergeordneten Ganzen und geht in der Kirche,
der Gemeinschaft der Heiligen auf.
Von der beschaulichen Vorstellung, für eine Weile hätten Feuerzungen
über den Köpfen der Apostel geschwebt, und diese hätten vorübergehend
Predigten in verschiedenen Sprachen gehalten, die sie eigentlich gar
nicht beherrschten, bleibt hier nichts übrig. Dalis Bild hat nichts
Langsames, nichts Beschauliches. Alles ist in Bewegung. Bunt gemischt,
quirlig, lebendig, Die Feuerzungen werden zum Feuerhagel, der auf die
Apostel einschlägt, sie aufstört, in Aufruhr versetzt. Sie entsetzten
sich, sie wurden bestürzt, sie verwunderten sich, es ging ihnen durchs
Herz - diese Sätze aus der Pfingstgeschichte entsprechen am ehesten
dem Bild. Tumult, Geschrei, helle Aufregung, Schaulustige von allen
Seiten. Nicht nur aus den Gassen ringsum strömen sie zusammen. Sie
kommen - es ist hoher Festtag in Jerusalem - aus aller Herren Länder.
So weit man schauen kann: Menschen. So weit der Erdkreis reicht:
Zuschauer. Erst wollen sie mit dem Geschehen nichts zu tun haben. Sie
gaffen, haben ihr Vergnügen, machen ihre Bemerkungen aus der Distanz.
Doch schon werden sie von Zuschauern zu Zuhörern. Was sie hören,
berührt sie, trifft sie, und mit einem Mal sind sie mittendrin,
gehören dazu, sind Teil dieser Bewegung, die von oben nach unten in
Feuer getaucht wird, erleuchtet wird, erhellt.
Spätestens jetzt sind auch wir nicht mehr nur Betrachter. Wir stehen
selbst mitten im Geschehen, mitten im Bild. Wir sind Bestandteil
dieses geistentflammten Wirrwarrs, dieser niemals stillstehenden
Bewegung, dieses nicht zu bändigen Chaos, das sich Kirche nennt.
Ist unsere »Kirche« heute noch wirklich das Werk des ungestümen,
aufstörenden Geistes? Ist sie dazu nicht viel zu geordnet, allzu
detailliert gegliedert und geregelt? Selbst in ihrem Singen und Feiern
ist sie Noten, Redewendungen und Vorschriften unterworfen!
Kirche, das ist manchmal auch ein Grund zum Verzweifeln. Was trägt
diese Kirche noch?
Was macht sie aus?
Wie wünschen wir sie uns?
Was glauben wir von der Kirche?
Was glauben wir überhaupt?
Immer schon haben Christen ihre Kirche als vielfältig erlebt, als
uneinheitlich gar. Immer schon haben sie sich bemüht, das, was für
alle Christen gilt, in Worte zu fassen - unabhängig von der Sprache,
der Hautfarbe, der politischen Überzeugung. Herausgekommen sind die
Glaubenszeugnisse der Kirche, von denen das Apostolische
Glaubensbekenntnis heute wohl das am weitesten verbreitete ist. Es ist
der Versuch, alle Menschen, die an Jesus Christus glauben, durch
wenige Sätze, die sie alle bejahen, zu verbinden.
Konflikte sind vorprogrammiert.
Kein Glaubensbekenntnis konnte die Kirche dauerhaft einen. Im
Gegenteil: Bis heute sind sich die Christinnen und Christen nicht
einig, wie denn das zu verstehen sei, was sie da allsonntäglich in
ihren Gottesdiensten bekennen. Eine Hand ist schon an den Wanderstab
gelegt, um auszuziehen. Andere recken zornig die schwarze Linke in den
Himmel, hadernd, einen Richter herbeizitierend.
Aber genau das ist, was Pfingsten ausmacht. Genau das ist es, was
Kirche ausmacht. Genau das ist der Heilige Geist.
Nichts muss gleichförmig, eintönig und gleichgeschaltet sein. Gottes
Geist schenkt unterschiedlichen Menschen unterschiedliche Gaben und
Begabungen, die eingebracht werden sollen zur Ehre Gottes und zum
Wohle der Menschen.
Kirche, Gemeinschaft der Heiligen macht aus, das so viele ganz
unterschiedliche Menschen zusammenkommen und alle ihren Platz haben
und gebraucht werden: die Großen und die Kleinen, die Stillen und die
Lauten, die Traditionellen wie die Avantgarde, die Jungen wie die
Alten, Sie können diese Aufzählung weiter fortschreiben.
Gott gebe uns, dass wir die bunten, unterschiedlichen Begabungen, die
verschiedenen Menschen, die individuellen Geistesgaben, ja manchmal
eben auch den ehrlichen Konflikt und das Chaos, als das Erbe des
ersten Pfingstfestes, als Chance für die Zukunft begreifen! Amen.
Nach einer Idee von Ulrich Haag “Mehr als tausend Worte“ in: Du sollst
dir kein Bildnis machen. Gütersloh. 2005.
Bild: Salvador Dalí, „Pfingsten“ © Privatsammlung Alberetto, Turin
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 13.05.08