
Alles muss klein beginnen
Predigt am Sonntag Quasimodogeniti - 30. März 2008
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
VI.Reihe: Jesaja 40,26-31
Hebet eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.
Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: „Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber?“
Weisst du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.
Gott, segne unser Reden und unser Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
es geschah einmal, dass aus der Erde eine kleine Pflanze emporwuchs.
Sie freute sich so über das Licht und die Luft, dass sie mit allen
Kräften sich entfaltete und größer und größer wurde. Ja, bald konnte
man sehen, wie ein kleiner Baum dastand, mit zarten Zweigen und
Blättern, in einem wunderschönen Grün.
Eines Tages ließ das Bäumchen seine Blätter traurig hängen und auch
die kleine Äste neigten sich zur Erde.
Ein Vogel, der in dieser Gegend gerne in den Zweigen der Bäume sang,
merkte dies, flog auf einen der Äste und fragte den jungen Baum, was
geschehen sei.
„Ach“, klagte er, „ich will nicht mehr weiterwachsen. Wenn ich all die
schönen, großen, starken Bäume um mich sehe, wie sie ihre mächtigen
Zweige gegen den blauen Himmel recken, dann denke ich: Das schaffst du
nie!“ Der Vogel wiegte sich eine Weile auf dem biegsamen Ast, während
er nachdachte. Dann sagte er:
„Du musst Geduld haben. Jeden Tag bekommst du so viel Sonne, Regen und
Wind, wie du gerade brauchst. Nimm das an und sei zufrieden! Alles
andere wird sich von selbst finden.“
Liebe Schwestern und Brüder,
geht es uns nicht oft wie dem kleinen Bäumchen in dieser Fabel?
Hoffnungslosigkeit, Resignation überfällt uns, wenn wir spüren, dass
unser Alltag eine einzige Quälerei wird. So eine bleierne Müdigkeit
überfällt uns, wir denken, es geht nicht recht weiter. Da ist es die
Gesundheit, die Vitalität, die auf einmal nicht mehr da ist. Der
geliebte Lebenspartner stirbt. Eine Beziehung zerbricht. Ein
Berufswunsch geht nicht in Erfüllung - und vieles mehr. Unser Herz ist
unruhig, springt hin und her zwischen Hoffen und Bangen. Es fehlt die
Kraft zur Ruhe und Gelassenheit.
Quasimodogeniti - so heißt dieser Sonntag. Auf deutsch: Wie die
neugeborenen Kindlein. So wollen wir uns auch fühlen: wie neugeboren.
Aber gerade das tun wir so oft nicht. Christus hat an Ostern den Tod
überwunden, damit auch wir immer hoffnungsvoll leben, aber es gelingt
uns eigentlich nicht.
Der Prophet Jesaja wendet sich in unserem Predigttext auch an
hoffnungslose Menschen. Sie sitzen im fernen Babylon. Es geht ihnen
körperlich gar nicht einmal schlecht, aber sie fühlen sich innerlich
hohl, ausgebrannt ist das Feuer ihrer Liebe zu Gott, ihrem Mut zum
Leben. „Ich will nicht mehr,“ sagt so mancher. „Wenn ich die anderen
Götter sehe, dann danke ich: So ein sorgenfreies und erfolgreiches
Leben schaffe ich nie!“
Aus dem Propheten spricht Gott selbst. Er schüttelt die Jammernden und
verbietet ihnen das Selbstmitleid. „Wisst ihr nicht, wer die Macht
hat? Wer hat denn alles geschaffen, den Himmel und die Erde, die
Tiere, das Gras, die frische Luft, die ihr atmet? Es ist Gott, der
Schöpfer, der immer noch am Werk ist - erinnert euch, wie er bisher
geholfen hat: den Müden gibt er Kraft und den Unvermögenden Stärke.“
Zu uns spricht Gott noch deutlicher: „Ihr nennt euch Christen - also
Menschen, die durch Christus zu neuem Leben aus dem Tode auferweckt
wurden. Und da sitzt ihr und blast Trübsal! Wisst ihr nicht, dass
Gottes Liebe stärker ist als der Tod? Erinnert euch - getauft seid
ihr, angenommen als Kinder Gottes! Schon als ihr äußerlich ganz
schwach und hilflos ward, hat Gott euch schon Stärke und Mut
verliehen.“
Mögen wir manchmal auch in der Welt kleine, schwache Bäumchen sein,
liebe Schwestern und Brüder. Erinnert euch, wer uns gepflanzt hat. Es
war der mächtige und kräftige Schöpfer des Lebens. Und er will nicht,
dass ihr euch einschüchtern lasst von den äußerlichen Großen, die euch
den schönen blauen Himmel verdunkeln.
Es mag sein, dass wir wie das Bäumchen in der Fabel zuweilen die
Blätter hängen lassen, dass wir müde und hoffnungslos werden. Aber
weiterhelfen kann uns die Zuversicht, das Gott uns neue Lebenskraft
schenken will und auch wird - auch wenn einmal unsere Wünsche, unsere
Lebensplanungen nicht in Erfüllung gehen.
Heute führen wir Presbyterinnen und Presbyter in ihr Amt in der
Gemeindeleitung ein. Das ist ein wichtiges und bedeutsames Ereignis.
Immerhin bestimmt dieses von der Gemeinde gewählte Presbyterium die
Geschicke der Gemeinde für die nächsten vier Jahre. Aber sicher nicht
allein. Das Presbyterium kann auf Dauer nicht mehr leisten als die
Gemeinde selbst. Es ist viel, wenn es der Gemeinde nicht im Weg steht.
Das ist die Kunst, die Saat, die in der Gemeinde sowieso aufgeht und
wächst, zu erkennen, zu pflegen – zu ermutigen, dem Wachsen zu trauen,
fest davon auszugehen, dass aus dem anfänglich kleinen etwas Großen
und Beständiges wird.
Nicht umsonst ist das biblische Leitwort der Gemeindekonzeption das
Gleichnis vom Senfkorn. „Alles muss klein beginnen“ – darum traut dem
Kleinen, traut der Sprengkraft des Lebens aus dem Glauben, das alle
Widerstände überwinden wird. Es braucht dazu viel, viel Geduld, viel,
viel Kraft und Beharrlichkeit – vor allem aber viel, viel, viel, viel
Vertrauen in den Gärtner dieses Gartens Gemeinde, in dem soviel
Senfkörner aufgehen könnten …
Es ist nämlich der Gärtner, der sich um alles kümmern wird, was zum
Wachsen nötig ist. Gemeindeleitung heißt, nicht alles selbst machen
wollen, sondern in erster Linie diesem Gärtner nicht im Weg zu stehen.
Nicht wir müssen alles machen, wir können geduldig darauf vertrauen,
dass dieser Gärtner alles schon auf den Weg gebracht hat. Aus diesem
Vertrauen wächst große Kraft. Gerade in den Verzagten, in den Kleinen,
die sich schnell überfordert fühlen oder übersehen. Die sich oft zu
sehr an den vermeintlich Starken und Selbstsicheren orientieren
anstand einfach zu sich zu stehen und auch zu den eigenen Zweifeln.
Auch der Zweifler Thomas hatte seine Berechtigung im Kreis der Jünger,
Jesus hat den Zweifel zugelassen und darauf geantwortet.
Gemeindeleitung, ja alle Gemeindeglieder und alle Gäste können viel
dazu beitragen, dass das Gemeindleben lebendig und spannend ist. Aber
eines können sie nicht: Das Wachsen der Gemeinde im Glauben zu
organisieren und zu garantieren. Dazu bedarf es eines anderen. Jesus
erscheint in einer Auferstehungsgeschichte als ein Gärtner. Ein
schönes Bild – gerade für eine Prebyteriumseinführung. Gott sei dank
liegt eben nicht alles bei uns Menschen, sondern alles bei Jesus, der
die Auferstehung und das Leben ist. Das gibt uns den langen Atem und
die Gewissheit, den kleinen, schwachen Anfängen zu trauen, den Mut zu
haben, auch in Zeiten des Absterbens, der Zweifel, der Kraftlosigkeit
und Resignation ganz geduldig mit offen Augen zu schauen: Ach, da ist
ja wieder ein sichtbares Zeichen, dass Gottes Reich mitten unter uns
wächst. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 30.03.08