
Das schaffen wir nicht? - Aber Gott kann es!
Predigt zum Sonntag Reminiszere - 17. Februar 2008
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
VI. Reihe: Hebräer 11, 8-10
Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist. Durch den Glauben empfing auch Sara, die unfruchtbar war, Kraft, Nachkommen hervorzubringen trotz ihres Alters; denn sie hielt den für treu, der es verheißen hatte.
Abraham und Sara, ein Mann und eine Frau auf dem Weg des Glaubens!
Die Erinnerung an Abraham und Sara, liebe Gemeinde, ist bei uns sicher
eine andere als die Erinnerung derer, an die diese Worte einmal direkt
gerichtet waren.
Zum Glaubensleben, zum Selbstverständnis der hebräischen Gemeinde
gehörten Abraham und Sara ganz selbstverständlich dazu. Als Söhne und
Töchter Abrahams und Saras haben sie sich empfunden, viel mehr als wir
heute. Wir müssen erst suchen, müssen genauer schauen auf das, was uns
mit Abraham und Sara verbinden könnte, an was wir uns erinnern könnten
und berufen, als Menschen auf dem Weg des Glaubens. So, dass am Ende
stehen könnte ein vertrautes Gefühl, als wenn wir ein Foto betrachten,
von unseren Urgroßeltern vielleicht, die wir nie kannten, und die uns
doch ein Gefühl von Bestand, eine Erinnerung im Herzen geben, an nie
Erlebtes, aber doch Erfahrenes.
Ganz unvertraut an Abraham, für uns Menschen heute, fremd und uncool:
Gehorsam. "Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam".
Wir denken an Enge, an Zwang, an Beklemmung. Jemand bestimmt über uns.
Aber: Das Wort kommt von "hören", von "horchen" sogar.
Und das ist eben überhaupt kein gezwungenes Entgegennehmen, kein
Folgen über unsern Kopf und Sinn hinaus. Horchen ist ein äußerst
aktives Geschehen. Horchen bemüht sich um genaues Wahrnehmen.
Viele Stimmen erreichen uns jeden Tag, äußere Stimmen, und auch
innere, die Stimme der Vorsicht, der Vernunft, der Gewohnheit, die
Stimme der Angst und das laute Rufen des Alltags. Gott gehorchen heißt
dann: die Stimme Gottes heraushören und ihr folgen.
Ich stelle mir Abraham vor, wie er vor seinem Zelt sitzt, zu den
Sternen schaut, und versucht, auf die Stimme Gottes zu horchen,
zusammen mit Sara. Und ich sehe mich, oder Sie, oder Sie, und ich
weiß, dass wir oft genau das selbe versuchen: Gottes Stimme zu hören,
ihr zu ge-horchen. Und dass wir dazu immer wieder Ermutigung brauchen
im Lärm der Zeit. Vielleicht mag es helfen, uns dabei an Abraham zu
erinnern, der wie wir zum Himmel schaute, horchte, und dann aufbrach-
voll Vertrauen!
Ob er wusste, liebe Gemeinde, dass er selbst im verheißenen Land in
Zelten wohnen bleiben sollte? Ein Zelt, liebe Gemeinde- ein kleiner
Besitz nur, für Wanderer, Zeltbewohner, Fremdlinge! Alles nur auf Zeit
genutzt, gewohnt, geliebt!
Wir heute suchen- ganz menschlich- feste Orte, Heimat, vertraute
Menschen, wir besitzen Dinge, suchen dort und in ihnen
Verlässlichkeit. Vertrauen aber, eine innere Haltung, die mehr für
möglich hält, als was mein Leben bisher ausmachte- die finden wir
leichter in Abrahams und Saras Zelt. Aber vielleicht, wenn wir
überlegen, wo unsere Zelte standen, unsere Häuser, unsere Heimat, dann
entdecken wir mit Gottes Hilfe auch, was in unserem Leben Bestand
hatte: Menschen mehr als Orte, Herzblut mehr als Dinge, Gottes Nähe
mehr als alles andere. Die feste Stadt, das weiß Abraham, die baut
Gott, nicht er selbst. Sich darauf verlassen zu können, ist immer
wieder ein großer Schritt auf dem Weg des Glaubens, für Abraham, Sara,
und für uns. Vielleicht denken wir manchmal an die beiden und ihr
Vertrauen auf Gott in leichtgebauten Zelten!!
Und Sara? Als Kind hat mich immer wieder die Frage beschäftigt, wie
denn eine so alte Frau noch ein Kind bekommen könnte. Ging es Ihnen
auch so? Heute denke ich: Sara bringt Neues hervor. Das ist das
wichtigste. Und das ist unabhängig vom Alter. Sara vertraut Gott mehr
als ihrem Körper und menschlichen Erfahrungen. Denn "sie hielt den für
treu, der es verheißen hatte." Das schafft Leben, im Alter, in
wiederkehrender Gesundheit und auch in Krankheit die bleibt. Gott hält
Leben für uns bereit.
Und einen zweiten Gedanken fand ich besonders schön: Wenn wir als
Kirche und Gemeinde Sara wären: hochbetagt, aber noch lebendig, und im
Vertrauen auf Gott immer noch bereit, Gott an seine Versprechen zu
erinnern und auf Nachkommen zu vertrauen. Das wäre doch eine
Erinnerung an Sara, die uns auf gutem Wege hält.
Es ist der Sonntag Reminiscere. Erinnere dich.
Und so schließe ich heute mit den Worten eines Kollegen, Stefan Claaß,
aus Mainz. Er schreibt uns:
Du bist Abraham. Du bist Sara. So sagt unser Glaube. Wirklich?, fragt
unsere Skepsis.
Wir werden ja sehen, sagt unser Glaube.
Wir wollen nicht darauf hoffen, dass in unserer Gemeinde, unserer
Kirche alles bleibt, wie es ist. Sondern wir wollen hoffen, dass wir
uns weiterentwickeln. Wir wollen nicht fürchten, dass alles kleiner,
schwieriger, schlechter wird. Sondern wir erwarten, dass Gott
weiterhin mit uns unterwegs ist und uns, diese Gemeinde und die ganze
Kirche verändert.
Wenn unsere Skepsis, unsere Zweifel, dann den Kopf wiegen und sagen:
Das schaffen wir nicht! Dann antwortet der Glaube: Das stimmt. Aber
Gott kann es. Mit Euch. Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 17.03.08