
Ist Gott ungerecht?
Predigt zum Sonntag Septuagesimä - 20. Januar 2008
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
VI. Reihe: Römer 9,14-24
Was sollen wir nun hierzu sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne! Denn er spricht zu Mose (2.Mose 33,19): »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.« So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. Denn die Schrift sagt zum Pharao (2.Mose 9,16): »Eben dazu habe ich dich erweckt, damit ich an dir meine Macht erweise und damit mein Name auf der ganzen Erde verkündigt werde.« So erbarmt er sich nun, wessen er will, und verstockt, wen er will. Nun sagst du zu mir: Warum beschuldigt er uns dann noch? Wer kann seinem Willen widerstehen? Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich so? Hat nicht ein Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäß zu ehrenvollem und ein anderes zu nicht ehrenvollem Gebrauch zu machen? Da Gott seinen Zorn erzeigen und seine Macht kundtun wollte, hat er mit großer Geduld ertragen die Gefäße des Zorns, die zum Verderben bestimmt waren, damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtue an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er zuvor bereitet hatte zur Herrlichkeit. Dazu hat er uns berufen, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden.
Ist Gott etwa ungerecht, liebe Gemeinde?
Dies ist die zentrale Frage, die Menschen umtreibt. Menschen vor fast
2000 Jahren, die ersten christlichen Gemeinden, denen Paulus schreibt.
Und Menschen heute, Sie und Euch und mich.
Ist Gott etwa ungerecht? Manchmal kann es uns so vorkommen. Wenn wir
uns in der Welt umschauen, dann könnten wir schon zu dem Schluss
kommen.
Ich muss, so denke ich, nicht viele Beispiele anführen, Sie alle haben
sicherlich Beobachtungen vor Augen. Menschen, die vor der Zeit
sterben, von der wir sagen würden, sie ist die richtige.
Menschen, die unter furchtbaren Schicksalsschlägen leiden müssen und
man fragt sich: warum, und warum gerade sie?
Ist Gott etwa ungerecht?
An dieser Stelle hier geht es Paulus ganz konkret um die Frage des
Verhältnisses von entstehenden christlichen Gemeinden und jüdischem
Volk.
Bleibt die Erwählung Gottes gültig oder treten die christlichen
Gemeinden jetzt an Stelle Israels in den Bund mit Gott ein.
Und wie kann es denn sein, dass das Volk des Mose-Bundes nicht
geschlossen zum neuen Christus-Bund übergeht. Ist diese Verweigerung
Israels im Sinne einer Schuld zurechenbar? Und wenn das so wäre,
müsste dies nicht notwendig die Verwerfung des einstmals erwählten
Volkes durch Gott nach sich ziehen?
Was sich für uns zunächst anhört, wie einige einigermaßen abstrakte
theologisch-spitzfindige Diskussion, ist für Paulus und die Menschen
seiner Zeit eine existenzielle Frage, im wahrsten Sinne des Wortes,
sie berührt die Existenz, das Leben. Paulus war gläubiger Jude, Sohn
des ersten Bundes, einer, der die ersten Anhänger der messianischen
Sekte, diese „Christen“ sogar verfolgt hat um seinen Glauben zu
schützen. Und nun reist er durch die Städte des römischen Reiches und
verkündet den Neuen Bund in Christus.
Ist Gott etwa ungerecht? Paulus verwirft diese Frage mit Vehemenz!
Gott ist frei, und er bleibt frei, anders wäre er nicht Gott. Wenn
Gott sich erbarmen will, dann liegt das ganz in seiner Macht. Und wenn
Gott nicht will, wird keine Macht der Welt ihn davon abbringen. So
liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Bemühen, sondern an Gottes
Erbarmen. So war es immer schon. Schon Mose hat Gott so erfahren.
Das zweite biblische Beispiel verschärft noch die Argumentation: Gott
hat den ägyptischen Pharao in Erscheinung treten lassen, um seine
Macht zu erweisen. So erfahren die einen Barmherzigkeit, die andern
werden verhärtet, ganz wie Gott es will.
Spielt Gott denn mit Menschen, wie mit Marionetten? Wer ist dann noch
für verantwortlich für die Rolle, die er darstellt?
Sind nicht heute auch die Begründungen vielfach, mit denen wir
Menschen uns der Verantwortung entziehen und entschuldigen wollen?
Da sind es glückliche oder unglückliche Zeitumstände, da hat einer
„eben Glück" oder „Pech", da entscheiden Veranlagung und Vererbung, da
bestimmt die genetische Disposition alles...
Damit sind wir ja aller Verantwortung enthoben. Wie kann Gott uns dann
noch zur Rechenschaft ziehen? So bedrängen die Gegner ihn weiter.
Warum beschuldigt er uns dann noch? Wenn keiner seinem Willen
widerstehen kann? Hier wird es für Paulus kleinkariert, und man spürt
seinen Ärger: Oh Mensch, wer bist du, dass du mit Gott rechten willst?
Welches Kunstwerk könnte mit seinem Künstler über das wie und warum
des Geschaffen-Seins diskutieren?
Und ein Töpfer hat die Macht, aus einem Klumpen Ton dies oder jenes zu
schaffen, Teller oder Vase, Gebrauchsgegenstand oder Skulptur.
Wir können Gott nicht mit unseren menschlichen Maßstäben messen. Das
Meer passt eben nicht in den Eimer, wie es eine Volksweisheit sagt.
Aber sollte Gott seine Erwählung wirklich von Israel abgezogen haben?
Um dieser neuen Gruppierung willen, die Jesus zu ihrem Messias gemacht
hat? Sollte Gottes Geschichte mit Israel mit einigen abtrünnigen Juden
und ungläubigen Heiden ihre Fortsetzung finden?
Die verschiedenen Antwortmöglichkeiten auf diese Frage hat in den
letzten 1800 Jahren viel Leid, Gewalt und Ungerechtigkeit
hervorgebracht. Paulus in seiner geschichtlichen Situation sichert die
gefährdete Minderheit der entstehenden christlichen Gemeinden ab, die
Erkenntnis Gottes in Jesus Christus macht aus ehemals Ungläubigen
Angehörige des Gottesvolks. Wir sind in Christus zum Heil bestimmt
durch die große Gnade Gottes. Darauf können wir uns verlassen.
Die gesellschaftliche und politische Situation der Christen änderte
sich im Lauf der Geschichte, aus der bedrohten Minderheit wurde eine
machtvolle Mehrheit, aus dem seelsorgerlichen: auch wir sind Gottes
Kinder wurde ein wir sind Gottes Kinder, und schließlich das „Wir
allein sind Erben Gottes.“
Wir denken dabei immer mit, wie aus heilsgeschichtlichen Spekulationen
über den vermeintlich alten und neuen Bund erst ein theoretischer und
dann ein praktischer Antijudaismus wurde, der Blüten wie die Rede vom
Volk der Gottesmörder trieb, um schließlich selbst in einen
mörderischen Antisemitismus zu münden.
Paulus scheint immerhin zu ahnen, welche Dimensionen seine Erwägungen
haben können. Nicht weniger als drei Kapitel verwendet er darauf,
festzuhalten, dass Israels Erwählung bleibt und welch wichtige
Funktion sie für den neuen Christus-Bund hat.
Und wir, heute, nach fast 2000 Jahren? Sind diese Fragen nicht schon
längst geklärt, für uns nicht mehr existentiell?
Ich fürchte, auch wir neigen immer noch dazu, das Spiel aller Kinder
zu treiben: Gott, du hast uns doch mehr lieb als die da?! Mögen die da
dann die anderen Religionen, Konfessionen oder einfach die Menschen
sein, deren Glaubenspraxis eine andere ist.
Und ich fürchte, auch uns fällt es schwer zu akzeptieren, das es eben
nicht darauf ankommt, wonach wir streben, was wir wollen, sondern auf
Gottes Barmherzigkeit.
Ist Gott etwa ungerecht? Sicher nicht, aber Gott lässt sich nicht mit
menschlichen Maßstäben messen. Ist Gott ungerecht? Sicher nicht, Gott
ist der Gott, der sich in Unrecht und Leid seinen Menschen zuwendet.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 09.02.08