
Wir sind Geschwister
Predigt am Christfest, 25.Dezember 2007
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
VI.Reihe: Galater 4,4-7
„Als die Zeit erfüllt war,
sandte Gott seinen Sohn,
geboren von einer Frau
und unter das Gesetz getan,
damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste,
damit wir die Kindschaft empfingen.
Weil ihr nun Kinder seid,
hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen,
der da ruft: Abba, lieber Vater!
So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind;
wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.“
Wie sind Sie, liebe Schwestern und Brüder, durch den Heiligen Abend
gekommen? War es schön oder war es wie immer, sind Sie noch ein
bisschen müde, aber es geht Ihnen gut, sind Sie richtig gut gelaunt
oder abgekämpft - oder sind Sie resigniert, traurig, enttäuscht und
fühlen sich so entsetzlich allein? Haben Sie den Heiligen Abend als
etwas Besonderes erfahren, hat sich da etwas getan in ihrem Herzen?
Sind Sie heute versöhnlicher, friedlicher - oder genau das Gegenteil,
noch ungeduldiger, innerlich aufgewühlt, mit sich und anderen nicht im
Reinen? Wie dem auch immer sei - heute ist der 1.Tag des Christfestes
und Sie sind alle gemeint mit dem Predigttext, den ich eben vorgelesen
habe.
Er nennt die Geburtsstunde Jesu als die "Mitte der Zeit". Nun ja, wir
zählen ja auch seit dem Papst Gregor dem Großen die Jahre "vor und
nach Christi Geburt". Auch, wenn wir heute wissen, dass die
Zeitrechnung um mindestens einige Jahre nicht stimmt, ist es doch ein
eindrückliches Bild dafür, dass Jesus tatsächlich eine Zeitenwende
gebracht hat. Mit ihm ist etwa komplett Neues passiert: Gottes Sohn
kommt in die Welt, um die Menschen zu retten, zu erlösen, um Frieden
zu bringen; ja, um uns zu erreichen, jede und jeden von uns. Ein
fernen, im Himmel thronender Gott, kann uns niemals so nahe kommen wie
es der Mensch Jesus tut.
Deshalb musste er geboren werden von einer Frau wie wir alle. Hier
beim Apostel Paulus, ist gar nicht an eine Jungfrau gedacht, wenn es
heißt: geboren von einer Frau. Der Apostel Paulus braucht nicht das
Bild der Jungfrauengeburt, um die göttliche Abstammung Jesu zu
begründen. Er will sagen: Jesus war ein Mensch wie wir - und er ist in
die Welt gekommen, damit wir die Kindschaft empfangen.
Ja, das muss dann doch erklärt werden. Sonst versteht man es falsch!
Bei Kindschaft denkt man gleich an süße, kleine Babys, an die Knaben
oder auch Mädels im lockigen Haar, diejenigen, die uns anrühren und
dahinschmelzen lassen. Gerade in der Weihnachtszeit haben ja diese
Kinder besonders Konjunktur. Bei Paulus aber meint der Begriff
"Kindschaft" etwas völlig anderes. Er ist hier als Gegenbegriff zur
"Sklavenschaft" gemeint. Ein Sklave war ein Leibeigener, der durchaus
auch anerkannt sein konnte, wenn er seine Sache gut machte, er konnte
es zu einem gewissen Wohnstand und einiger Anerkennung bringen. Aber
eines konnte er niemals: Irgendwie selbst etwas vom Besitz, vom Titel,
vom Reichtum seines Sklavenherrn erben. Das war allein den
rechtmäßigen Kindern vorbehalten. Gott wird Mensch, damit die Menschen
zu seinen Kindern werden, heißt also: Wir Menschen sollen die
rechtmäßigen Erben Gottes werden. Unglaublich, diese Vorstellung.
Nicht nur, dass Gott uns so nahe kommt, dass er einer von uns wird,
nein, wir sollen sogar wie er werden. Wir sind Erben Gottes!
Irgendwann sollen wir Teil haben an seiner Unsterblichkeit, seiner
Allmacht, seiner ganzen Göttlichkeit! Unvorstellbar! Warum will das
Gott?
Die Antwort haben wir schon oft gehört, aber es gibt nur die eine:
Allein aus Liebe. Gott liebt uns Menschen so, dass er wirklich alles
tut, uns an sich zu binden, uns zu den Menschen zu machen, die wir
sein könnten. Er hätte allen Grund, von uns enttäuscht zu sein, ja,
uns zu verurteilen. Aber seine Liebe ist so überwältigend groß, dass
er uns sogar zu seinen Kindern und rechtmäßigen Erben macht.
Gott schafft ganz große Nähe zu uns. Er will so ein wenig Angst
machender Gott im fernen Himmel sein, dass er sich wünscht, von den
Menschen mit einer neuen Anrede angesprochen zu werden: "ABBA". Paulus
übersetzt diese Anrede gar nicht, daraus können wir schließen, dass
überall in der christilchen Welt dieses hebräische Wort verstanden
wurde. So wie heute die Menschen bei ABBA an eine schwedische
Popgruppe denken, so dachten die Christen damals an Gott, zu dem man
reden kann, wie es Kinder liebevoll zu ihrem Vater tun. Denn ABBA kann
man am besten übersetzen mit dem Wort: "Papa". Es klingt ja schon so
ähnlich. Was gäb es Näheres als dieses Verhältnis! Papa sagen heute
nicht nur kleine Kinder, das können auch erwachsene Menschen sagen.
Wenn das Verhältnis zum eigenen Vater gut ist, dann kann man auch noch
zu den alten Eltern "Papa" sagen - und es ist gar nicht kindisch.
Warum nur die männliche Form "Papa" und nicht "Mama", das könnte man
den Paulus als typischen Vertreter eines patriarchalischen
Gesellschaftsystems fragen. Tatsache ist jedoch, dass sich der Vater
Jesu Christi öfter wie eine sorgende und aufopferungsvoll liebende
Mutter verhält als ein strenger Patriarch. Aber das nur am Rande.
Kinder Gottes dürfen wir sein - und müssen nicht Sklaven sein. Das ist
die Botschaft dieses Textes, den wir nicht zufällig an Weihnachten
predigen sollen. Denn dies ist auch die Botschaft von Weihnachten:
Gott kommt zu uns, wird Mensch - und macht uns zu seinen Erben, wir
sind Teil seiner Familie. Kinder eben - aber nicht kindisch. Und
Kinder erben eben - und damit gehören wir zu derselben Familie.
Nicht den fernen Gott gilt es zu verkündigen, sondern den nahen Gott,
den, den man ganz einfach: Papa nennen darf.
Paulus betont dieses Geschenk Gottes an uns immer wieder: Lebt nun
auch als Kinder und Erben und benehmt euch nicht, als wärt ihr
Sklaven!" Denn genau das tun wir immer wieder, liebe Schwestern und
Brüder. Wir nehmen die Verhältnisse so hin, als wären wir ihnen
hilflos ausgeliefert, als wären wir Leibeigene des Schicksals. 2/3 der
Menschheit hungert - da kann man nichts machen. Die Armut in unserem
Land, die damit verbundenen fehlenden Bildungschancen nehmen zu - man
kann sich nur fügen. Unfriede, Ungerechtigkeit, Hass und Streit in den
Familien - und es fällt uns nur Demut, Mundhalten und Ducken ein? So
denken und reden Sklaven. Freie Menschen, Erben des Himmelreichs,
solche, die zu Gott Papa sagen dürfen - denen müsste eigentlich etwas
ganz anderes einfallen! Nämlich erst einmal sich mit dem nahen und
liebenden Gott mit dem offenen Ohr in Verbindung zu setzen und auf
seine Stimme zu hören. Und dann aber engagiert und mutig sich an die
Arbeit zu machen, den Willen Gottes in der Welt auch umzusetzen. Sich
eben nicht mit Unfrieden und Ungerechtigkeit, Gleichgültigkeit und
Wegschauen abzufinden, sondern als mutige Söhne und Töchter der
einflussreichsten Eltern der Welt zu handeln. Wir können etwas gegen
Hunger und Armut tun, hier und in der ganzen Welt. Jesus hat es
vorgemacht. Und Jesus wird uns nicht allein lassen in unserem Tun. Wir
sind niemals allein.
Ein letztes: Wir sind Kinder Gottes - so erklärt Paulus das
Weihnachtswunder . Wenn Kinder nicht kindisch sein meint, dann heißt
das aber auch, wir sind alle miteinander verwandt, wir sind
Geschwister. Mitten unter uns hat Gott eine Gemeinschaft gestiftet, wo
man wohl mal streiten darf und unterschiedlicher Meinung sein, aber
eines kann man gar nicht: das gemeinsame verwandtschaftliche Band
aufgeben. Wir sind Geschwister, ob wir wollen oder nicht. Ist das
nicht schön, durch Weihnachten eine so große tragfähige Verwandtschaft
zu bekommen? Nutzen wir sie auch - und der, den wir ABBA - Papa nennen
dürfen, hat seine helle Freude!
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 27.12.07