
Ein Blick in den Himmel
Predigt zur Christvesper - 24. Dezember 2007
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
VI.Reihe: 1.Timotheus 3,16
Groß ist, wie jedermann bekennt muss,
das Geheimnis der Glauben:
Er ist offenbart im Fleisch,
gerechtfertigt im Geist,
erschienen den Engeln,
gepredigt den Heiden,
geglaubt in der Welt,
aufgenommen in die Herrlichkeit.
Liebe Schwestern und Brüder,
Groß ist das Geheimnis des Glaubens, von dem man sich gern verzaubern
lässt: Gott wird Mensch in einem kleinen Kind, der Himmel und die Erde
berühren sich in der Heiligen Nacht.
Groß ist aber auch das Unbehagen an Weihnachten. Zuviel falsche heile
Welt, zuviel Geschäftemacherein, zuviel Hektik und Tanz um das Goldene
Kalb. Und dann mitten hinein die alte Geschichte von Maria und Josef,
den Hirten und dem Engel, dem Kind in der Krippe.
Das Unbehagen an Weihnachten lässt nicht nach. Der Einzelhandel
jubelt: Das letzte Adventswochenende hat es dann doch noch gebracht:
gigantische Umsätze, die Menschenmassen in den Geschäften haben
Unsummen von Geld für Geschenke ausgegeben.
Daneben die immer größer werdende Armut. Sie lässt sich nicht mehr
übersehen. In so manchen Familien gibt es keinen Weihnachtsbaum mehr.
Und Geschenke sind gestrichen. Kein Geld dafür da. Armenspeisungen
sind etwas ganz Selbstverständliches geworden in unserem eigentlich
noch immer reichen Land. Seit 1992 haben die unteren Schichten
inflationsbedingt 13% an Einkommen weniger, aber das der oberen
Schichten ist in demselben Zeitraum um 31 Prozent gestiegen. Ein
Beispiel, was mich sehr beeindruckt hat. Ich möchte es überschreiben:
"Tante, wann pflücken wir wieder Sterne vom Baum?" Der Hintergrund:
Kurz vor Weihnachten gelang es der Tafel e.V., hier in Bad Lippspringe
aufgrund unerwarteter großzügiger Spenden ca 80 Kindern eine
Weihnachtsfreude zu machen. Jedes Kind, Voraussetzung war, die Eltern
waren Hartz-IV-Empfänger, durfte sich etwas im Wert von 40 Euro
wünschen. Die Geschenke waren im großen Raum im Haus der Offenen Tür
liebevoll verpackt. In der Mitte des Raumes stand ein großer Baum mit
Sternen, auf denen auf der einen Seite der Name eines Kindes stand und
auf der anderen Seite die Nummer des Geschenkpäckchen. So wurden
"Sterne gepflückt." Zwei Tage später ging die Leiterin der Tafel durch
Bad Lippspringe und spürte, wie da jemand an ihrem Ärmel zog. Sie sah
herunter und da stand ein kleiner Junge, der sie mit großen bittenden
Augen anschaute: "Tante, wann pflücken wir wieder Sterne vom Baum?" Es
stellte sich heraus, dass der Junge, für den es eine große Leistung
war, eine Fremde anzusprechen, es bisher gar nicht kennengelernt
hatte, beschenkt zu werden. Und es stellte sich heraus, dass dieses
Geschenk das einzige sein würde, das er an Weihnachten erhielt - wie
übrigens die meisten anderen der 80 Kinder.
Nein, liebe Schwestern und Brüder, Weihnachten, dass muss mehr sein
als Erfolgserlebnisse im EInzelhandel, mehr als offene Portemonnaies
und hohe Spendenzahlen. Das Eigentliche von Weihnachten sind auch
nicht Bekenntnisses für den Weltfrieden, und ein freundliches: "Seid
nett zueinander." Weihnachten muss wirklich die Welt verändern wollen
- und zwar so, dass die Weihnachtsbotschaft wirklich allen Menschen
zugute kommt!
Weihnachten ist mehr als das Sich-Auf-Die-Schulter-Klopfen: "Was
können wir auch nett sein!" Das wirklich Wichtige an Weihnachten ist
die Weihnachtsbotschaft: "Euch ist heute der Heiland geboren - es ist
Jesus Christus, das Kind der Krippe."
Es geht aber an Weihnachten um nicht weniger als einen Blick in den
Himmel. Himmel - das ist der Bereich Gottes, der Bereich, der alle
menschliche Erkenntnis übersteigt. Sie, liebe Schwestern und Brüder,
sind heute gekommen, um diesen Blick in den Himmel zu werfen. Sie
haben sich die Zeit für den Gottesdienst genommen - und da ist gut so.
Weihnachten ohne Gottesdienst - wie soll das gehen? Warum, ehrlich
gesagt, auch auf diesen Blick in den Himmel verzichten, wo doch unser
Alltag oftmals wenig himmlisch aussieht?!
Es wird uns durch die Weihnachtsbotschaft - wie übrigens durch jede
Botschaft Gottes - ein neuer Horizont eröffnet. Wir können endlich
einmal weiter schauen als nur auf das, was uns tagtäglich klein macht
und abhängig. Es geht nicht um Menschlich-Allzumenschliches, es geht
um einen viel weiteren Raum: Es geht um neue Lebensmöglichkeiten, um
Trost, wenn vielleicht ein lieber und wichtiger Mensch in unserer Nähe
gestorben ist und wir vor Traurigkeit nicht mehr weiter wissen. Es
geht immer auch um neue Hoffnung - und eben nicht nur für uns
egoistisch ganz privat, sondern um Hoffnung für die ganze Welt, auch
für die Armen, auch für die Menschen in Afrika und Asien, die dort die
Zeche des Klimawandelns bezahlen müssen, die nicht sie, sondern die
Reichen so wie wir verschuldet haben.
Wie kann Gott das zulassen? Das fragen wir so oft. Und jetzt kommt der
Blick in den Himmel: Gott hat das nicht einfach so zugelassen! Er hat
etwas unsagbar Sensationelles gemacht: Er ist vom Himmel auf die Erde
gekommen. Nicht wie ein Außerirdischer oder strahlender Kriegsheld.
Sondern ganz normal, so wie wir: Geboren von einer Frau.
„Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte
ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der
Herberge.“ Gott kommt in einem kleinen Säugling. In aller Schlichtheit
und Armut, im schummrigen Licht eines schmutzigen Stalls kommt Gott
zur Welt: So wie jedes Kind zur Welt kommt: beschmiert, blutig, faltig
und schreiend.
Geheimnis des Glaubens: Warum gibt Gott seine Allmächtigkeit auf?
Warum verlässt er seinen sicheren Thron im Himmel und kommt auf unsere
zwielichtige Erde?
Gott gibt seine unangreifbare Herrlichkeit auf, um uns Menschen nahe
zu sein. Sein Kommen ist ein Kommen aus Liebe. Als kleiner Mensch
Jesus von Nazareth schreit er wie jeder Säugling, braucht Windeln und
den Schutz der Eltern. Ein Gott zum Anfassen mit Händen und Füßen, er
hat Hunger und Durst, spürt Müdigkeit und kennt Zittern und Zagen.
Gott ist Mensch geworden, das feiern wir an Weihnachten. Und er kleine
Mann hat sicher bei allen, die ihm begegnet sind, dasselbe
hervorgerufen was heute ein Kind hervorruft: Staunen, Freude und das
Gefühl: Hier ist ein Wunder geschehen, ein neues Leben hat begonnen.
Und Gott kommt deshalb als Kind im Stall von Bethlehem zur Welt, weil
der damit in uns die guten Kräfte wecken kann, in in uns angelegt
sind, die wir spüren, wenn wir das Bild von einem kleinen, schlafenden
Kind sehen: die Kraft zur Liebe, die Fürsorge für die Schwachen, die
auf uns angewiesen sind, die Freude am Leben und das Staunen, wie
wunderbar doch ein Leben ist: wirklich ein Wunder, jedes neue Leben:
ein Wunder, das uns zur Aufgabe gemacht ist, das uns anvertraut ist.
Dieser Gott kennt unsere menschliche Not am eigenen Leib. So ist er
ganz natürlich bei den Sorgenvollen, den Leidenden, den Frierenden,
den Einsamen. Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist,
erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden - ja, es bedurfte schon
der Engel, den Menschen, übrigens gerade den Nicht-Frommen, denen
draußen vor der Tür, die frohe Botschaft zu verkünden.
Die Engel rufen es hinaus: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf
Erden!“ Gott wird nicht Mensch, dass die Welt so bleibt wie sie ist.
Gott mischt sich ein in die Tagesordnung unserer Welt. Er bezieht
Stellung für die Armen, Unterdrückten, Vergessene. Er ist auf der
Seite derer, die solchen Säuglingen eine lebbare Welt hinterlassen
wollen.
Keine schöne Bescherung für die Egoisten und Machtgierigen dieser
Welt. Für die, die wegen ihren eigenes Vorteils über Leichen gehen.
Für die, denen ein Menschenleben nicht bedeuten. Für die, die keine
Gefühle mehr spüren, wenn sie ein solches schwaches und liebes Leben
sehen.
Denn das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln
gewickelt und in einer Krippe liegen. In der Schwachheit und
Verletzlichkeit eines in Armut geborenen Kindes kommt Gott zur Welt.
Und täuscht euch nicht, ihr Mächtigen: diesem Kind gehören Macht und
Herrlichkeit. Dieser süße Jesus ist eben dann doch nicht ein Kind wie
jedes andere Kind, sondern es ist Gott selbst. Mächtig und stark. Er
macht das Kleine groß und das Große klein.
Geheimnisvoll bleibt das Wunder der Weihnacht. Meint nicht vorlaut,
von einem Heiligenschein, den andere gern um den Kopf des Jesus-Kindes
zeichnen, ist ja gar nichts zu sehen. Auch einem elektrischen Kabel
sieht man nicht an, ob es Spannung führt. Aber wenn, dann spürt man es
durchaus und die Wirkung macht lebendig.
Mein Wunsch: dass auch Sie, liebe Schwestern und Brüder sich anrühren
lassen mögen vom Geheimnis des schwachen und doch so starken Lebens
dieses kleinen Kindes. Dass Sie den Glauben nicht verlieren, denn in
dieser Nacht haben Himmel und Erde zueinander gefunden. Dass Sie die
Hoffnung behalten, es wird doch Friede werden, weil der
menschgewordene liebende Gott als der Garant des Frieden eingegriffen
hat. Ein für allemal und entscheidend.
Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 27.12.07