
Zum Aufbau bereit
Predigt zum Diakonie-Sonntag - 7. September 2008
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Apostelgeschichte 6,1-7
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
darf es Streit in der Kirche geben? Wo doch einer den anderen lieben
soll, und Konflikte doch lieber vermieden werden sollen. Nun ja,
Streit soll es eigentlich nicht geben, aber es gibt ihn.
Unterschiedliche Ansichten und Absichten gerade wenn es um den
Glauben geht, sind etwas ganz Normales.
Glaube und Handeln gehören zusammen – Verkündigung und Diakonie. Das
soll nicht nur heute am Diakonie-Sonntag so sein, sondern immer und
überall in der Kirche. Denn bloßes Reden von Gott und seiner Liebe
ist unglaubwürdig und heuchlerisch, entspricht dem nicht auch ein
helfendes und liebevolles Tun – im Kleinen wie im Großen.
In unserem Predigttext geht es auch um das Austragen und am Ende das
Lösen eines Konflikts – ganz am Anfang der Christenheit. Das ist
zumindest tröstlich, dass schon damals Auseinandersetzungen
notwendig waren, dass die Harmonie miteinander nicht
selbstverständlich ist, sondern hart errungen werden muss.
Der Predigttext steht in der Apostelgeschichte, Kapitel 6:
Damals wuchs die Zahl der Jünger stark an. Doch bald fühlten sich die griechisch sprechenden Judenchristen, die so genannten Hellenisten, gegenüber den aramäisch sprechenden, den so genannten Hebräern, zurückgesetzt. Sie beklagten sich, die Witwen aus ihrer Gemeinschaft würden bei der täglichen Versorgung übersehen. Da riefen die zwölf Apostel alle Jünger zusammen und erklärten: „Wir können es nicht verantworten, die Predigt zu vernachlässigen, weil wir durch die Versorgung Bedürftiger mit Mahlzeiten zu stark in Anspruch genommen werden. Sucht aus euerer Mitte sieben Männer aus, die anerkanntermaßen reich an Heiligem Geist und an Weisheit sind. Diese sollen für die Versorgung zuständig sein. Wir selbst wollen uns intensiver dem Gebet und der Verkündigung widmen.“ Alle stimmten diesem Vorschlag zu. Die Jünger bestimmten Stephanus, einen Mann voller Glauben und Heiligem Geist, ferner Philippus, Prochorus, Nikanor, Timon, Parmenas und den Proselyten Nikolaus aus Antiochien, und stellten sie vor den Aposteln auf, von denen sie dann durch Handauflegung und unter Gebeten eingesetzt wurden. Gottes Wort verbreitete sich, und die Zahl der Jünger in Jerusalem wuchs schnell.
[Übersetzung Klaus Berger / Christiane Nord]
Soweit unser Predigttext.
Was war das los, damals in Jerusalem? Zunächst gab es ideale
Verhältnisse: Alles wurde miteinander geteilt. Die Apostel erzählten
von Jesus und feierten seine Auferstehung. Gleichzeitig kümmerten
sie sich um die Armen und Bedürftigen, die Menschen, die Hilfe
brauchten, die Unversorgten und Arbeitslosen; die am Rande der
Gesellschaft. Und davon gab es nicht wenige bei den ersten Christen,
denn die frohe Botschaft von Jesu Liebe fiel gerade bei den armen
Menschen auf fruchtbaren Boden.
Ganz selbstverständlich war es, dass vor Gott alle Menschen gleich
sind. Dass zu einem lebendigen Glauben auch die Nächstenliebe
gehört. Ohne die Hilfe an anderen ist der Glaube tot. Das Beispiel
vom barmherzigen Samariter drückt dies ja unmissverständlich aus.
Das ist heute noch genauso: Ohne Diakonie ist der Glaube tot. Eine
Kirche, die nur predigt, schöne Gottesdienste feiert und feine
Lieder singt, ansonsten sich aber nur selbst genug ist, wird bald
erledigt sein. Kirche – das ist immer auch Altenhilfe und
Krankenhaus, ist Hilfe für Drogenabhängige, für Menschen, die in
Überschuldung geraten oder einfach arbeitslos sind, ist
Erziehungshilfe, Dienst an Kindern und auch Eltern, ist Eintreten
gegen ungerechte Strukturen, gegen den Hunger auf der Welt, für
gerechten Handel und Rechte der sonst Rechtlosen.
Damals in Jerusalem hat das noch funktioniert, als eine Gruppe
auftrat: „Hier gibt es eine Gruppe, die kommt bei uns zu kurz!“ Und
die Gemeinde hat gehandelt. Damals war es die Gruppe der Witwen, die
schlichtweg bei der täglichen Versorgung mit Lebensmitteln übersehen
wurde.
Wie ist das heute? Kirche beteiligt sich an Aktionen wie
Schulmaterialienkammer, versucht zu helfen, wo kein anderer mehr
hilft – und muss sich dafür kritisieren lassen! „Dafür sind doch
andere zuständig!“ „Wir können auch nicht allen helfen!“ „Die sind
ja selber schuld!“ „Die Kirchensteuern gehen zurück, da müssen wir
zunächst an uns selber denken!“
Ich bin sicher, liebe Schwestern und Brüder, auch damals gab es
solche Stimmen. Unser Predigttext deutet dies auch an. Und diese
Stimmen sind ja auch gar nicht so falsch. Es wäre naiv und
schlichtweg verkehrt, würde die Kirche alles was sie besitzt,
großzügig an andere verschenken. Den Reichtum bekämen nämlich
erfahrungsgemäß nicht die, die ihn wirklich brauchen, sondern die,
die das einnehmendste Wesen haben. Es wäre naiv und schlichtweg
verkehrt, wenn die Kirche meinte, sie könnte alle Probleme dieser
Welt lösen. Damit überschätzt sich die Kirche, denn es gibt für
viele Probleme einfach andere Stellen, die mehr Wissen und Erfahrung
besitzen.
Wie die Situation damals in Jerusalem gelöst wird, das ist geradezu
vorbildlich. Die Apostel gestehen sich ein, dass sie selbst
schlichtweg überfordert sind, alle Probleme in der Gemeinde zu
lösen. Gleichzeitig erkennen sie aber an, dass hier die
Glaubwürdigkeit des Glaubens auf dem Spiel steht: Den Armen, gerade
denen, die bisher übersehen wurden, muss sofort geholfen werden.
Verdrängen, Verantwortung auf andere schieben, geht nicht. Die
Apostel machen etwas, was ich mir heute auch wünschen würde: Sie
ändern die Strukturen. Sie gründen das Amt der Diakone. 7
hervorragende, intelligente Männer werden eingesetzt, ab sofort im
Auftrag der Gemeinde für Gerechtigkeit zu sorgen. Und das hat wohl
auch funktioniert.
Die Apostel ändern die Strukturen. Sie sagen eben nicht das, was wir
heute so oft hören: „Dafür sind wir nicht zuständig!“ „Da können wir
auch nichts machen!“ „Uns sind die Hände gebunden!“ „Das geht eben
nicht!“, sondern sie handeln. Sie sehen ein, hier muss geholfen
werden, wir können es selbst nicht leisten, da müssen wir eben etwas
Neues aufbauen.
Aufbauen, das ist das Stichwort. In unserer Kirche gibt es zur Zeit
viele Gedanken, die sich mit dem Abbau beschäftigen. Kirchen werden
geschlossen, Angebote zurückgefahren. Wer hier sich besonders
hervortut, bekommt dafür im Augenblick viel Lob.
Aber dies ist nicht im Sinne des Geistes Jesu Christi. Er braucht
eine Gemeinde, die zum Aufbau bereit ist. Die nichts aufgibt, was
ihren Kern ausmacht, die fest in der Verkündigung und in Gottes Wort
bleibt, die aber gleichzeitig immer neu nach Möglichkeiten sucht,
konkrete Not zu bekämpfen. Wo ein Wille ist, ist ein Weg. „Dafür
haben wir kein Geld oder keine Zeit.“ Das ist die Ausrede des
Priesters und Leviten gewesen in der Beispielerzählung vom
barmherzigen Samariter. Umgekehrt muss es sein: Wenn Geld und Zeit
fehlen, müssen wir eben neue Möglichkeiten schaffen. Wir sind
gefragt und niemand anders. Es geht um die Glaubwürdigkeit der
Kirche. Denn ein Glaube, der nicht anderen dienen und helfen will,
ist ein toter Glaube, der nicht bleiben wird.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 07.09.08