
Wir sind nicht allein
Predigt am Epiphaniastag - 6. 1. 2008
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
Text: Jahreslosung 2008 (Johannes 14,19)
Liebe Gemeinde,
„ich lebe und ihr sollt auch leben“, so lautet die Jahreslosung aus dem Johannesevangelium für das Jahr 2008. Jesus sagt diese Worte zu seinen Jüngerinnen und Jüngern, fast schon zum Abschied, in den langen Gesprächen, die er mit ihnen führt. Jesus Christus spricht: „Ich lebe und ihr sollt auch leben“
Mich hat dieser Satz an etwas erinnert, das vor einigen Jahren häufiger zu lesen war. „Heute schon gelebt?“- vielleicht kennen Sie diesen kurzen Satz. Man findet- oder fand ihn früher- auf Autoaufklebern, auf Postkarten als Graffiti auf Mauern. Woher und von wem er ursprünglich stammt, weiß ich so recht gar nicht. Was der Satz will, ist schon klarer: Er will eine Erinnerung sein für jeden und jede. Vergiss das Wichtigste nicht! Du bist am Leben. Mach die Augen auf dafür. Jeder Tag ist dafür da.
Diese Botschaft gefällt mir schon ganz gut. Wenn ich so im Alltragstrott im Auto sitze, und dann diese Worte lese, dann machen sie mich aufmerksam, empfänglich, für das, was um mich herum vorgeht, was in mir vorgeht.
Allerdings – das Wort Jesu gefällt mir noch besser. „Ich lebe und ihr sollt auch leben“. Vielleicht, weil nicht ein einzelner angesprochen ist, sondern viele: Ihr sollt leben! Beim Leben geht es nicht nur um mich als einzelne, mit der Frage, wie ich das Leben ergreife und es in all seiner Fülle genieße. Es geht um Leben für viele, für alle Menschen.
Wir werden mit diesem Wort nicht nur erinnert an das, was unser Leben ausmacht. Wir werden auch erinnert an die Aufgaben, die wir Christinnen und Christen in der Welt haben, nämlich für alle Menschen ein echtes, ein lebenswertes Leben zu schaffen, soweit es in unseren Kräften steht.
Kinder stehen in diesen Tagen im Mittelpunkt vieler Überlegungen. Lebenswertes Leben für Kinder: Dazu braucht es Aufmerksamkeit und Freundlichkeit von jedem von uns, aber auch Geld, z.B. für Kindertagesstätten, Schulessen und Nachmittagsbetreuung, finanzielle Hilfen für Familien und Hilfs- und Beratungsangebote.
Auch an die aktuelle Diskussion um die Verschärfung des Jugendstrafrechts denke ich in diesen Tagen dabei. Leben dürfen, das gilt auch für diese jungen Menschen. Denn es gilt: Aus Kindern, die nicht lebenswert leben dürfen, werden später einmal diese Jugendlichen, über die wir jetzt diskutieren. Ich wünsche mir, dass uns für das Jahr 2008 besseres dazu einfällt als nur zu verurteilen und wegzuschließen. Unsere Kirche folgt dem Wort Jesu, wenn wir für alle Angebote im Dienst der Schwächeren eintreten.
Aber noch einmal zurück. „Ihr sollt leben“, sagt Jesus. Und Sie, liebe Gemeinde? Was bedeutet Leben für Sie, jetzt im Moment? Ist es der Nachklang der Weihnachtszeit, oder schon die Vorfreude auf den Frühling, die Schneeglöckchen im Garten? Ist es die Liebe Ihrer Familie, oder ein Abend mit Freunden, beim Essen, mit vielen Gesprächen über „Gott und die Welt“?
Oder liegt ein Stück dessen, was Ihnen bei Leben in den Sinn kommt, mehr als in der Gegenwart oder der Zukunft - in der Erinnerung? Dann denke ich an den Satz: Die Erinnerung ist ein Paradies, aus dem wir kaum vertrieben werden können. Ein Paradies des Lebens...
Überlegen Sie ruhig einen Moment, jetzt oder später. Was sind Ihre Momente des Lebens? Was ist das Besondere daran, das es zum Leben werden lässt? Ein Durchatmen, eine tiefe Freude? Ein besonderer Herzschlag, ein tiefes Gefühl, das uns befähigt, anders zu sein, für andere da zu sein; vielleicht ein Getragensein von etwas, das größer ist als wir selbst......
Auch deswegen gefällt mir besser als "heute schon gelebt" das Wort Jesu . „Ich lebe, und ihr sollt auch leben“. Das Gefühl, auf einem tragenden Grund zu ruhen, mein Leben und mich nicht selbst erfinden zu müssen. Dass ich lebe, verdanke ich nicht mir selbst. Ich verdanke es Gott, der mich zum Leben geschaffen hat.
Nichts an meinem Leben ist allein aus mir heraus „heute schon gelebt“. Mein Leben ist eine Gabe, die ich bekommen habe. Ich darf es leben, mit allem Schönen, das es mir bringt. Und ich soll es leben im Alltag und auch mit dem Schweren, das jedes Leben mit sich bringt. Ob uns das Schwere in unserem Leben dem Leben näher bringt- und ich hoffe, Sie verstehen meinen Gedanken- dass muss jeder und jede von uns selbst entscheiden. Aber wie immer wir unser Leben bestehen, wir müssen es nicht alleine tun. Jesus sagt: Ich lebe, und ihr sollt auch leben.
Wir sind nicht allein. Dieses Vertrauen und solche Momente des Lebens wünsche ich Ihnen und uns allen. Ein gesegnetes Jahr 2008! Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 09.02.08