
Damit uns ein Licht aufgeht
Predigt zum Tag der Darstellung des Herrn - 3. Februar 2008
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
I. Reihe: I.Reihe: Lukas 2, 22-35
22 Dann kam für sie der Tag der vom Gesetz des Mose vorgeschriebenen Reinigung. Sie brachten das Kind nach Jerusalem hinauf, um es dem Herrn zu weihen,
23 gemäß dem Gesetz des Herrn, in dem es heißt: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht sein.
24 Auch wollten sie ihr Opfer darbringen, wie es das Gesetz des Herrn vorschreibt: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben.
25 In Jerusalem lebte damals ein Mann namens Simeon. Er war gerecht und fromm und wartete auf die Rettung Israels und der Heilige Geist ruhte auf ihm.
26 Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Messias des Herrn gesehen habe.
27 Jetzt wurde er vom Geist in den Tempel geführt; und als die Eltern Jesus hereinbrachten, um zu erfüllen, was nach dem Gesetz üblich war,
28 nahm Simeon das Kind in seine Arme und pries Gott mit den Worten:
29 Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, / wie du gesagt hast, in Frieden scheiden.
30 Denn meine Augen haben das Heil gesehen, /
31 das du vor allen Völkern bereitet hast,
32 ein Licht, das die Heiden erleuchtet, / und Herrlichkeit für dein Volk Israel.
33 Sein Vater und seine Mutter staunten über die Worte, die über Jesus gesagt wurden.
34 Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird.
35 Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen.
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm
Herrn. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
selten bekommen wir einen Einblick in die Kinderzeit Jesu - und was im
alten Israel alles so Sitte war. "Taufe" gab es ja noch nicht - aber
es gab andere Dinge, die mit einem neugeborenen Jungen zu geschehen
hatten: nach 8 Tagen wurde er beschnitten, sechs Wochen nach der
Geburt musste man Gott ein Opfer bringen; denn, so war es das Gesetz
des Mose, jede Erstgeburt gehörte Gott. Zwei Täubchen reichten für
dieses symbolische Opfer. Maria und Josef waren arme Leute, auch das
verrät diese Geschichte, denn 2 Täubchen waren das Opfer von Menschen
mit wenig Geld. Aber immerhin gingen sie in den Tempel von Jerusalem
um zu opfern. Eigentlich wäre das nicht notwendig gewesen. Das Opfer
hätte jeder Priester entgegennehmen können.
Doch hier im Tempel sitzt er: Der gottesfürchtige Simeon. Ihm war
prophezeit worden, er werde den Tod nicht schauen, bevor er den
Messias, den Gesalbten, den heilbringenden Sohn Gottes gesehen habe.
Im Tempel nahm er das Jesuskind auf den Schoß. Nicht ungewöhnlich,
denn durch die Berührung soll der Segen dieses frommen Mannes auf das
Kind übertragen werden.
Aber in diesem Moment geht dem Simeon ein Licht auf: “Nun lässt du
deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen
haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern.”
Nicht seine Augen im Kopf, nicht seine Lebensweisheit schenken ihm
diese wichtigste Erfahrung seines Lebens. Es ist die Begegnung mit dem
Kind selbst.
Schauen wir uns die Personen näher an:
Das ist erstens: Simeon.
Simeon ist ein Wartender. Tagaus, tagein sitzt er im Tempel. Treu
beteiligt er sich an den Gottesdiensten, inbrünstig betet er. Sein
Herz ist voll tiefer Frömmigkeit. Ein Fachmann in Sachen Religion ist
er geworden, kennt die Tradition wie kein zweiter. Noch immer wartet
er. Erwartet den, der da kommen soll. Den Heiland, den Friedenskönig,
den von Gott Gesandten. Er lebt in dieser Tradition Vielleicht ist er
darin alt geworden - ob er wirklich ein "alter Mann" war, sagt die
Bibel nicht ausdrücklich.
Aber er ist kein falscher Traditionalist. Keiner, dem Sitte und alte
Gewohnheit wichtiger sind als das Leben selbst. Innerlich ist er noch
immer jung, neugierig, offen. Seine Sehnsucht nach dem Sinn des Lebens
brennt in ihm. Wäre er nur Traditionalist, hätte er das Jesuskind
verpasst. Denn die Tradition erwartete einen starken, erwachsenen Mann
als Heilsbringer und Friedenskönig. Doch als Simeon zärtlich das
weiche Kindgesicht berührt und den kleinen zerbrechlichen Körper an
sich drücken, sind alle Tradition vergessen. Ja, ich bin am Ziel
meines Lebens.
Simeon ist der Mensch, der das Warten durchgehalten hat. Der sich
nicht von Enttäuschungen entmutigen ließ, den die Widersprüche des
Lebens nicht haben irre werden lassen. Ich wünsche mir selbst soviel
Kraft zum Warten, soviel Zutrauen, dass das, worauf ich warte, auch
irgendwann Wirklichkeit werden wird.
An Simeon kann ich lernen: Es lohnt sich, das Warten durchzuhalten.
Zweitens: Das Kind auf den Händen.
Ein Kind wie jedes kleine Kind. Schwach, schutzbedürftig, anrührend,
niedlich. "Ich bin das Licht der Welt. Du sollst nicht wandeln in der
Finsternis" - so sagt Jesus als Erwachsener.
Simeon, dem geduldig Wartenden, geht dieses Licht auf. Kein starker
Mann ist der Erlöser der Welt, sondern ein wehrloses Kind. Gottes
Macht ist die Macht der Ohnmächtigen. Gott besiegt die bösen Mächte
der Welt gerade dadurch, dass er ihnen keinen Widerstand leistet. Er
führt die Gewalt ad absurdum, weil er ihr die Liebe - und
kompromisslos nur die Liebe - entgegensetzt. Weltfremd? Naiv? Eben
kindlich? Ja, sicher. Ganz folgerichtig ist der Weg ans Kreuz. Doch
die Mächtigen der Welt verrechnen sich am Ende doch, wenn sie meinen,
so mit Gottes Liebe fertig werden zu können. Als Gottes Liebe und der
Tod aufeinander treffen, siegt die Liebe. Christus ist auferstanden.
Der kleine Jesus und der erwachsene Mann. Und Simeon, am Ziel seines
Lebens, sieht sein Leben in einem neuen, unvergänglichem Licht. Was er
erlebt hat an Grausamkeit, Enttäuschung, Hass der Menschen - es ist
überwunden angesichts dieses Kindes.
Dieses Kind ist Gott. Auf der Seite der Kleinen, der Schwachen. Teilt
die Macht der Ohnmächtigen. Der Friede, die Versöhnung, die Freiheit,
das Loslassen-Können, ja, sogar das Getrost-Sterben- Können liegen im
Kommen dieses Kindes - weil Gott wehrlos ist haben wehrlose Liebe und
unbedingtes Vertrauen mehr Macht als Hass und Tod.
Die Mächtigen der Welt, liebe Schwestern und Brüder, verrechnen sich,
damals wie heute, wenn sie Gott, den Friedefürsten auf der Seite der
Starken, Anerkannten, Gewaltigen suchen. Längst haben es die Kirchen
erkannt: Krieg darf um Gottes Willen nicht sein. Sagen wir es
angesichts dieses Bildes. Krieg darf um dieses Kindes willen nicht
sein.
So ist eben dieses eine Kind nicht irgendein Kind. Dieses Kind ist
einzigartig, und in ihm sollen gesegnet sein alle Kinder dieser Welt.
Ob hier, in Afghanistan, im Irak, in Palästina, in Israel, in
Südafrika, im Kongo, in Kenia - wo auch immer. Und wenn uns vieles
trennt - das eine verbindet uns: Wir waren alle einmal Kinder. Wir
sind alle Kinder unserer leiblichen Eltern, aber auch unseres Vaters
im Himmel.
Maria und Josef stehen staunend neben dieser außergewöhnlichen
Begegnung. Ob Maria begreift, was Simeon ihr voraussagt: "Auch durch
deine Seele wird ein Schwert dringen..." Sie weiß wohl schon, dass ihr
dieses Kind alles abverlangen wird. Alles an Liebe, an Glauben, an
Zweifel, an Verzicht und Loslassen-Müssen. Die Kriegstreiber und
Mächtigen dieser Welt werden dieses Kind zu Tode hetzen, wollen in ihm
alle Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit töten. Es wird ihnen nicht
gelingen.
"Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt
hast: denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet
hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden, und zum
Preis deines Volkes Israel."
Als "nunc dimittis" sind diese Worte in das alte Nachtgebet der
Kirche, in die Komplet, eingegangen. Christen legen in diesen Worten
den Tag, das Gelungene und Missglückte, ihr ganzes Leben zurück in
Gottes Hände. "Bleibe bei uns, Herr, denn es will Abend werden, und
der Tag hat sich geneigt. Bleibe bei uns und bei deiner ganzen Kirche.
Bleibe bei uns am Abend des Tages, am Abend des Lebens, am Abend der
Welt..." Es wird etwas spürbar vom Vertrauen, vom Angekommensein des
Simeon. Er darf schauen, was er geglaubt hat. Sein Leben hat für immer
Sinn bekommen.
Gott lädt uns ein, seiner wehrlosen Liebe zu trauen. Er lässt sein
Licht in Christus leuchten, damit uns, gleich dem Simeon, ein Licht
aufgeht. Damit wir Frieden finden - aber auch für den Frieden ohne
Gewalt, ohne Hass, ohne Krieg eintreten. Damit sich auch unser
sehnsüchtiges Warten erfüllt - und wir die innere Ruhe behalten, das
Warten auszuhalten.
Es ist gut, in diesem Gottesdienst Abendmahl zu feiern und zu
schmecken, zu begreifen und mit neuen Augen zu sehen: Auch uns schenkt
Gott seinen Sohn, dass wir die Erfüllung all seiner Verheißungen sehen
können, dass schon jetzt und hier unsere Sehnsucht nach Frieden
gestillt wird.
Möge Gott uns den Frieden schenken, durch den damals Simeon leben und
sterben konnte. Amen.
Gott unser Vater!
Oft scheinst du so ohnmächtig
angesichts von so viel Elend und Unrecht.
Und öfter noch
scheint unser Bemühen vergeblich.
Doch du bist auf der Suche nach uns,
willst uns ermutigen,
deinen Verheißungen zu glauben:
Frieden, Gerechtigkeit, Liebe -
die Worte klingen gut
und erzählen von dir.
Hilf, dass unser Glaube wachse -
damit er die Berge versetze,
die uns im Wege sind,
auf dem Weg zu dir.
Durch Jesus Christus, deinen Sohn, unsern Herrn,
der mit dir im Heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu
Ewigkeit.
Fürbitten
Gott des Lebendigen.
deine Kraft, dein Geist sind stärker als aller Tod.,
Deshalb lass neue Hoffnung erblühen,
wo wir nicht weiter wissen:
Wir bitten für die Menschen in Afrika und Asien und an den anderen
Orten der Welt, wo Hass, Gewalt und Tod den Aufstand gegen deine Liebe
wagen.
Lass uns Liebe gerade da wagen,
wo unser Alltag ihr kaum Platz einzuräumen scheint:
Wir bitten dich für alle Kinder, in unserer Stadt, unserem Land und
auf der ganzen Welt,
dass sie immer wieder ein Zuhause finden,
in dem Liebe und Vertrauen den Ton angeben.
Schenke uns Geduld, Warten-Können und den langen Atem,
wo unser Mut zu versiegen droht.
Wir bitten dich für deine Kirche:
dass sei nicht schweige, wenn Schutzlose unsere Stimmen nötig haben -
dass Menschen Räume in ihr finden,
in denen sei frei reden,
fragen und atmen können.