
„Was starrt ihr in den Himmel?“
Predigt zu Christi Himmelfahrt - 1. Mai 2008
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
VI.Reihe: Epheser 1,20.b-23
Der Predigttext auf den heutigen Himmelfahrttag, liebe Schwestern und Brüder, steht im Epheserbrief im 1.Kapitel:
„Diese Kraft hat er an Christus wirken lassen, als er ihn von den Toten auferweckte und in den Himmeln zu seiner Rechten setzte: hoch über jedes Regiment, jede Macht, Gewalt und Herrschaft und über jeden Namen, der nicht allein in dieser, sondern auch in der kommenden Weltzeit genannt wird. Und alles hat er ihm unter die Füße gelegt, und ihn hat er als alles überragendes Haupt der Kirche gegeben; sie ist sein Leib, die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt.“
Gott segne unser Reden und unser Hören.
Liebe Schwestern und Brüder,
Als die Jünger der Himmelfahrt Jesu nachsahen, sprachen zu ihnen zwei
Männer in weißen Kleidern: „Was starrt ihr in den Himmel, Männer von
Galiläa? So, wie dieser Jesu auffuhr gen Himmel, auf dieselbe Weise
wird er wiederkommen auf die Erde!“
Jesus ist in einer Wolke von der Erde verschwunden. Der Menschensohn
hat seine Aufgabe erfüllt. Er sitzt zur Rechten Gottes, seines Vaters,
und hält im Himmel alle Macht und Gewalt in seinen Händen.
Auf der Erde ist er nicht mehr da. Die Jünger starren in den Himmel
und warten, dass etwas passiert. Ihr Blick muss erst wieder auf die
Erde zurückgeholt werden von diesen beiden Engeln in weißen Kleidern.
Den Jüngern muss erst wieder gesagt werden, dass sie eine Aufgabe zu
erfüllen haben; ganz besonders jetzt, da sie allein sind: Jünger zu
bleiben und nicht unvorbereitet zu sein, wenn der Herr wiederkommt zu
einer Stunde, die keiner kennt.
Auch in unserem Predigttext richtet der Schreiber seinen Blick
zunächst in den Himmel und macht deutlich, wo Christus jetzt ist. Er,
in dem Gottes Liebe und Gnade vor allen Menschen offenbar geworden
ist, hat nun endgültig die Herrschaft übernommen. Gottes
uneingeschränktes JA zu den Menschen hat alle feindlichen Mächte
besiegt. Der Himmel hängt voller Gnade, das Urteil, das am Ende aller
Zeiten auf uns wartet, wird ein Freispruch sein - das ist die Trost-,
die Freudenbotschaft von Himmelfahrt!
Doch der Himmel ist ja bekanntlich fern der Erde. Und wenn Jesus im
Himmel ist, ist er dann nicht genauso fern? Ist nicht der unendliche
Graben zwischen Himmel und Erde, den der Menschensohn überbrückt hat,
wieder neu aufgerissen? Nein, nach Jesu Tod und Auferstehung kann
dieser Graben gar nicht mehr neu aufreißen. Nach Ostern sind Himmel
und Erde so nahe zusammenrückt, dass das, was in Jesus Christus
begonnen hat, uns nicht wieder fern werden kann. Sein Versprechen
bleibt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich
mitten unter euch.“
Aber auch, wenn Jesu Nähe bleibt, als Person ist er nicht länger da.
Und deshalb muss der Blick vom Himmel wieder auf die Erde gerichtet
werden. Das sagen die beiden Engel im weißen Gewand und das sagt unser
Predigttext, wenn es dort heißt: „Gott hat Jesus gesetzt zum alles
überragenden Haupt der Kirche.“
Jesus, der Mensch, ist fort von der Erde. Aber Jesus, das Haupt der
Kirche, ist mitten unter uns. Himmelfahrt ist ein tröstlicher Tag,
weil er sagt, dass der Himmel voller Gnade hängt. Christus, Gottes
endgültiges JA zu den Menschen, hat für immer die Macht übernommen.
Und Himmelfahrt ist der Tag, der uns Christen an unsere besondere
Verantwortung in der Welt mahnt. Heute fällt der Himmelfahrtstag auf
den 1.Mai. Beides ist ja in unserer so unchristlich und unpolitisch
gewordenen Welt so in Vergessenheit geraten: Der Himmelfahrtstag ist
zum „Vatertag“ geworden, der 1.Mai, der Tag der Arbeit, zu einem
Ausflugstag ins Grüne. Es ist bezeichnend: Menschen vergessen immer
mehr ihren Bezug zu Gott und ihren Bezug zu der Gesellschaft, in der
sie leben. Der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King sagte einmal
völlig zu recht: „Kein Problem wird gelöst, wenn wir meinen, dass Gott
sich allein darum kümmert!“ Mit starrem Blick zum Himmel können wir
uns Mitschwestern und Mitbrüder nicht sehen. Wir müssen uns hier auf
der Erde umsehen, was unsere Aufgabe ist. Denn das hat uns Christus
zugetraut. Er hat uns alleingelassen. Und wir sind verantwortlich für
das, was wir tun - in der Gemeinde, deren Haupt Jesus Christus ist.
Deshalb lasst uns auf unser Leben hier und jetzt schauen. Damit wir
die Menschen sehen, die auf warten, dass wir ihre Not begreifen, die
sie oft genug verstecken. Die im Dunkel sitzen, warten darauf, dass
wir es in ihrem Leben heller werden lassen. Heute sind es die armen
und von Armut bedrohten Menschen in unserem eigenen Land. Die
Arbeitslosen, die Hartz-IV-Empfänger, die von Altersamut, aber auch
von Kinderarmut Betroffenen. Himmelfahrt heißt auch:
„Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu
tun.
Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf den richtigen Weg
zu führen.
Er hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen die befreiende
Botschaft weiterzuerzählen - in Worten und Taten.“
Unsere Auftrag, Jesu Sache hier auf der Erde mit unseren Kräften
fortzuführen, ist verbunden mit einer großen Verheißung: „Siehe, ich
bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“ Diese Verheißung darf
uns nicht dazu verführen, uns auf die faule Haut zu legen und alles
Handeln Gott in die Schuhe schieben zu wollen. Diese Verheißung gilt
den Menschen, die sich wirklich aufmachen und mit ihrem Tun und Lassen
Christi Arbeit heute fortführen. An den Taten wird Christus, der nun
auch die Macht im Himmel hat, uns später einmal messen. „Was du einem
meiner geringsten Brüder, meiner geringsten Schwestern getan hast, das
hast du mir getan!“ Das ist sein Maßstab. Und es ist gewiss nicht
immer leicht, diesem Maßstab zu folgen. Wir möchten vielleicht auch
manchmal nur gen Himmel starren, den Blick weglenken von allem Leid,
von allen Unübersichtlichkeiten und Unansehnlichkeiten die es eben um
uns herum, aber auch in uns gibt. Mal ist ein solcher Blick nach oben
ja auch eine gute Sache. Doch dann sollte wieder die Tagesordnung der
Welt gelten. Einsatz für die Schwachen, Partei ergreifen für die, die
uns vor die Füße gelegt werden. „Wann ist der Zeitpunkt, wenn der Tag
die Nacht besiegt hat, das Dunkle dem Hellen weicht?“ wurde einmal der
Rabbi gefragt. „Dann, wenn du im Gesicht des anderen deinen Bruder,
deine Schwester erkennst.“
Solange wir uns nicht ins Gesicht sehen und solange wir nur die Masken
starren, die wir uns selbst und anderen aufsetzen, hat das Licht von
Ostern, des Sieges über den Tod, noch nicht das Dunkel vertrieben.
Erst wenn wir im anderen, im Fremden, im Dunklen, den Menschen
erkennen, wird es wirklich hell. In jedem Menschen den zu erkennen,
den Gott voll Liebe uns anvertraut - dazu ist es noch ein schwerer und
steiniger Weg. Aber es lohnt sich, ihn zu gehen. Begleitet werden wir
von dem, der die Macht hat im Himmel und Erden. Verlassen wird uns
dann niemals der, dessen Liebe alle Grenzen sprengt, einschließlich
der Grenze von Himmel und Erde.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 01.05.08