
Vorbilder
Predigt am Kirchweihsonntag - 20. Juli 2008
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
I. Reihe: Lukas 19, 1-10
Spruch des Tages: Wie lieb sind mir deine Wohnungen, Herr Zebaoth, meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn, mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott. Psalm 84, 2-3
Liebe Schwestern und Brüder!
Herzlich willkommen zu einem besonderen Gottesdienst. Heute ist der 20.Juli. Der Tag des Attentats auf Adolf Hitler, ausgeführt von der Gruppe um den Grafen von Stauffenberg. Ein Tag der Mahnung zum Widerstand gegen Diktatur und Unterdrückung.
Vor 2 Tagen war der 18.Juli. Da wurde Rolihlahla Dalibhunga Mandela, besser bekannt als Nelson Mandela, 90 Jahre alt. Der studierte Jurist verbrachte 27 Jahre als politischer Gefangener in Haft. Direkt nach seiner Freilassung 1990 leitete er den demokratischen Prozess und das Ende der Apartheid, der Trennung von Schwarz und Weiß in Südafrika ein. Von 1991 bis 1999 wurde er Staatspräsident des Landes. 1993 erhielt er den Friedensnobelpreis. In den letzten Jahren setzte er sich sehr für den Kampf gegen Aids in seinem Lande ein. Ein Sohn Mandelas ist an Aids gestorben, eine anderer starb bei einem Autounfall, eine Tochter schon als Säugling.
Amnesty international hat ihm 2006 den schönen Titel: „Botschafter des Gewissens“ verliehen. Wer, wenn nicht er, dürfte diesen Titel tragen? Der so viel bewegt hat in der Welt, darf erwarten, dass diese Welt einen kleinen Augenblick still steht und ihm ein hörbares „Danke“ sagt.
Und vor 3 Tagen war der 17.Juli. Und am 17.Juli 1846, also vor 162 Jahren fand die feierliche Einweihung dieser Kirche statt. Deshalb weht die Kirchenfahne draußen. Deshalb feiern wir heute Kirchweihsonntag. Es ist wieder einmal Zeit, innezuhalten und darüber nachzudenken, warum es überhaupt eine evangelische Kirche in Bad Lippspringe gibt. Daran soll uns das Evangelium vom Zöllner Zachäus erinnern, das im Mittelpunkt des Gottesdienstes steht. Und dabei soll uns auch die Jana Hartmann helfen, die heute im Gottesdienst getauft werden soll.
Und nun segne der Dreieinige Gott unsern Gottesdienst, alle Gäste und Glieder unserer Gemeinde. Amen.
Predigt Lukas 19,1-10
Als Jesus durch Jericho zog, liefen viele Menschen zusammen.
Unter ihnen war Zachäus, der Oberaufseher über alle Zolleinnehmer. Er war sehr reich.
Zachäus wollte Jesus unbedingt sehen; aber er war sehr klein, und niemand machte ihm Platz.
Da rannte er ein Stück voraus und kletterte auf einen Maulbeerbaum, der am Wege stand. Von hier aus konnte er alles überblicken.
Als Jesus dort vorbeikam, entdeckte er ihn. «Zachäus, komm schnell herunter!» rief Jesus. «Ich möchte heute dein Gast sein!»
Im Nu war er vom Baum herunter und nahm Jesus voller Freude mit in sein Haus.
Die anderen Leute empörten sich über Jesus. «Jeder weiß doch, daß Zachäus nur durch Betrug reich geworden ist! Wie kann Jesus nur dieses Haus betreten!»
Zachäus wurde auf einmal sehr ernst: «Herr, ich werde die Hälfte meines Vermögens an die Armen verteilen, und wem ich am Zoll zuviel abgenommen habe, dem gebe ich es vierfach zurück.»
Da sagte Jesus zu ihm: «Heute ist ein großer Tag für dich und deine Familie; denn Gott hat euch heute als seine Kinder angenommen. Du warst einer von Abrahams verlorenen Söhnen.
Der Menschensohn ist gekommen, Verlorene zu suchen und zu retten.»
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
wie wir wohl in dieser Kirche, in dieser Gemeinde auf einen Menschen wie Zachäus heute wirken … Das ist doch eine interessante Frage, liebe Schwestern und Brüder, oder? Dieser „kleine, böse, reiche Mann“, der da auf einen Baum geklettert war, damit er Jesus besser sähe, als er durch die Stadt Jericho zieht. Er war schon ein übler Zeitgenosse, machen wir uns da gar nichts vor. Ein Zöllner, ein Kollaborateur der Römer, einer, der seinen Reichtum dadurch erworben hatte, dass er unschuldigen Menschen ungerechtfertige Wuchersteuern abpresste. Das war der Zachäus, den Jesus auf dem Baum entdeckte und zu dem er einfach nur sagte: „Dich, Zachäus, meine ich. In dein Haus will ich einkehren.“ Jesus sagt dies ohne Vorbedingung. Er streckt nicht den Zeigefinger aus und zeigt auf ihn: „Ha, ein böser Zöllner! Solche wie du müssen erst einmal ihr Leben ändern, wenn sie zu mir kommen wollen!“ Nein, ganz im Gegenteil Jesus kommt zu ihm: bevor Zachäus etwas Gutes tun kann - : Das ist ja das Sensationelle,
Wie würde Zachäus uns heute betrachten, hier in der Kirche? Würde er, der so ganz anders ist, als wir „ordentlichen Bürger“, hier Menschen finden, die ihn auch heute noch besuchen wollen? Wohlgemerkt – es geht nicht um die eine Stunde Gottesdienst hier in der Kirche, wo doch im Prinzip jede und jeder willkommen ist, wo wir uns grundsätzlich erst einmal über jeden freuen, der kommt. Gehen wir soweit, dass wir uns auch selbst auf den Weg zu denen machen, die sich – aus welchen Gründen auch immer – in unsere Gemeinschaft verirrt haben?
Mir fällt eine Geschichte ein, die sich ausgerechnet am Pfingstfest, dem Geburtsfest der Kirche, ereignet hat. Nicht hier, aber es ist eine wahre Geschichte: „Pfingstsonntag, 11.30 Uhr, an der Auferstehungskirche in Kassel. Die Zahl der Gläubigen, die dem Portal entströmt, ist beachtlich. Auf dem Weg zum Friedhof sehe ich drüben auf der anderen Seite, keine 50 Meter von der Kirche entfernt, im grellen Sonnenlicht einen Mann gekrümmt auf dem Bürgersteig liegen, der sich vergeblich aufzurichten versucht. Viele Kirchenbesucher gehen vorbei, bleiben auch stehen, bücken sich und gehen ohne Hilfeleistung weiter. Einen Herrn, der mit seiner Familie sein Auto besteigen will, frage ich, ob er mit mir hinübergehen würde, um zu helfen. Er stellt lakonisch fest: „Der ist sicher nur betrunken“ und fährt ab.
Ich gehe über die Straße, als vor dem Gefallenen ein roter Mittelklassewagen hält, aus dem ein kräftiger junger Mann in blauer Latzhose und T-Shirt steigt. Der Gestürzte ist über und über voll Blut, das weiter aus Mund und Nase strömt. Leider wohl ein Betrunkener, aber zusätzlich verletzt. Ein älterer Bürger kommt dazu und will helfen. „Lassen Sie mal, Sie machen sich nur schmutzig,“ sagt der junge Fahrer und stellt, ohne Rücksicht auf sich selbst, den gestürzten Mann mit kräftigem Ruck auf die Beine. Ich kann nur mit Tempotüchern helfen und der Frage, ob ich telefonieren soll. „Das hält nur auf“, sagte der junge Helfer, „wo ist das nächste Krankenhaus?“ Damit packt er den Betrunkenen, der verlegen stammelt: „Ich mache Ihnen doch alles schmutzig!“ ohne weiteren Kommentar auf den Beifahrersitz.
Leider habe ich mir sein Autokennzeichen nicht gemerkt, aber eins konnte ich dem Fahrer wenigstens noch sagen: ... „Für mich sind Sie der einzige wirkliche Christ!“
So die Journalistin Elisabeth Richter in der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen vom 6.6.1985. [aus: Hamdorf-Ruddies, M.Josuttis, H.-D. Stolze, Zitate für die Predigt, S.35]
Kirche aus der Sicht der Kleinen. Hält die frohe Botschaft, das was sie verspricht? Dazu muss sie den Weg hinaus aus der Kirche schaffen, hin zu den Zachäussen unserer Zeit. Sie muss – durch uns! – diesen kleinen, manchmal unangenehmen Zeitgenossen sagen können: „Du, gerade du, bist ein auserwählter Mensch! In dein Haus muss ich unbedingt kommen!“ Wie viele Menschen warten darauf, so angesprochen zu werden. An wie vielen Menschen gehen wir achtlos vorüber, auch noch mit einem guten Gewissen, ohne dieses rettende Wort zusagen. Wie oft haben wir dieses schlimme „Selber schuld!“ in unserem Kopf!
Nein, liebe Schwestern und Brüder, es reicht nicht zu sagen, sollen doch die Menschen, die Hilfe brauchen, selber kommen. Wir, die wir von Christus angesprochen, ergriffen sind, wir sollen uns schon selbst auf den Weg machen – sonst ist unser Christ-Sein ein schöner Schmuck aber ohne Folgen.
Von Christus angesprochene Menschen, von Christus besuchte Menschen, werden zu neuen Menschen. Verwandeln sich ganz und gar! Nicht von sich heraus wird aus dem kleinen Bösewicht Zachäus ein Jünger Jesu. Er gibt erst seinen zu unrecht erworbenen Reichtum ab, als ihn Jesu Liebe, sein Erbarmen direkt ansprechen. Wie viele Menschen mag es geben, die nur darauf warten, so wie Zachäus angesprochen zu werden, damit sie die Kraft haben, sich zu ändern?!
Aus sich heraus schafft es Zachäus nicht. Zu klein! Am Umgang mit dem Kleinen zeigt es sich, wie wir unser Christ-Sein auch nach 162 Jahren Evangelische Kirche in Bad Lippspringe lebendig werden lassen. Die Kinder, die wir taufen – haben sie Platz in unserer Gemeinde? Meinen wir es ernst, wenn wir zu ihnen so ein herzliches „Ja“ im Gottesdienst schenken? Aus den Kindern werden Jugendliche – fühlen sie sich angesprochen, eingeladen in unserer Kirche? Dann die Beruftätigen – aber auch die Arbeitslosen. Die Armen, die ihre Armut oft verstecken, aber auch die Reichen, die oftmals mit Vorurteilen zu kämpfen haben, die Männer, die Frauen – und am Ende die Kranken, die Verwitweten, die Alten: Sind wir alle bereit, sie auch zu Hause zu besuchen, egal, wie sympathisch sie uns sind?
In der Kirche brauchen wir Vorbilder, die uns mahnen. Die uns nicht in Ruhe lassen, sondern an unsere Aufgabe in der Welt erinnern. Dietrich Bonhoeffer z.B. ist nicht nur der Dichter der schönen Worte „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, er war auch ein – übrigens von der Kirche allein gelassener – Kämpfer gegen die Diktatur Adolf Hitlers, hingerichtet wegen seiner Beteiligung an eben dem sich heute jährende Attentat am 20.Juli.
Nelson Mandela, das „Gewissen der Welt“, der Frieden und Versöhnung predigte und lebte, getragen von einem unerschütterlichen Vertrauen, dass es sich immer lohnt, auch noch dem Schwächsten und Kleinsten zu vertrauen. Vorbilder – auch für uns, heute am Tag der Kirchweih 2008?
Zachäus, wenn du uns heute hier sitzen siehst, was denkst du über uns? Vielleicht gingst du viel barmherziger mit uns um als wir es verdienten. Immerhin bist du jemandem begegnet, der im wahrsten Sinne des Wortes Gnade vor Recht ergehen ließ. Vielleicht würdest du uns vor Überforderung schützen wollen. Wir müssen nicht für alle da sein und die ganze Welt retten. Der Glaube sagt: Das tut Christus schon. Es reicht, wenn jeder von uns den Menschen im Laufe der nächsten Woche zuhause besucht, dem er einfach sagen möchte: „So wie du bist, bist du ein von Gott geliebter Mensch.“ Wer dieser Mensch ist? Vielleicht wissen Sie dies für sich, liebe Schwestern und Brüder, schon längst.
Und wenn es wäre, dass wir selbst irgendwo ganz allein auf einem Baum sitzen und trostlos hoffend darauf warten, dass uns jemand wahrnimmt? Dann vertrauen Sie doch einfach darauf, dass es in dieser Woche an Ihrer Tür klingelt und jemand einfach sagt: „Ich wollte Sie besuchen.“ Wenn es der richtige Mensch wäre wie es Jesus für Zachäus einfach war - würde das nicht einen neuen Menschen aus Ihnen machen?
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
Fürbitten KIRCHWEIH
Herr, du Gott unserer Hoffnung!
Wenn wir von der Kirche reden, reden wir von uns. Wenn sich die Kirche ändern soll, müssen wir uns ändern. Wenn sie offener und lebendiger werden soll, müssen wir offener und lebendiger werden.
Du willst, dass wir hoffen für unsere hoffnungslos zerrissene Welt, für eine Verständigung der verfeindeten Menschheit, für eine Stärkung deiner bedrängten und uneinigen Kirche.
Lass uns nicht den Mut verlieren, sondern mit Hoffnung und Geduld deinen Frieden hineintragen und hineinleben in unsere Zeit und Welt. Dabei verlassen wir uns auf deinen Geist, der aus kleinen Samenkörnern Frucht wachsen lassen kann.
Wir danken dir für Nelson Mandela, der ein Engel des Friedens für die Menschen in Südafrika war und ist. Er war und ist ein „Botschafter der Gewissen“ – auch für uns alle. Auf seinem Wirken, auf seinem Leben lag dein guter Segen. Schärfe auch unser Gewissen, dass wir nicht träge werden, auch in unserem Handeln nach deinem Willen zu fragen. Wir sind auch beunruhigt über neuerliche Ausbrüche von Gewalt in diesem Land. Entfache den Geist Nelson Mandelas, den Geist der Versöhnung und Menschenliebe aufs neue.
Für die Konfirmanden, dass der Gottesdienst sie begeistert. Für alle, die unsere Stadt wegen einer Kur besuchen, dass Gott auch im Alltag vorkommt. Dass die beiden großen Konfessionen, Katholisch und Evangelisch sich näher kommen und zusammenwachsen.
Für den Frieden in der Welt, dass die Waffen nun endlich schweigen. Letztlich für alle Gemeindeglieder, dass du, Gott, noch manche Frau und manchen Mann ansprichst, dass du all die tröstest, die um einen lieben Angehörigen trauern. Für all das bitten wir, wenn wir mit den Worten deines Sohnes Jesus Christus beten:
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 24.07.08