
Die im Regen stehen
Predigt zum Sonntag Lätare - 2. März 2008
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
VI.Reihe: Jesaja 54, 7-10:
„So spricht der Herr: Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser. Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will. Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.“
Gott, segne dein Wort an uns allen. Amen.
Aus einem Gedicht des zeitgenössischen Dichters Reiner Kunze:
„Herr, sag ich, es
regnet, was
soll man tun
und seine antwort wächst
grün durch alle fenster ...“
Der Prophet, den wir Deuterojesaja, also 2.Jesaja nennen, spricht
zu Menschen, die im Regen stehen. Sie befinden sich seit über 50
Jahren im Exil in Babylon. Müde sind sie geworden, diese Menschen.
Ihre Hoffnung haben sie verloren. Sie sehen ihre Sonne nicht mehr, die
Heimkehr nach Jerusalem, das Instandsetzen des Tempels, all dies
scheint für immer ausgeträumt. Hier hinein spricht der Prophet. Er
verkündet die große Wende. Nicht mehr grau in grau, sondern in hellen
Farben erstrahlt die Zukunft. Gott hat sich nur einen kleinen
Augenblick verborgen, nun zeigt er wieder seine helle Sonnenseite. Wie
bei Noah leuchtet wieder der Regenbogen: „Ich will hinfort nicht mehr
die Erde verfluchen um der Menschen willen. Solange die Erde steht,
soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und
Winter, Tag und Nacht.“ Gottes Gnade bleibt stark und verlässlich -
und sie wird für alle sichtbar. „Es sollen wohl Berge weichen und
Hügel hinfallen, meine Gnade soll nicht von dir weichen.“
Menschen, die im Regen stehen, gilt dieses Prophetenwort. Menschen,
die schmerzhaft erfahren mussten, wie vergänglich das Fundament ist,
auf das sie ihr Leben aufbauen wollten. Menschen, die bisher meinten,
sie könnten es selbst schaffen, das Glück ihres Leben, durch ihrer
Hände Arbeit, durch die Geborgenheit und Fürsorge in der Familie, im
sicheren Zuhause – und die jetzt herausgerissen sind aus allen
Sicherheiten, plötzlich im luftleeren Raum schweben und nicht mehr
wissen, wo sie hingehören, worauf sie sich verlassen können.
„Herr, sag ich, es
regnet, was
soll man tun
und seine antwort wächst
grün durch alle fenster ...“
Du, Mensch, sagt der Prophet, wirst den Regen nicht abschalten
können. Du bist ihm hilflos ausgeliefert, erstarrst geradezu
angesichts dessen, was auf dich niederprasselt. Fühlst dich
alleingelassen von Gott und der Welt, weißt nicht mehr, was du tun
sollst. Schau doch nur, sagt der Prophet, ja, du stehst im Regen, aber
das ist nur die eine Seite. Suche Hilfe nicht in hektischem Tun und
verzweifelten Scheinaktivitäten. Sieh nur: Gottes Antwort ist schon
auf dem Weg zu dir, sie wächst wie eine Pflanze, sie grünt, sie will
hinein auch in dein Fenster. Gottes Antwort ist seine Verheißung:
„Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine
Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll
nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.“
Wir haben heute ein kleines Kind, die Lauren, in den Glauben unserer
Kirche getauft. Nicht sie selbst hat beschlossen, Kind Gottes zu
werden, sondern andere haben sie zur Taufe gebracht. Nicht sie hat
einen Bund mit Gott geschlossen, den Bund der Gnade - Gott hat es
getan. Wir müssen wieder neu von den Kindern lernen, was es heißt,
Kind Gottes zu sein. Was es heißt, nicht herrschen, nicht alles aus
eigener Kraft schaffen zu wollen, sondern zu lernen, Vertrauen zu
anderen zu haben, neugierig zu sein, das Leben zu suchen und sich von
anderen Liebe und bedingungslose Annahme schenken zu lassen.
Zunächst aber gilt genauso wie damals zur Zeit des babylonischen
Exils: Viele Menschen empfinden diese bedingungslose Annahme nicht.
Sie stehen oftmals im Regen. Es stehen viele Hügel und große Berge vor
Gottes befreiender Botschaft. Das Vertrauen in die Kirche ist
erschüttert, wenn wir Menschen erleben, die in unseren Augen
unbarmherzig und kalt mit anderen Mitmenschen umgeben. Wie soll da
etwas von Gottes Barmherzigkeit und Gnade sichtbar werden? Wir erleben
Kirche, die oftmals nur an sich selber denkt und ihren eigenen Bestand
– aber sie soll sich doch in Gottes Namen kompromisslos auf die Seite
der Schwachen stellen. Und manchmal werden uns im Leben Lasten
auferlegt, die uns an Gott selber zweifeln lassen. Wie kann er Leid
und Tod zulassen, wie ein gerechter und barmherziger Gott soviel
Unbarmherzigkeit und Ungerechtigkeit zulassen. Lässt er uns nicht
selbst im Regen stehen, mitten vor den riesig hohen Bergen, die uns
erdrücken?
Manchmal kann man nur schweigend den Regen aushalten. Irgendwann wird
er nachlassen. Irgendwann wird Gott eine Antwort geben. Sie wird grün
sein wie eine Pflanze, die wächst. Ganz schwach am Anfang - und
vielleicht ganz anders, an einem ganz anderen Ort als wir sie
erwarten. Grün ist die Pflanze, weil die Hoffnung grün ist.
Für die Menschen damals im Exil kam die Rettung auch ganz anders als
sie erwartet wurde. Gott antwortet oft ganz anders als wir ihm es ihm
nahelegen. Es sind eben nicht die erwarteten, ausgetretenen Wege, auf
denen die Hoffnung kommt. Auch die Taufe, auch die Behauptung, Christ
zu sein, ist keine Garantie für Hoffnung. Manchmal wächst der
christliche Geist der Hoffnung gerade in den Menschen, die sich gar
nicht als Christen begreifen oder so bezeichnen. Gott antwortet auf
seine Weise. Er lässt Hoffnung wachsen:
„Herr, sag ich, es
regnet, was
soll man tun
und seine antwort wächst
grün durch alle fenster ...“
Was ist Glaube, Glaube, der wie ein Geschenk Hoffnung in
hoffnungslosen Situationen gibt? vielleicht dies: an Katastrophen
nicht zu zerbrechen, sondern mutig trotzdem auf die Spuren des Lebens
zu schauen.
Was ist Glaube? Vielleicht dies:
„Nicht müde werden, sondern dem Wunder wie einem Vogel leise die Hand hinhalten.“ (Hilde Domin).
„Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber
meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens
soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.“
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 02.03.08