
Komm heraus und stell dich!
Predigt zum Sonntag Oculi - 24. Februar 2008
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
VI.Reihe: 1. Könige 19, 1-13.a
19 1 Achab meldete Isabel alles, was Elijahu getan hatte,
über alles, wie er all die Künder mit dem Schwert umgebracht hatte.
2 Isabel sandte einen Boten zu Elijahu mit dem Spruch:
So mögen die Götter tun,
so hinzufügen,
ja, morgen zur Stunde
mache ich deine Seele
der Seele eines von jenen gleich!
3 Als ers ersah, erhob er sich und ging fort um seine Seele.
Als er nach Berscheba kam, das schon in Jehuda ist,
ließ er seinen Knaben dort bleiben,
4 er selber aber ging in die Wüste hinein, einen Tagesweg.
Wie er so weit gekommen war, setzte er sich unter einen einsamen Ginsterbusch.
Er wünschte seiner Seele zu sterben,
er sprach:
Nun ists genug, DU,
nimm meine Seele,
ich bin ja nicht besser als meine Väter.
5 Er legte sich hin und entschlief unter dem einsamen Ginsterbusch.
Da rührte ein Bote ihn an,
der sprach zu ihm:
Erheb dich, iß.
6 Er blickte sich um,
da, zu seinen Häupten ein Glühsteinback und ein Krug Wasser.
Er aß und trank, dann legte er sich wieder hin.
7 Aber SEIN Bote kehrte wieder, zum zweitenmal, und rührte ihn an,
er sprach:
Erheb dich, iß,
genug noch hast du des Wegs.
8 Er erhob sich, aß und trank,
dann ging er in der Kraft dieser Atzung
vierzig Tage und vierzig Nächte
bis zum Berge Gottes Choreb.
9 Dort kam er in die Höhle, dort wollte er nächtigen.
Da, SEINE Rede an ihn,
er sprach zu ihm:
Was willst du hier, Elijahu?
10 Er sprach:
Eifrig geeifert habe ich für DICH, den Umscharten Gott, -
verlassen ja haben die Söhne Jissraels deinen Bund,
deine Schlachtstätten haben sie zerscherbt,
deine Künder mit dem Schwert umgebracht,
ich allein bin übrig,
so trachten sie mir nach der Seele, sie hinwegzunehmen.
11 Es sprach:
Heraus,
steh hin auf den Berg vor MEIN Antlitz!
Da
vorüberfahrend ER:
ein Sturmbraus, groß und heftig,
Berge spellend, Felsen malmend,
her vor SEINEM Antlitz:
ER im Sturme nicht -
und nach dem Sturm ein Beben:
ER im Beben nicht -
12 und nach dem Beben ein Feuer:
ER im Feuer nicht - ,
aber nach dem Feuer
eine Stimme verschwebenden Schweigens.
13 Es geschah, als Elijahu hörte:
er verhüllte sein Antlitz mit seinem Mantel,
er trat hinaus, stand am Einlaß der Höhle.
Übersetzung; Buber/Rosenzweig)
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm
Herrn. Amen.
Es ist doch tatsächlich noch einmal gerettet worden, der Elia. Ich
hoffe, er kann uns einige Fragen beantworten, wie man sich so fühlt,
als Prophet, als Volksheld. Aber auch als trauriger, verzweifelter
Mensch. Wie ging es ihm damals unter dem Wachholderbaum. Mutlos,
einsam, bereit zu sterben. „Ich bin auch nicht besser als meine
Väter.“
Eigentlich ist mir der Elia so näher als bei seinen Heldentaten. So
wie du da sitzt, habe ich selbst schon gesessen. So als wäre eine
Mauer zwischen mir und der Welt. Ich bin in mich verkrümmt. Sehe nur
noch mich, spüre nur noch meinen Schmerz - und fühle mich entsetzlich
allein. Alle meine Träume sind zerplatzt. Ich wollte anders sein als
meine Eltern, meine Zerrbilder, die mich geprägt haben. Ich wollte
fliegen und bin abgestürzt. Was ich für meinen Lebensentwurf gehalten
habe, ist ein für allemal zerstört. Die Leute haben sich von mir
abgewandt. Ich fühle mich wie ein gehetzter Hund.
Der verzweifelte, lebens-müde Elia dort unter dem Wachholderbaum,
spricht zu uns. „Das Leben nimmt dir das Leben.“ Du brauchst dir gar
nicht selbst das Leben zu nehmen, das macht das Leben selbst für dich.
Das macht deine Umwelt. Das macht das Unverständnis. Das macht die
Traurigkeit, die Mutlosigkeit. Das Leben nimmt dir selbst das Leben.
Dieser Satz stammt aus einem Gedicht von Wilhelm Wilms:
elija
der prophet
hatte es satt
was hatte er satt
das leben hatte er satt
und er hatte die mächtigen satt
und dann lief dieser elija weg
in die einsamkeit
in die wüste
und er legte sich hin
unter einen strauch
auch gott hatte er satt
er hätte sich das leben nehmen können
aber er dachte
das leben nehmen
das wird das leben tun
das leben
wird dir das leben nehmen
und er legte sich hin
und wollte sterben
und da kommt etwas
ja
etwas
die bibel sagt
ein engel
das sagt die bibel immer
wenn sie nicht weiß
wie sie sich ausdrücken soll
wenn sie nicht richtig sagen kann
woher etwas kommt
also da kam ein engel
beugte sich über elija
stieß ihn an
und sagte
steh auf
elija
du bist kein mensch der sterben darf
komm iß und trink
Die Zuneigung, die Aufmerksamkeit, das Gefühl einmalig zu sein -
das muss ein anderer geben. Aber wir müssen dies auch annehmen, daran
riechen, davon schmecken - und es anderen weitergeben. Das hilft
heraus aus der Einsamkeit, aus dem tiefen Loch der Trostlosigkeit.
Auch Elia hat von dem Wasser und dem Brot genommen, was ein Engel
neben ihn hingestellt hat. Er hat nicht vor Selbstmitleid aufgestöhnt:
Bringt ja doch nichts, ich probier es erst gar nicht.
Auch wir müssen das Lebensmittel, das Lebensnotwendige annehmen und
aufstehen, hingehen und es weitergeben. Wie durch ein Wunder wachsen
uns dann wieder Flügel. Wie sehr wünschte ich mir, alle könnten dies
begreifen und erfahren.
Nehmen wir als Beispiel die Taufe: Auch die müssen wir uns von jemand
anderem schenken lassen. Niemand kann sich selbst taufen. Die Taufe
ist wie das Wasser und Brot, von Gott geschenkt. Und dann kommt es
darauf an, dass wir Gebrauch von diesen Lebensmitteln machen, ob wir
sie also hinein nehmen in unser Leben und wirklich mit ihnen und von
ihnen leben wollen. Das Geschenk der Taufe annehmen heißt, Gottes
Botschaft an uns überhaupt wahrzunehmen, dann ihm zu vertrauen und ihm
zu folgen.
Jetzt sag aber einmal, Elia, was ich nicht verstehe: Jetzt hattest du
mitten in der Wüste die Kraft bekommen, 40 Tage und 40 Nächte
durchzumarschieren bis zum Berg deines Gottes. Warum bist du nicht auf
den Gipfel gestiegen und hast es dir und anderen bewiesen: Hier bin
ich wieder! Keiner kann mir etwas! Was fandest du so toll an dieser
Höhle, in die du dich damals verkrochen hast?
Ich verstehe dich gut. Ich bin oft in der Versuchung, auch unter solch
eine Decke, in eine Höhle zu kriechen. In der Höhle der eigenen
kleinen Familie dürfen wir heile Welt erfahren. Es sei allen gegönnt.
Aber es ist nicht Gottes Wille, nur dieses kleine private Glück zu
genießen. Nicht auch den Menschen in Not zu sehen, der vor unserer
Höhle friert und zittert. Den wir selbst herausgestoßen haben. Heile
Welt ist etwas Schönes - aber nicht auf Kosten anderer. Die Welt ist
undurchschaubar, oft kalt, oft gnadenlos - aber es die einzige Welt,
die wir haben. Deshalb: komm heraus Elia. Wir brauchen dich! Wir haben
schon zu viele, die sich verkriechen. Gott will dich oben auf dem
Berg. Und wir brauchen dich so sehr.
Wir brauchen jemanden, der mitleiden kann, aber dem das Leben eben
dann doch nicht das Leben nimmt. Der annehmen kann, dass da jemand
anders ihm gibt, was für ihn lebensnotwendiges Lebensmittel ist. Der
das Leben wählt und nicht den Tod. Der den rauen Wind aushält und doch
weiß: Gott selbst ist nur im „schwachen Schweigen“ zu hören. Wir
brauchen jeden Elia. Komm heraus und stell dich! Du bist nicht allein.
Du bist auf gutem Weg. Kein Grund, sich zu verkriechen.
Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 24.02.08