
Furcht und Zittern
Predigt am Gedenktag der Reformation - 31. Oktober 2008
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
VI. Reihe: Philipper 2,12-13
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm
Herrn. Amen.
Der Predigttext steht im Philipper-Brief im 2.Kapitel. Der Apostel
Paulus schreibt:
Also, meine Lieben,- wie ihr allezeit gehorsam
gewesen seid, nicht allein in meiner Gegenwart, sondern jetzt noch
viel mehr in meiner Abwesenheit, - schaffet, dass ihr selig werdet,
mit Furcht und Zittern.
Denn Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das
Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.
Soweit unser Predigttext. Gott segne du unser Hören und unser
Reden. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
vom großen Erweckungsprediger Volkening wird erzählt, dass er
seinerzeit unglaublich viele Menschen zum Glauben bekehrte. Er zog
über Land, seine Zeit war völlig ausgebucht. Seine Bekehrungen
beruhten nicht auf langen Gesprächen oder überzeugenden Predigten in
Gottesdiensten, sondern - so wird berichtet - er riß die Tür eines
großen Krankensaales auf und brüllte - weil er zu mehr nicht Zeit
hatte - den darin liegenden ca. 20 Kranken zu: „Schaffet, dass ihr
selig werdet mit Furcht und Zittern!“ Dann knallte er die Tür wieder
zu. Und von den 20 wollten 18 in seine Gemeinde und waren zu Jesus
Christus bekehrt.
Mich hat diese - angeblich wahre Geschichte - immer stark
beeindruckt. Was war das für eine Zeit, dass man so bekehren konnte!
Sicher - es war eine besondere Zeit. Menschen warteten auf solche
markigen Worte. Es lag die Sehnsucht nach Bekehrung in der Luft.
So wie die Zeit Martin Luthers eine besondere Zeit war. Menschen
warteten auf Befreiung. Befreiung des Geistes aus der Unterdrückung
durch korrupte Hierarchien. Es lag die Sehnsucht nach Freiheit -
auch Freiheit im Glauben in der Luft.
Auch die Befreiung vom Glauben, dass man sich die Gnade Gottes nur
mit „Furcht und Zittern“ verdienen könne, dass Glaube gefügt macht,
so dass Christen aus lauter Angst leicht zu führende Untertanen
werden. Martin Luther befreite den biblischen Glauben von allen
falschen Bindungen, indem er ihn allein an Jesus Christus, wie ihn
die Heilige Schrift bezeugt, gebunden sah - nicht aber an
menschliche Autoritäten, die diesen Glauben für eigene Zwecke
beanspruchen wollten.
Insofern hat der befreite Glaube der Reformation eben nichts mehr
von diesem falschen „Furcht und Zittern“, sondern ist Glaube an das
Evangelium, die „frohe Botschaft“ von der Auferstehung Christi von
den Toten.
Dennoch begegnet einem im Alltag der Kirche immer wieder diese
Kombination von Glaube und Furcht und Zittern vor Menschen. Wie oft
erzählen heute noch Mütter und Väter jetziger Konfirmandenkinder,
wie streng sie ihren Konfirmandenunterricht in Erinnerung haben.
Angst hatten sie vor der Person des Pfarrer, dem vielen
Auswendiglernen der Prüfung im Gottesdienst. Ein Gefühl von Furcht
und Zittern ist bezüglich der Kirche ein Leben lang geblieben.
Besonders schlimm aber, wenn diese Ängste auch auf Gott übertragen
worden sind: Auch Gott ist einer, vor dem man zittern muss, bei dem
man Leistung bringen muss, vor dem man fürchten muss, dass er einen
durchfallen lassen kann am Ende aller Zeit, bei der großen Prüfung
vor dem ewigen Leben vielleicht.
An der Biographie Martin Luther lässt sich geradezu ablesen, wie die
Botschaft der Bibel von einem solchen falschen Gottesbild befreien
kann. Den Mönch Martin Luther trieb die Frage um: Wie bekomme ich
einen gnädigen Gott? Man muss ich alles tun, vor diesem gestrengen
Richter zu bestehen? Luther schrieb: „Das Herz zitterte und
zappelte, wie Gott mir gnädig werde.“ Die Geburtsstunde der
Reformation war dann Luthers Erkenntnis, dass niemand sich vor Gott
die eigene Gerechtigkeit verdienen muss, sondern dass die
Gerechtigkeit Gottes ein Geschenk ist, durch die der Mensch lebt.
Gott ist es, der aus Liebe und Barmherzigkeit handelt, er nimmt uns
an, so wie wir sind und befreit uns zu tiefen, freien, richtigen,
ewigen Leben.
Und dennoch: das Bild von dem Erweckungsprediger Volkening und sein
Erfolg mit dem Ruf ins Krankenzimmer: „Schaffet, dass ihr selig
werdet mit Furcht und Zittern!“ beeindruckt mich immer noch. Die
Menschen müssen ja einen Grund gehabt haben, sich zum Glauben zu
bekehren. Und es wird bestimmt nicht die Angst vor dem Pfarrer
gewesen sein, der da die Tür zum Krankenzimmer geöffnet hat. Es war
sicher die Zeit damals, in der die Sehnsucht nach Bekehrung in der
Luft lag. Es war sicher auch die Person des Pfarrers Volkening,
dessen Ruf ja überall bekannt war. Diese Person hatte etwas, was man
sonst dringend vermisste: Er konnte weitergeben, was dem eigenen
Leben Sinn vermittelte, eine Mitte, einen Glauben, einen Halt, eine
Bestimmung für das eigene Leben. Das, wovon er sprach, erreichte die
Herzen der Menschen - so sehr, dass sie bereit waren, ihr altes
Leben zu ändern und sich ganz Gott und seinem Sohn Jesus Christus
zuzuwenden.
So war es auch damals in der Gemeinde in Philippi, die Gemeinde, die
der Apostel Paulus am meisten liebte, mit der er am engsten
verbunden war. Gott hatte hier das Herz der Menschen in Bewegung
gesetzt. Gott hatte sie befreit von falschen Abhängigkeiten. Die
Menschen waren voller Freude zum Glauben an Jesus Christus, ihren
Retter und Heiland gekommen, der sie so annahm, wie sie waren: eben
als gerechtfertigte Sünder. „Furcht und Zittern“ - nicht vor ihm,
dem Apostel Paulus sollten sie Furcht und Zittern zeigen, sondern an
Jesus sollten sie sich weiter halten, den - um in der Sprache des
Reformator Luther zu sprechen - es gibt nur allein einen Retter,
eine frohe Botschaft, einen Glauben. Deshalb sollten sie alles dafür
tun, diesen Glauben, nicht zu verlieren - gerade in einer Zeit
großer Bedrohungen, von „Furcht und Zittern“ aber vor ganz anderen
Dingen, nämlich Verfolgungen, Unterdrückungen und Verleumdungen.
Furcht und Zittern vor Gott allein soll nämlich die Angst nehmen vor
den weltlichen Autoritäten, die Leben einschränken. Paulus, der des
öfteren im Gefängnis saß, hat in diesem starken Glauben an Gott
immer wieder die Kraft gefunden, zu widerstehen. Luther konnte der
höchsten weltlichen Autorität, dem Kaiser, auf dem Reichstag in
Worms entgegenschleudern: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.
Gott helfe mir, Amen!“ Furcht und Zittern allein vor Gott macht
stark weltlichen Autoritäten gegenüber. Denn Gott ist ein gnädiger,
verlässlicher Gott: Er ist es, der wirkt - seine Gnade, seine Liebe
sind stärker als alles Bedrohliche. Deshalb ist es gut, ihm zu
trauen, ihn an die erste Stelle zu setzen. Gottes versöhnende,
befreiende Macht wirkt, setzt sich am Ende doch durch. Paulus wusste
dies, die Reformatoren wussten dies, der Erweckungsprediger
Volkening war überzeugt davon - viele Beispiele in der Geschichte
gäbe es zu erklären, dass es sich lohnt, Gottes Gnade und Liebe zu
trauen - wenn es sein muss mit Furcht und Zittern. Und auch uns gilt
dies: Lasst auch uns heute in unserer Zeit, an unserem Ort, Gottes
Liebe und Gnade ernst nehmen; ernst nehmen, dass Gott uns ruft, auch
zur Feier des Abendmahls, der Gemeinschaft der gerechtfertigten
Sünder, bei der jede und jeder willkommen ist, so wie er, wie sie
ist. Gott ist es, der handelt - ihm, nicht Menschen, gilt es zu
vertrauen - und seiner Einladung zu folgen. Er enttäuscht uns nicht.
Er missbraucht nicht unsere Liebe. Er ist das eine Wort, dem wir
vertrauen können.
Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 01.11.08