
Mehr als Gold
Predigt zum Sonntag Rogate - 27. April 2008
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
VI. Reihe: 2. Mose 32,7-14
ER redete zu Mosche:
Geh, hinab!
denn verdorben hats dein Volk,
das du heraufholtest aus dem Land Ägypten.
Rasch sind sie abgefallen vom Weg, den ich ihnen gebot,
ein Gußkalb haben sie sich gemacht,
haben ihm sich verneigt, haben ihm geschlachtet,
und haben gesprochen: Dies sind deine Götter, Jissrael, die dich heraufholten aus dem Land Ägypten.
Und ER sprach zu Mosche:
Ich sehe dieses Volk,
da, ein Volk hart von Nacken ist es.
Nun,
lasse mich,
daß mein Zorn auf sie einflamme
und ich sie vernichte -
dich aber mache ich zu einem großen Stamm!
Mosche sänftete das Antlitz IHM, seinem Gott,
er sprach:
Warum,
DU,
soll dein Zorn einflammen
auf dein Volk,
das du führtest aus dem Land Ägypten
mit großer Kraft,
mit starker Hand!
Warum
sollen die Ägypter sprechen dürfen, sprechen:
Im Bösen hat er sie ausgeführt,
sie umzubringen in den Bergen,
sie zu vernichten weg vom Antlitz des Bodens!
Kehre um
vom Entflammen deines Zorns,
leid werde es dir
des Bösen über deinem Volk!
Gedenke
Abraham Jizchak Jissrael deinen Knechten,
was du ihnen zuschwurst bei dir,
wie du zu ihnen redetest:
Mehren will ich euren Samen
wie die Sterne des Himmels,
und all dieses Land, von dem ich sprach,
geben will ichs eurem Samen,
daß sies eineignen auf Weltzeit.
Leid ließ ER es sich werden des Bösen,
das er geredet hatte seinem Volk zu tun.
(Übersetzung:Buber-Rosenzweig)
Liebe Gemeinde,
es war besser als sein Ruf, das goldene Kalb!! Wundert Sie sich?
Vielleicht ein bisschen. Wir alle sind es ja gewohnt, den "Tanz ums
goldene Kalb" als Sprichwort zu benutzen. Wir denken dabei automatisch
an das, was bei uns den Rang von höchster Wichtigkeit eingenommen hat,
sozusagen den Platz Gottes besetzt: Geld, Besitz und das Streben
danach; die freie Fahrt auf Autobahnen, der Jugend- und
Gesundheitswahn: über all diese Dinge sprechen wir gerne als "goldene
Kälber".
Aber, liebe Gemeinde, das goldene Kalb war besser als sein Ruf. Das
Volk Israel, das durch die Wüste zieht, schmiedet sich mit dem Kalb
keinen neuen Gott. Es gießt sozusagen nur seinen Gott in eine Form.
Gott hat sie aus Ägyptenland geführt. Daran halten sie fest- und
brauchen dazu etwas, um sich festzuhalten. Mose stand bis jetzt ein
für diesen Gott, war da mit seiner Ermunterung und der Stärke seines
von Gott verliehenen Stabes. Aber Mose ist seit langer Zeit auf dem
Berg, redet mit Gott, ist nicht bei seinem verzagenden Volk.
Gott soll doch ein starker, ein tatkräftiger Gott sein. Er soll mit
Händen zu greifen sein, anzufassen, zweifelsfrei, immer da. Wer
wünscht sich nicht einen solchen Gott? Wer sucht nicht nach
unzweifelhaften Zeichen der Gegenwart Gottes, nach seiner Kraft und
Stärke, jederzeit zu begreifen? Das goldene Kalb- es steht für die
Sehnsucht und die Suche der Menschen, für den Wunsch nach einem
eingreifenden, tatkräftigen Gott. Und das nicht nur zur Zeit des
Auszugs aus Ägypten. Mag sein, dass sich hinter dieser Geschichte eine
alte Erinnerung an die Wüstenwanderung und ihre Anfechtungen bewahrt
hat. Aber der Wunsch nach einem handfesten Gott, der in einem Stier
wohnt oder auf einem Stier thront, von dem weiß die Geschichte Israels
auch ganz konkret. Als nämlich das Reich nach dem Tod Salomos in zwei
Hälften zerfiel, da baute König Jerobeam im Nordteil tatsächlich
Stierstatuen, in denen der Gott Israels verehrt werden sollte.
Gott soll doch ein starker, ein tatkräftiger Gott sein. Er soll mit
Händen zu greifen sein, anzufassen, zweifelsfrei, immer da. Sicher
nicht nur damals.
Aber so will Gott nicht sein. Kein in Gold gegossenes Bild der Stärke.
Er mischt sich ein. "Geh, steig hinab, Mose".
Und er ist ein leidenschaftlicher Gott. "Mein Zorn entbrenne über
sie". So spricht kein Gott aus Gold!
Nein, Gott lässt sich von Mose bitten, lässt sich bewegen, lässt sich
verändern.
"Dein Volk"- und dann doch "mein Volk"!
"Lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne"- und dann : "da gereute
den Herr das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte"!
Solche Sätze sind Ausdruck der Erfahrungen, die wir Menschen mit Gott
machen:
Gott ist lebendig. Gott lässt mit sich reden. - Gott sei Dank.
Denn was wäre mit unseren Bitten, unseren Gebeten, wenn Gott
unveränderlich wäre? Was wäre mit unserem Leben, wenn Gott
unveränderlich umginge mit unserer Schuld, wenn er hoch über uns und
unserer Freude und unserem Dank thronte?
Auf sichtbare, auf greifbare Stärke müssen wir verzichten. Unser Gott
hat hier in der Welt keinen goldenen Thron. Aber doch ist er da: nicht
ewig derselbe, unnahbar, unveränderlich. Sondern immer wieder neu.
Kein in Form gegossenes goldenes Kalb, sondern ein lebendiger,
wandlungsfähiger Gott.
Liebe Gemeinde,
Gott lässt sich bewegen- und ist doch auch beständig. Mose beruft sich
in unserer Geschichte auf das, was den Glauben des Volkes Israel
trägt. Gott hat einen Bund mit seinem Volk geschlossen. Er hat es
geschworen und verheißen. Bleibe der, der du sein willst. Der Gott
Israels. Der sein Volk nicht verlässt. Der vielfältig hilft und oft
anders als erwartet.
Mit uns hat Gott einen neuen Bund geschlossen. Gott ist so
leidenschaftlich für die Menschen, lässt sich so bewegen, dass er
selber Mensch wird, Jesus, Gott an unserer Seite. Als Kind in der
Krippe, als zum Tod am Kreuz verurteilter, und dann doch als der, auf
den wir uns bei Gott berufen dürfen. Das ist die Stärke unseres
Gottes: in seiner Schwachheit für uns stark geworden zu sein.
Liebe Gemeinde, wie die Menschen der Bibel suchen auch wir so manches
Mal den starken, goldenen Gott. Dann wieder erfahren wir Gott zu
Zeiten als Hand, die uns drückt, und dann, als Hand, die uns trägt.
Wir erfahren ihn in Jesu Worten vom Reich Gottes, die uns Mut und
Hoffnung machen, dieses Reich schon hier in dieser Welt zu suchen und
zu bauen. Wir erfahren unseren Gott sicher auch in unserer Sehnsucht
nach ihm, in unserem Suchen, schmerzhaft vermisst, mehr Frage als
Antwort. Und dann ist er manchmal da, für einen kleinen Moment zu
spüren.
All das bringen wir mit, wenn wir beten, wenn wir reden mit Gott- wie
Mose. Wir bringen uns mit, mit all unseren Gefühlen und Erlebnissen,
mit unseren guten und schlechten Tagen, mit Gelungenem und Mißglücktem.
Wir loben Gott. Wir bitten ihn um das, was uns fehlt. Wir klagen ihm
unser Leid. Wir schweigen auch manchmal. Wir fragen uns und ihn,
welche Wege er uns führen will. Wissen auch im Gebet manches Mal den
Weg nicht. Dann tut es manchmal gut, in die Gebete der anderen mit
einzustimmen, uns tragen zu lassen vom Vaterunser, vom Kyrie und vom
Gloria.
Und bei all dem verlassen wir uns darauf: Gott lässt sich bewegen. Von
unserem Lob. Unserer Klage. Unseren Bitten. Wie sollten wir darauf
nicht vertrauen?
Und das ist mehr als Gold.
Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 06.05.08