
Bereit für jeden neuen Weg
Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias - 11. Januar 2009
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
I. Reihe: Matthäus 3, 13-17
Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, daß er sich von ihm taufen ließe. Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf wohl, daß ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Laß es jetzt also sein! also gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er's ihm zu. Und da Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser; und siehe, da tat sich der Himmel auf Über ihm. Und er sah den Geist Gottes gleich als eine Taube herabfahren und über ihn kommen. Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe.
Gnade sei mit euch und Friede von dem der da war, der da ist und
der da kommt. Amen.
Liebe Gemeinde,
einen Mann sehen wir, einen jungen Mann, auf dem Weg von Nazareth
zum Jordan. Er geht allein. Niemand begleitet ihn. Keine
Verwandten, keine Freunde, nicht die Eltern, nicht die Geschwister.
War um lässt er das alles zurück? Was hat er vor? Ihn treibt kein
Geschäft,er macht sich nicht auf, um eine Arbeit in der großen Stadt
Jerusalem zu suchen. Fern liegt es ihm, bloß zum Vergnügen zu
reisen.
Was ihn zum Jordan zieht, das ist ein Gerücht. Seit einiger Zeit
erzählt man in seinem Heimatdorf von Johannes. Von diesem Asketen,
der es ganz ernst meint mit Gott. In dem die Leidenschaft und
Unerbittlichkeit der alten Propheten wie der auf erstanden ist. Der
Gutes gut und Böses böse nennt. Der da von träumt, dass endlich
einer kommt, der die Spreu
vom Weizen trennt. Man vergleicht ihn mit Elia.
Fasziniert das den jungen Mann Jesus? Vielleicht will er Klarheit für sich und sein Leben gewinnen, seinen Weg finden, seine Berufung entdecken- oder bestätigt bekommen. So wie viele junge Menschen beim Erwachsenwerden, so wie wir auch- und wohl doch anders.
Bestimmter. Bewusster. Klarer. ?!
Dann steht er Johannes gegenüber. Kennen sich die bei den? Sind sie
verwandt? Ihre Mütter kannten sich.
Johannes weiß, wer vor ihm steht. Diesem jungen Mann muss er
nicht
kommen mit Schlangenbrut und Gottes Zorn, mit Umkehr und ernstem
Halten der Gebote. Jesus ist anders.
Was Johannes als Ideal und Forderung predigt, dieser Mann lebt es schon. Johannes fühlt das, weiß es.
Sollte er, Johannes, sich nicht von Jesus taufen lassen? So fragt
er ihn:
»Ich habe es nötig, von dir getauft zu wer den, und du kommst zu
mir?«
Aber sein Einwand wird zurück gewiesen: Lass es zu, jetzt! So ist es
Gott recht.
So ist es Gott recht: Jesus lässt sich von Johannes an die Hand
nehmen. Mit Herzklopfen vielleicht. Täufer und Täufling, beide
steigen in das Wasser, das kühl und erfrischend ist, aber auch
dunkel und beklemmend, wenn es über einem zusammenschlägt. Wenn man
untertaucht.
Man verliert die Orientierung. Oben und unten verschwimmen unter
Wasser. Kein Horizont, kein Weitblick. Doch es ist nur ein Moment.
Dann spürt der Täufling wieder festen Boden unter den Füßen, geht
die ersten Schritte an Land.
So ist es Gott recht: sein Kind, wie wir, getauft mit Wasser. Sein
Sohn, wie wir, untergetaucht und heraufgeholt aus einem bedrohlichen
Element. Gerettet aus dem Tod. Die Sintflut wird vom Regenbogen
überstrahlt. Hinter dem Kreuz leuchtet die Ostersonne.
So ist es Gott recht. Ob Jesus und Johannes schon wussten? Um
alles?
Der Täufling verlässt das Wasser. Hat er gefunden, was er gesucht
hat, Klarheit für seinen Weg, eine Bestätigung seiner Berufung?
Gut und Böse, schwarz und weiß, Spreu und Weizen, diese Unterscheidungen verblassen und werden für einen Moment unwichtig in dem Licht, das aus dem geöffneten Himmel leuchtet. Wie segnende Hände breiten sich die Flügel einer Taube aus. Gott kommt ganz nah. Keine unbekannte Macht hat Jesus aus dem Wasser gehoben, sondern der Gott, der sich aus dem Himmel selbst auf den Weg macht zu seinen Kindern.
Die Stimme dazu kommt vom Himmel. Hört Johannes die Worte? Hören die Menschen, die dabei waren, die Stimme? Jesus hört sie.
Ob sie ihm vertraut ist? Ob er anderes erwartet hat?
"Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe."
Keine Königsinthronisation, kein: Du sollst meinen Willen auf Erden
verkünden. Noch nicht: Du bist der Retter der Welt.
Aber statt dessen weniger- und doch viel mehr:
"Du bist mein geliebtes Kind, dem meine Liebe gilt."
Vor allem andern, vor Wegweisung und Berufungsbestätigung steht es:
Die Gewissheit, ohne Bedingung und ohne Vorleistung geliebt zu sein. In einer Beziehung zu stehen, die so unauflöslich ist wie die zwischen liebevollen Eltern und Kindern. Von einer Macht getragen zu sein, die sich so verantwortlich fühlt, wie ein Vater, eine Mutter für ihr Kind.
Das sagt Taufe. Die Taufe Jesu und unsere Taufe.
"Du bist mein geliebtes Kind, dem meine Liebe gilt."
Überrascht, verwundert wird Johannes gewesen sein. Hatte Gott an
diesem Menschen seine Bußpredigt bestätigt?
War er gegenüber Kritikern ins Recht gesetzt worden. Wir hören
nichts
davon. Es ist so, als ob Johannes am Ufer stehen bleibt. Er zieht
nicht
mit Jesus. Er bleibt zurück und sieht Jesus nach. Seine Aufgabe,
Jesus
zu taufen, ist er füllt.
Und die Zuschauer und Augenzeugen? Sie haben die Geschichte vom
Wasserbad und vom offenen Himmel weitererzählt. Bis heute. Bei jeder
Taufe sind sie dabei, wenn wir taufen auf den Namen des Gottes, der
uns nahe kommt in seinem Sohn, dessen Geist uns zu seinen Kindern
macht.
Und wir? Wenn wir als Christen und Christinnen in jedem Alter
unterwegs sind,auf der Suche, nach Klarheit, nach den richtigen
Entscheidungen, nach dem Sinn in unserem Leben,
dann können wir uns einen Moment an das Ufer stellen, an dem wir
getauft sind. Wir können die Fluten betrachten, die uns bedrohen,
die uns über uns zusammenschlagen, die wir bewältigen müssen. Aber
vor allem können wir die Stimme hören, die auch zu uns sagt:
"Du bist mein geliebtes Kind, an dem ich Wohlgefallen habe". Dann
sind wir bereit für jeden neuen Weg. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 25.02.09