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Hättest Du ihn dir größer vorgestellt?
Predigt am Ersten Weihnachtstag - 25. Dezember 2008
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe

Zugegeben,
es gibt eindrucksvollere Bilder von Weihnachtssternen. Und es gibt
auch eindrucksvollere Sterne, sicherlich. Und doch habe ich Ihnen
dieses Bild mitgebracht. Ein Bild von dem silbernen Stern, der in
der Geburtsgrotte in Bethlehem den Platz markiert, an dem Jesus zur
Welt gekommen sein soll. Aufgenommen wurde es im Oktober diesen
Jahres, bei unserer ökumenischen Gemeindereise.
1717 wurde der Stern in der Geburtsgrotte angebracht, seine 14
Zacken symbolisieren die Generationen im Stammbaum Jesu. 14 von
Abraham bis David, vierzehn Generationen von David bis zur
Babylonischen Gefangenschaft und von der Babylonischen
Gefangenschaft bis zu Christus vierzehn Generationen, so überliefert
uns Matthäus.
Hic de Virgine Maria Jesus Christus natus est - Hier wurde von
der Jungfrau Maria Jesus Christus geboren, so die Inschrift auf dem
Stern.
Wie gesagt, es gibt eindrucksvollere Sterne, prächtigere. Aber ich
vermute, kaum ein Stern ist so sehr Symbol für das
Weihnachtsgeschehen wie dieser hier.
Wir suchen ja Sterne meist über unseren Köpfen, am Himmel.
Orientierung sollen sie geben, unsere Nächte etwas heller und
freundlicher machen. Am liebsten sollen sie hell strahlen, wie
Fenster zu einer anderen Welt sein. Seit jeher haben Menschen ihre
Sehnsüchte mit Sternen verknüpft.
Dieser Stern findet sich auf der Erde, in einer Grotte.
Wahrscheinlich bliebe er unbeachtet, wenn man sich nicht aufmacht,
ihn zu suchen.
Er sieht ein bisschen zusammengeflickt aus, hier etwas angelötet,
dort eine Schraube verstärkt.
Der Stern hat ja auch eine bewegte Geschichte hinter sich: 1847
wurde er von Christen entfernt, manche sagen gestohlen. Ein
muslimischer Sultan hat ihn fünf Jahre später neu anbringen lassen.
Und doch entzündeten sich Streitigkeiten, die als Vorwand für einen
furchtbaren Krieg genutzt wurden, den Krimkrieg, Mitte des 19.
Jahrhunderts.
Mehr als einen verheerenden Brand hat er überstanden. Krieg und
Belagerung.
Mehr als zwei Jahrhunderte lang schon kommen Menschen aus aller
Herren Länder, beten und berühren den Stern, das Symbol des Herrn
aller Herren.
"Hast du ihn dir größer vorgestellt?" fragt der Dichter Rainer Maria
Rilke in einem Gedicht, das den Titel „Geburt Christi“ trägt.
Hast du ihn dir größer vorgestellt?
Ja, ehrlich gesagt, wir Menschen hätten ihn uns größer vorgestellt,
bedeutender gewünscht. Denn für all unsere Probleme hier auf dieser
Welt hätte es schon einen ganzen Kerl gebraucht, eigentlich besser
einen Superhelden, der überzeugender wirkt, der überwältigender in
Erscheinung tritt.
Hättest Du ihn dir größer vorgestellt?
Ich glaube, dieser Stern passt gut zu der Stelle, an der der Herr
des Himmels sich als Menschenkind erdete.
In einer Grotte versteckt, auf dem Erdboden, nicht ganz reinlich,
nicht perfekt in Form und Ausführung, aber mitten in der
Menschengeschichte mit allem Unfrieden, Streit und Konflikten.
Angreifbar, aber deshalb eben auch erreichbar.
Beim zweiten Nachdenken hätte ich ihn mir zwar größer vorgestellt,
aber gewünscht hätte ich mir keinen Superhelden, der über die Köpfe
hinweg alles regelt, unantastbar, unnahbar.
Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass Gott diesen Weg wählt, um
uns Menschen zu finden, aber ich bin unendlich froh darüber.
Froh über diesen Gott, der Menschenleben teilt und Menschenalltag.
Froh über Gott, der meine Sorgen und meine Freude kennt, meine
Ängste und meine Träume. Froh über diesen Gott an meiner Seite. Froh
über diesen Gott, der sich anrühren lässt von uns Menschen.
Froh, staunend und glücklich über diesen Gott, über den Hanns Dieter
Hüsch geschrieben hat
Du bist ein heruntergekommener Gott
mit dem Vieh
in einem Stall
den Armen unter einem Dach
zwielichtigen Gestalten
steckst du unter einer Decke
Gott-sei-Dank
müssen wir dich nicht mehr
in den Himmel predigen
und dich in den Weiten allen Alls suchen
und uns selber verlieren
Du hast uns gefunden
auf der Erde
mit Anfang und Ende
in Freud und Leid
Du bist ein heruntergekommener Gott
wenn auch der Weihrauch bald verdampft
und wir uns an den Stallgeruch
gewöhnen müssen
wenn sie dich auch aufs Kreuz legen
du aber die Leichtigkeit erfährst
weil du das Schwerste erlitten hast
Ein Glück dass du
die Erde wieder mit dem Himmel verbindest
und ich mich nicht klein machen muss
du, mein zu mir heruntergekommener Gott. Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe
29.12.08