
Annehmen, dass wir angenommen sind, obwohl wir unannehmbar sind, das ist die Grundlage für den Mut des Vertrauens
Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis, 23. August 2009
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
I. Reihe: Lk 18, 9-14
Jesus sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem
Herrn Jesus Christus. Amen
Da gehen sie nun aus dem Tempel nach Hause, liebe Gemeinde, der
Pharisäer und der Zöllner. Und auch wenn wir das Gleichnis Jesu
nicht eben gehört hätten, dann hätten wir trotzdem so ein Gefühl, so
eine Ahnung, wenn diese Worte fallen: Pharisäer----Zöllner.
Pharisäer, das sind die, die Jesus das Leben schwer machen, ihm
Fangfragen stellen, ihn am Ende ans Kreuz ausliefern.
Und Zöllner, das sind die, die zwar nach außen hin schlecht, aber im
tiefsten Innern doch wohl gute Kerle sind. Manchmal sind sie klein
von Statur- aber immer haben sie am Ende große Herzen.
Da können wir ja alle hier froh sein und Gott danken, dass wir nicht
sind wie diese Pharisäer damals, diese Glaubensfanatiker und
Wortverdreher....
Da gehen sie nun nach Hause, die beiden, Pharisäer und Zöllner, und
ich möchte sie aufhalten. Möchte zu ihnen sagen: Halt, wartet, geht
nicht so einfach davon, nicht mit Gottes Vergebung und erst recht
nicht ohne.
Möchte fragen: Wie ist es gekommen, dass ihr so betet- und nicht
anders? Welche Geschichte, welche Erfahrung steckt in deinem Gebet,
Zöllner, welche in deinem, Pharisäer?
"Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott,
dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Betrüger,
Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal die Woche
und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme."
Wie wichtig muss es für den Pharisäer sein, anders zu sein als die
anderen. Er sucht nicht die Gemeinschaft der anderen Beter, er steht
allein da für sich. Er ist doch nicht wie die andern, die Gottes
Willen nicht beachten. Er ist nicht wie dieser Zöllner, der sich am
Gut der anderen bereichert. Er gibt mehr als er soll, viel mehr, er
fastet mehr, als die Thora es fordert- was treibt ihn dabei? Warum
hat er es nötig, die anderen, ja auch den, der mit ihm im Tempel
ist, derart zu erniedrigen, ihn niederzumachen, blind für die
Schuld, die er dabei auf sich lädt?
Ob er Angst hat, dass Gott ihn sonst nicht wahrnimmt, ihn übersieht,
sein Gebet nicht hört?
Oder ob er Angst hat, dass die anderen Menschen ihn nicht beachten?
Dass er nichts gilt in der Gesellschaft? Dass er unbedeutend ist,
einer unter vielen?
Warum vergleichen Menschen sich, warum vergleichen wir uns mit
anderen?
Vielleicht ist die einfachste Antwort: Weil wir besonders sein
wollen, einzigartig- und meinen, das das nur im Bessersein gelingt.
Vielleicht, weil wir gelobt werden wollen, von anderen, von uns
selbst, von Gott??
Vielleicht vergleichen wir uns mit anderen, weil es so schwer zu
verstehen, manchmal so schwer zu glauben ist, dass Gott uns liebt,
uns einzigartig gemacht hat, ohne unser Zutun;
Vielleicht vergleichen wir uns mit anderen, weil es fast unglaublich
ist, dass wir vor Gott bestehen können, ohne Schuld zu beschönigen,
ohne Selbstbetrug und Angst. Zusammen mit allen anderen, die unsere
Schwestern und Brüder sind.
Das würde ich dem Pharisäer so gerne sagen: damit er nicht mehr
alleine stehen muss, damit ihm die Last abgenommen wird, immer und
ewig der beste zu sein, damit er sich selbst mit offenen Augen für
seine Fehler und Schuld ansehen kann und dabei Gottes Barmherzigkeit
erfährt.
Und der Zöllner? "Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch seine
Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und
sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!"
Was ist ihm wohl geschehen, das ihn mit diesen Worten in den Tempel
gebracht hat? Denn wir müssen uns darüber im Klaren sein: Dieser
Mensch war einer, der sich wirklich an den anderen bereicherte; der
sich an anderen schadlos hielt.
Aber: Etwas hat sein Bewußtsein verändert, seinen Blick auf sich
selbst ehrlich gemacht.
Sind wir zu solcher Ehrlichkeit fähig? Was öffnet uns die Augen
dafür, dass auch wir nicht ohne Schuld durchs Leben kommen?
Vielleicht ist es der Gang durch den Supermarkt, wo die Milch unter
Herstellerpreis verkauft wird und die schönen Rosen die
Arbeiterinnen, die sie binden, krank machen? Anonyme Schuld unseres
Systems- und wir gehören dazu. Vielleicht ist es der Schatten der
Verletzung, den wir an dem sehen, dem wir Unrecht tun, der uns
unsere Schuld bewußt macht. Persönliche Schuld, die wir begehen.
Bei Zachäus war es das Wort Jesu, das ihn in Erkenntnis seiner
Schuld in die Gemeinschaft mit Gott und den Menschen zurückbrachte:
Ich möchte heute bei dir essen. Aber so weit kommt dieser Zöllner
hier noch nicht, ist gebunden an die wahrhaftige Erkenntnis seiner
Taten. Aus dem Selbstbetrug des Pharisäers ist er erlöst. Er weiß:
Was er getan hat, war falsch. Aber nun steht er ferne, fühlt einen
fast unüberbrückbaren Abstand zu Gott. Er fühlt die Schuld, die
drückt, viel mehr als die Gnade, die er doch sucht. Ob er spüren
konnte, dass er mit dieser Gnade, in dieser Gnade und Barmherzigkeit
nach Hause gehen durfte? Ob er sein Leben ändern konnte, danach? Das
wünsche ich mir, dass der Zöllner beim nächsten Mal nicht mehr ferne
steht, sondern in Gottes Nähe bleibt.
Da gehen sie nun aus dem Tempel nach Hause, liebe Gemeinde, der
Pharisäer und der Zöllner.
Wie schön wäre es, sie würden zusammen gehen: befreit von
Selbstgerechtigkeit, erlöst von seiner Angst, nicht der beste zu
sein, offen für Gottes Barmherzigkeit der eine;
erlöst von Schuld, befähigt zum Tun des Guten, im Vertrauen auf
Gottes Gnade der andere.
Und wir?
"Annehmen, dass wir angenommen sind, obwohl wir unannehmbar
sind, das ist die Grundlage für den Mut des Vertrauens". Diesen
Satz hat der Theologe Paul Tillich gesagt.
"Annehmen, dass wir angenommen sind, obwohl wir unannehmbar
sind, das ist die Grundlage für den Mut des Vertrauens".
Eigentlich ist der Satz zu schade nur für den Schluss einer Predigt,
aber er hat mich die ganze Zeit beim Schreiben begleitet, und
deshalb möchte ich ihn weitergeben.
So schuldig und verstrickt wie wir sind, in unsere persönliche
Schuld und in die Schuld unserer Gesellschaft, so unannehmbar, wie
wir sind, nimmt Gott uns an. Wir dürfen unsere Hände aufhalten und
dieses Geschenk annehmen. Vertrauen wird uns daraus erwachsen und
Mut zum Reich Gottes.
"Annehmen, dass wir angenommen sind, obwohl wir unannehmbar
sind, das ist die Grundlage für den Mut des Vertrauens". Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 17.09.09