
Ins Land des Glaubens
Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis - 13. September 2009
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
I. Reihe: Lk 17, 11-19
Und es begab sich, als Jesus nach Jerusalem wanderte, daß er durch Samarien und Galiläa hin zog. Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser! Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein. Einer aber unter ihnen, als er sah, daß er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde? Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.
Friede sei mit euch von dem der da war, der da ist und der da kommt. Amen.
Liebe Gemeinde,
"das Schlimmste am Geschenkekriegen ist, dass man dann anrufen und
"Danke" sagen muss, sagt die 7jährige nach ihrem Geburtstag.
Wie wohl jeder weiß, der sich ein bißchen an seine Kindheit
erinnert, geht es dabei um Schüchternheit und um so ein merkwürdiges
Gefühl von erzwungenem Danken. Man fühlte sich gerade so reich an
all dem, dessen glücklicher Besitzer man geworden war, und dann soll
es plötzlich nur darum gehen, wer es gegeben hat. In gewisser Weise
ist es der Preis, wenn man ein Geschenk bekommt. Man schuldet
Dankbarkeit. Das macht Danke-Sagen schwierig.
Vielleicht hören wir deshalb auf damit, "Danke" zu sagen, wenn wir
erwachsen sind- zumindest schränken wir es ziemlich ein.
Und wir tun das, indem wir versuchen, uns zu revanchieren, zu
bezahlen, zurückzuschenken. Lieber nichts schuldig bleiben. Wer
"Danke" sagt, hat manchmal oder oft?? das Gefühl wie in der
Kindheit: ein Gefühl, klein, unbedeutend und auch abhängig zu sein.
...und auch ganz anders:
"Danke" sagt die Oma zu ihrem Enkelkind, das gerade neun Monate alt
ist und zum fünften Mal mit Inbrunst und großer Freude die Rassel
auf den Tisch zwischen den beiden geknallt hat. "Danke" sagt sie,
hebt die Rassel auf und gibt sie mit mit einem genauso freudigen und
von Herzen kommenden Lachen zurück.
"Danke" sagt der Nachbar, wenn das dreijährige Nachbarskind ihm beim
Heckeschneiden die absolut kippfeste Leiter mit wichtiger und
entschlossener Miene festhält, "Danke" sagt der Nachbar mit ebenso
wichtiger und fester Stimme. "Ohne dich hätte ich das nicht
geschafft."
"Danke", sagt die Freundin nach dem Telefonat, in dem sie viel
erzählt und auch geweint hat, "Danke", sagt sie, dass du Zeit für
mich hattest. Jetzt geht es mir besser. Jetzt kann ich schlafen. "
"Danke" sagen wir, wenn wir uns – und sei es nur einen kleinen
Augenblick- ernsthaft einlassen auf das, was in solchen Momenten
geschieht, die wir alle schon erlebt haben.
"Danke"- das meint dann nicht das Einüben von Höflichkeitsformen
oder guten Manieren. "Danke", das sagt gerade in diesen Momenten der
Begegnung:
Ich habe dich und das, was du mir gibst, gesehen. Es ist nicht
selbstverständlich, dass du mir gibst, was du geben willst und
kannst. Es ist nicht selbstverständlich dass du hier bist.
Danken, liebe Gemeinde, bewegt sich im Grenzland von Höflichkeit und guter Erziehung, von echter Begegnung und großer Nähe, im Grenzland von kindlicher Abhängigkeit, die wir hinter uns lassen wollen und der Freiheit und dem Glück, anzusehen und anzunehmen, was ein anderer uns aus freien Stücken gibt.
Und so, wie Danken eine Wanderung in diesem Grenzland ist, sind
auch die 10 Aussätzigen, von denen wir eben gehört haben, in einem
Grenzland unterwegs: im Grenzland zwischen Galiläa und Samarien,
zwischen den Ausgestossenen und den Menschen der Dorfgemeinschaften,
zwischen Gesundheit und Krankheit, im Grenzland von Gottesferne und
Glauben.
Zwischen Galiläa und Judäa lag Samarien, das Land der fast
Ungläubigen, Kinder Abrahams und doch nicht im Bund Gottes mit
seinem Volk- aber doch verschwistert mit ihnen.
Die Krankheit aber, Aussatz, Lepra, trifft Galilääer wie Samariter
gleichermaßen. Ausführlich ist der Umgang mit den Kranken und ihrer
Krankheit geregelt: die Feststellung durch die Priester, die
Absonderung von den Gesunden, die Möglichkeit, durch Heilung und das
Urteil der Priester wieder aufgenommen zu werden in die Gemeinschaft
der Gesunden, in das alten Leben, in das Leben. Wie oft oder wie
selten mag das vorgekommen sein?Leben im Grenzland von Hoffnung und
Verzweiflung!
Gottes Wille ist es nicht, dass Menschen dort leben müssen. Das Heil
und Glück der Menschen, auch ganz leiblich betrachtet, liegt Jesus
am Herzen. Er schickt sie hin, sich den Priestern zu zeigen. Auf dem
Weg werden sie heil, gehören wieder ins Leben.
Und dann kehrt einer um, lobt Gott für sein Gesundwerden, gibt ihm
die Ehre, dankt Jesus.
Nicht weil ihm einer gesagt hat: du musst dich noch bedanken.
Nicht, weil Konvention es vorgegeben hätte- neun andere stören sich
auch nicht daran.
Er lässt sich nicht aufhalten davon, dass Danken ihn klein machen
könnte, abhängig.
Er hat erfahren: Gott ist der, der Himmel und Erde gemacht hat,
der Treue hält ewiglich, der Recht schafft denen, die Gewalt leiden,
der die Hungrigen speist, der die Niedergeschlagenen aufrichtet.
Diesem Gott ist er begegnet, an diesem Gott hängt er, diesem Gott
dankt er. Das gibt dem Samariter ein neues Leben in Stärke, Freiheit
und Würde- und uns wohl auch.
Liebe Gemeinde,
"Danke, Gott", das sagt gerade in den Momenten der Begegnung:
Ich habe dich und das, was du mir gibst, gesehen, Gott. Es ist nicht
selbstverständlich, dass du mir gibst, was du geben willst und
kannst: ein Leben in der Gemeinschaft, befreit von Lasten, gestützt
auf dem Weg. Es ist nicht selbstverständlich dass du hier bist, bei
mir, mein Gott.
Wenn wir Gott danken, dann verlassen wir das Grenzland der
alltäglichen Gottesferne. Wir betreten das Land des Glaubens, wo
Gott uns erwartet. Wir verlassen die Selbstverständlichkeit eines
gesunden, alltäglichen Lebens hin zum Dank für ein wunderbares
Geschenk.
Der Samariter hat erfahren, was er bekommen hat, was wir bekommen
von Gott bis heute:
unser Atmen, unser Aufstehen,
unser Essen und Trinken,
unsere Arbeit, unsere Begegnungen,
unsere Grenzen, unsere Lebenskraft.
Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 17.09.09