
Singt und tröstet weiter
Predigt am 15. Sonntag nach Trinitatis - 20. September 2009
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
25 Jahre Kantorei
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus,
unserm Herrn. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
25 Jahre Kantorei – meine Predigt dazu habe ich bereits am 23.August
gehört, und zwar in Hamburg-Marmstorf in einer riesigen
Baumschulenhalle. Denn im Rahmen des Schleswig-Holstein Festivals
habe ich dort – erst dachte ich, zufällig, jetzt weiß ich, es war
Fügung – ein wunderschönes Konzert vom Akademiechor des Festivals
unter der Leitung von Peter Schreier erleben dürfen. Nicht allein
die einzigartig vorgetragen Motetten von Bach und Mendelssohn waren
es, die mich so berührt haben, sondern vor allem die Begegnung mit
Peter Schreier.
Peter Schreier wurde 1935 in Meißen geboren und beschäftigt sich
seit seinem 10. Lebensjahr mit Johann Sebastian Bach. Er wurde als
kleiner Kerl schon „Kruzianer“, d.h. er wurde Mitglied im Dresdner
Kreuzchor. Einzigartig waren seine Leistungen als Evangelist in den
großen Bach-Oratorien. Ein Ausnahmekünstler, der heute nicht mehr
singt, aber der sich als Dirigent einen Namen macht – doch darum
soll es heute nicht gehen.
Am 23.August, in dieser riesigen Baumschulen-Halle in Hamburg-Marmstorf
hat Peter Schreier über sich, seine Liebe zur Musik und seinen
Glauben erzählt. Er wurde vom Radioreporter aufgefordert, den Satz
zu beenden: „Johann Sebastian Bach ist für mich …“ und er sagte: „…
der Anfang aller Musik, zumindest der abendländischen“. Bach habe
sich durch sein Leben gezogen und Bach sei für ihn „sein
Glaubensbekenntnis.“ Der Reporter fragte nach: „Ich habe mal einen
Satz gelesen: Durch Johann Sebastian Bach sind mehr Menschen zum
Glauben gekommen als alle Predigten zusammen.“ Und Peter Schreier
antwortete mit einem verschmitzten Lächeln: „Den Satz würde ich für
mich in Anspruch nehmen“. „Sind Sie durch Bach gläubig geworden?“
war die Nachfrage. „Nicht ganz allein. Mein Vater als
protestantischer Kantor war da einfach festgelegt und da bin ich am
Anfang ohne nachzudenken hineingewachsen. Und da passt die Literatur
Bachs wunderbar hinein. Bis heute habe ich mir diesen Glauben
bewahren können.“
Bis heute – Peter Schreier hat den Untergang Dresdens als Kind
erlebt, die Unfreiheit der DDR, Diktatur und Atheismus, dann den
Mauerfall, aber seinen tiefen Glauben hat er sich bis heute
erhalten. Aufgesogen wie die Muttermilch, wie er sagte, mit der
Musik Bachs.
Protestantische Kirchenmusik schafft Glauben, der tragfähig ist. Das
ist die Aussage. Die Person, die Persönlichkeit Peter Schreier steht
dafür. Und wir brauchen als Christen solche Vorbilder.
Aber da ist noch mehr. Heute arbeitet Peter Schreier als Dirigent
gerade mit jungen Sängerinnen und Sängern aus aller Herren Länder.
Worauf es ihm in der Arbeit mit ihnen ankommt, sagt er so: „Es ist
immer dasselbe: Es kommt nicht darauf an, schöne Töne zu
produzieren, sondern mitzuempfinden, zu verstehen, zu erleben, was
der Text sagt. So zu singen im Chor, dass die Menschen, die es
hören, tief angerührt werden, überzeugt werden, dass es wahr ist,
was der Text aussagt.“ Das gilt für protestantisch-geistliche
Chormusik ganz besonders. Da kommt diese Einstellung überhaupt erst
her. So werden Menschen angerührt, so wird Musik spannend,
überwältigend, mitreißend und öffnet neue Horizonte – nicht durch
das „Produzieren schöner Töne“, sondern durch tiefe innere
Überzeugung, dass der Text richtig und wichtig ist, den die Musik
lediglich transportieren soll.
Was er damit meinte, wurde deutlich, als der Chor danach die
Bachmotette: „Komm, Jesu, komm“ sang. Die Menschen waren so
ergriffen – übrigens genauso bei den Stücken von Mendelssohn zuvor –
dass nicht wenigen die Tränen in den Augen standen. Ich kann Ihnen
auch ganz klar sagen warum: Die Menschen sahen diese jungen Leute
aus aller Herren Ländern, gesegnet jede und jeder für sich mit
großer Musikalität und wirklich tollen Stimmen - und auf einmal hat
man das übergroße Gefühl gehabt: Jeder dieser jungen Menschen GLAUBT
das, was er, was sie singt. Sie wünschen sich inbrünstig – genauso,
wie es komponiert ist - dass ihr Herr Jesus nun kommen möge und sie
trösten in ihrem Leid. Es war so glaubwürdig, so echt, so
überzeugend.
Und das war das Wunderbare, was Peter Schreier geschafft hatte – und
er war es nicht allein, da war auch der Heilige Geist am Werk. Er
hat diese Menschen, von denen sicher nur ein Bruchteil getauft war
und ein wahrscheinlich noch geringerer Bruchteil die Bibel und den
christlichen Glauben vorher kannte, so von der Wahrheit des TEXTES
überzeugt, dass sie ihn mit dem Instrument ihrer begnadeten Stimmen
weitergeben konnten. Auf einmal WAREN sie die Glaubenszeugen, die
ganz tief im christlichen Grundzeugnis verwurzelt waren und mit den
1500 Zuhörerinnen und Zuhörern aus tiefster Seele nur diesen Wunsch
hatten: „Komm, Jesu, komm.“
Es war kein Zweifel da, dass Jesus wirklich kommen könnte. So
überzeugend war das Erlebnis. Jeder hörte es, sah es an den
Gesichtern der jungen Menschen, fühlte es im Herzen. Peter Schreier
hatte es ihnen vermitteln können: Glaubt das, was ihr singt. Ich bin
überzeugt, viele von euch hier werden verstehen, wovon ich rede,
wenn sie den Mittschnitt dieser Motetten hören.
Natürlich war das nur ein Moment, flüchtig und nicht für die
Ewigkeit. Jäh abgebrochen, als mitten in die schönste Stelle ein
Handy hinein klingelte, was auch noch – wie sich nachher
herausstellte –das Handy des Meisters selbst, nämlich Peter
Schreiers war, das er vergessen hatte, abzustellen. Aber er nahm
auch das mit einem verschmitzten Lächeln. Vielleicht ist es ganz gut
zu wissen, dass hier auf der Erde noch nicht das Paradies ist, dass
wir hier auf der Erde trotz aller schönen Musik mit ganz profanen
Problemen zu kämpfen haben, dass unsere Welt nicht heil, nicht immer
harmonisch ist.
Aber gerade weil das wahr ist, brauchen wir solche Momente wie sie
protestantische Chormusik schenken kann. Und wir brauchen solche
Vorbilder wie Peter Schreier. Den Glauben, den wir wie die
Muttermilch mit Bach aufsaugen, kann so schnell nichts erschüttern.
Gerade weil unsere Welt so unharmonisch, so zerrissen, oft so
unerträglich ist, brauchen wir diesen Blick über die Grenze unserer
Welt hinaus.
Nicht um das schöne Singen geht es, protestantische Chormusik ist
immer Interpretation des biblischen Textes. Der Text ist das
Wichtige. Der Text soll transportiert werden und die Herzen derer
erreichen, die zuhören.
Peter Schreier hat das Bachsche „Jesu meine Freude singen lassen.“
Und er hat den Text der 2. Strophe „unter deinen Schirmen bin ich
von den Stürmen aller Feinde frei. Lass den Satan wettern, lass die
Welt erzittern, mir steht Jesus bei“ mit solch einer Kraft singen
lassen, dass in diesem Moment kein Zweifel möglich war: Mir steht
Jesus bei.
25 Jahre Kantorei Bad Lippspringe – vielleicht habt Ihr es gemerkt,
ich habe die ganze Zeit auch von Euch geredet. Und von eurem Leiter.
Geistliche Musik als Glaubenszeugnis, der Text ist das Wichtigste –
wie oft habt ihr das beherzigt. Ein schöner, treffender Ausdruck:
beherzigt. Ihr habt aus vollem Herzen gesungen und ihr habt die
Herzen anderer erreicht. Ihr habt Spuren hinterlassen, ich sage
auch: Ihr habt Glauben geweckt und Glauben gestärkt. Sicher auch
durch eure so fröhliche, unkomplizierte und vorurteilsfreie
Gemeinschaft Halt und Hoffnung vermittelt. Aber eben nicht nur durch
die Gemeinschaft. Durch euch haben andere Halt und Hoffnung im
Glauben gefunden. Sie konnten mit euch lachen aber auch mit euch
weinen. Und sie wurden durch euch in ihrem Glauben bestärkt, in dem
sie dann friedlich sterben konnten. Unsere Gedanken gehen gerade
jetzt an diese unvergesslichen Kantoreimitglieder und was uns heute
noch mit ihnen verbindet. Sie haben nun Teil an der Auferstehung,
von der ihr so oft singt.
Singt und tröstet weiter. Menschen brauchen diesen Trost. Es ist der
Trost des Evangeliums, der Trost Jesu. Komm, Jesu, komm. Und dann
ganz laut, dass das Herz aufgeht: Mir steht Jesus bei.
Amen.
Der Link zum Interview mit Peter Schreier: www.ndrkultur.de/media/audio13674.html
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 20.09.09