
Advent: Warten auf das Kommen Christi
Predigt zum 2. Advent - 7. Dezember 2008
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
I. Reihe: Lukas 21, 25-33
Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond
und Sternen; und auf Erden wird den Leuten bange sein, und sie
werden zagen, und das Meer und die Wassermengen werden brausen, und
Menschen werden verschmachten vor Furcht und vor Warten der Dinge,
die kommen sollen auf Erden; denn auch der Himmel Kräfte werden sich
bewegen. Und alsdann werden sie sehen des Menschen Sohn kommen in
der Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses
anfängt zu geschehen, so sehet auf und erhebet eure Häupter, darum
daß sich eure Erlösung naht.
Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Sehet an den Feigenbaum und alle
Bäume: wenn sie jetzt ausschlagen, so sehet ihr's an ihnen und
merket, daß jetzt der Sommer nahe ist. Also auch ihr: wenn ihr dies
alles sehet angehen, so wisset, daß das Reich Gottes nahe ist.
Wahrlich ich sage euch: Dies Geschlecht wird nicht vergehen, bis daß
es alles geschehe. Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte
vergehen nicht.
Liebe Gemeinde,
Unser Adventskranz hat in diesem Jahr die ursprüngliche Form, die
von Johann Heinrich Wichern erfunden wurde, dessen 200.Geburtstag
wir in diesem Jahr feiern. Für jeden Tag eine Kerze – und für jeden
Sonntag eine dicke. Jede Kerze hat eine besondere Bedeutung, die
sich vom Evangelium des jeweiligen Adventssonntags begründet:
1.Advent: Der Einzug Jesu in Jerusalem; 2.Advent: Der buchstäblich
2.Advent, nämlich die 2.Ankunft Jesu in der Welt, seine Wiederkunft
zum Gericht; dann der 3.Advent: Johannes der Täufer, der Vorläufer
Jesu und zum Schluss der 4.Advent: Sie steht für Maria, die Mutter
Jesu und ihren Lobgesang.
Der 2.Advent – die Wiederkunft Jesu am „Jüngsten Tage“, seine
2.Ankunft in der Welt – sicherlich ein schwieriges Thema mitten in
dieser vorweihnachtlichen Zeit. Aber seit je her gehört dieses Thema
in die Adventszeit: Noch immer steht die Vollendung des Kommens
Gottes in unsere Welt aus. Viele Menschen meinen, es wird langsam
Zeit, dass Gott endlich noch einmal wiederkommt. So kann es nicht
weitergehen mit der Welt, Gott muss nun wirklich für alle sichtbar
eingreifen.
Dieser Erwartung tragen viele Aussagen und Abschnitte im Alten und
Neuen Testament Rechnung.
Im folgenden sollen – in Auswahl – einige dieser Ankündigungen
vorgestellt werden, die meisten aus Predigttexten, die für diesen
Sonntag vorgeschlagen sind.
Der Prophet Jesaja nennt Freude als das Ziel der Hoffnung Israels.
„Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit
Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne
werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen“ (Jesaja
35,10).
Im selben Prophetenbuch wird das Neue betont, das Gott bringen will:
„Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde
schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht
mehr zu Herzen nehmen wird“ (Jesaja 65, 17).
Auch für Jesus ist die Welt etwas Vorläufiges, ihrem Ende wird
Schreckliches vorangehen. In seiner Endzeitrede – wir haben sie eben
als Evangeliumslesung gehört – sagt er nach Lukas: „Es werden
Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird
den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und
Wogen des Meeres …“ (Lukas 21,25).
In derselben Rede spricht er von sich zunächst in der 3.Person – und
von dem, was bleibt: „Alsdann werden sie sehen den Menschensohn
kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit … Himmel und
Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht“ (Lukas 21,
27.33).
In der Endzeitrede, wie sie Matthäus überliefert, wird den Christen
gesagt, wie sie sich verhalten sollen: „Wer aber beharrt bis ans
Ende, der wird selig“ (Matthäus 24,13).
Ähnlich äußert sich der Jakobusbrief: „So seid nun geduldig, liebe
Schwestern und Brüder, bis zum Kommen des Herrn“ (Jakobus 5,7).
Vor allem das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes,
lenkt die Blicke auf das zu Erwartende, auch zu Befürchtende. Wir
werden die Vorläufigkeit unserer Welt erinnert, und uns wird die
richtige Haltung aufgezeigt.
Im so genannten Sendschreiben an Philadelphia heißt es als Wort des
erhöhten Christus: „Ich will dich bewahren vor der Stunde der
Versuchung, die kommen wird über den ganzen Weltkreis. Siehe, ich
komme bald; halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme“
(Offenbarung 3,10f.)
Alle diese biblischen Aussagen lassen sich mit dem Wochenspruch
zusammenfassen, der alle Jahre wieder zum 2.Advent erklingt.
In Lukas 21,28 heißt es, und Jesus sagt es in seiner Endzeitrede:
„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“
Denn Jesus ist nicht in die Welt gekommen, dass wir eine rührselige
Advents- und Weihnachtszeit feiern könnten. Er hat viel mehr gewollt
und erreicht. Wäre Gott nicht Mensch geworden in Jesus Christus,
dann hätte wir Menschen keine Zukunft, keine Rettung. Dann hätten
wir in der Tat keinen Grund unsere Häupter zu erheben und zu hoffen.
Wir haben viel durch Verstand und Technik erreicht, aber für unsere
Erlösung haben wir eben nichts auf die Beine gestellt. Im Gegenteil:
Eine Welt ohne Christus, ohne Gottes rettendes Eingreifen, wäre ein
für allemal verloren.
Deshalb lassen sich Ende der Welt und Advent sich nicht trennen. Die
Ursache unserer Freude ist die Geburt des Erlösers, und der Sinn der
Adventszeit ist die Vorbereitung darauf. Es spielt keine Rolle, ob
wir uns auf sein Kommen in diesem Jahr zur Weihnachten vorbereiten
oder auf sein letztes Kommen. Es gibt keinen Unterschied in den
Vorbereitungen. Er will immer, dass wir ihn erwarten, er will, dass
wir immer und zu jeder Zeit mit ihm rechnen und er will, dass wir
sein Kommen recht verstehen, nicht als Drohung, sondern als Zusage,
nicht als die große Katastrophe, sondern als die Erlösung, in der er
uns von annimmt, so wie wir sind - ein Grund, mit erhobenen Häuptern
nach vorn zu schauen.
Wenn es wahr ist, dass Gott kommt, dann können wir nicht so bleiben
wie wir sind. Dann können wir mutig werden, tapfer. Denn dazu wurde
Gott Mensch, dazu kommt er wieder: dass wir getrost sind, dass wir
schon jetzt hier in diesem Leben die Fülle seiner Gnade empfangen
können. Niemand unter uns muss sich verstecken oder weglaufen.
Seht auf und erhebt eure Häupter - eben nicht, weil ihr eure
Vernichtung, sondern eure Erlösung erwartet. Im Abendmahl können wir
uns dessen versichern: Die Schuld ist überwunden, die Gnade kann uns
erreichen. Wir brauchen nicht auf Abstand zueinander, nicht auf
Abstand zu Gott gehen. Himmel und Erde werden vergehen, aber Gott
bleibt und schützt uns. Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 07.12.08