
Glaube ist Aufbruch
Predigt am 2. Sonntag nach dem Christfest - 4. Januar 2009
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
I.Reihe: Lukas 2, 24-28:
Jesu Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passahfest. Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wussten’s nicht. Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagesreise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. Und das sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn. Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und sein Mutter sprach zu ihm: „Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.“ Und er sprach zu ihnen: „Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte. Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus,
unserm Herrn. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
das war aber einer, der Junge Jesus. Vielleicht ganz gut, dass in
unserer Bibel nur diese eine Geschichte vom Jungen Jesus überliefert
ist. Es gibt noch viel mehr, etwa im Kindheitsevangelium des Thomas,
das keinen Eingang in die Bibel gefunden hat und einen manchmal
richtig ungezogenen Jesus schildert.
Lukas vollendet mit dieser Begebenheit die Geburtsgeschichte des
Heilands. 12 Jahre ist Jesus alt. Mit 13 wird man zur damaligen Zeit
religionsmündig, vorher muss man in Glaubensfragen dem folgen, was
die Eltern wollen. Aber folgsam ist Jesus nicht. Man stelle sich das
vor: bei der alljährlichen Wallfahrt nach Jerusalem, mitten unter
Zehntausenden von Pilgern ist dieser Junge einfach weg.
Maria und Josef scheinen ihren Sohn zu kennen als einen, der macht,
was er will ohne sich abzumelden. Mit den Verwandten ist er
vielleicht schon abgereist. Eine Tagesreise weit marschieren die
Eltern los, vielleicht zu einem verabredeten Treffpunkt, so, wie man
es heute noch macht: Wenn wir uns verlieren, dann treffen wir uns da
und da. Das war damals noch nötig so, es gab noch keine Handys.
Aber am verabredeten Treffpunkt war Jesus auch nicht. Also wieder
zurück nach Jerusalem. Jetzt wurde es beängstigend. Der Junge,
mitten unter Fremden in einer unbekannten Stadt, bei all dem
hergelaufenen Touristen … wenn da mal nichts passiert ist. Jeder von
uns kann nachempfinden, wie es den Eltern gegangen ist. Die Mutter
krank vor Angst, der Vater wütend und schlecht gelaunt. Und dann
finden sie ihn: Er sitzt seelenruhig im Tempel und diskutiert mit
den Erwachsenen. Die Mutter Maria zieht ihm gleich verbal die Ohren
lang. Josef, wie immer der Statist, steht schweigend daneben. Und
dann gibt dieser Sohn noch Widerworte: „Warum habt ihr mich gesucht?
Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“
Maria und Josef trauen ihren Ohren nicht. Beruhigend für uns
wenigstens der Hinweis des Lukas, dass Jesus dann doch mitging nach
Nazareth und seinen Eltern „untertan“ war. Und Maria bleibt wieder
einmal nichts anders übrig, als wieder alle Worte in ihrem Herzen zu
bewegen „wie denn zu ihr gesagt war“ ... vom Verstand her ist das
wirklich nicht zu fassen.
Ich finde diese Geschichte richtig schön. Sie zeigt, wie sehr Gott
in Jesus Mensch wird. Im kleinen, süßen Kind in der Krippe, geboren
am Heiligen Abend – wir haben eben im Gottesdienst auch so ein
kleines, süßes Kind, das am Heiligen Abend geboren wurde getauft –
und im erwachsenen Mann Jesus, dessen Botschaft wir verstehen und
schmecken, uns „einverleiben“ können im Abendmahl. Und dazwischen
dieser 12 jährige im Tempel. Fast nach Pubertät riecht das ja, was
Jesus praktiziert. Den Aufstand proben gegen die Autorität der
Eltern: Euer Gerede vom ständigen Gehorchen müssen („solange du
deine Füße unter meinen Tisch stellst …“), von der Kontrolle („melde
dich ab, wenn du gehst, wir wollen immer wissen, wo du bist!“) –
Jesus scheint sich dagegen aufzulehnen und seine eigenen Werte zu
entdecken. Das, was die Alten sagen, ist zu einer gewissen Zeit nur
noch ätzend und uncool, man macht Sachen, die eigentlich total
ungewöhnlich sind, z.B. im Tempel sitzen und mit den gelehrten
Männern diskutieren.
Pubertät, Zeit des Umbruchs, Zeit auch das Loslassen zu lernen. Für
Eltern gar nicht leicht. Sie müssen ihre Kinder hergeben, sie werden
jetzt erwachsen. Loslassen – Freiheit zulassen, auch, wenn es
wehtut, schlaflose Nächte macht. Jesus im Tempel – ein
freiheitsliebender, rebellischer Junge. Später wird er in den Tempel
zurückkommen, und er wird dort die Händler mit der Peitsche heraus
treiben. Der rebellische junge Mann ist er geblieben – auch als
Erwachsener. Er hat auch als Erwachsener seinen Eltern Kummer
gemacht. Das konnte er ihnen nicht ersparen, weil er seinem
himmlischen Vater folgen musste. Alles war in diesem 12Jährigen
schon ausgebildet: Seine Unabhängigkeit von menschlichen
Gewohnheiten, von jeder spießigen Feigheit und sein bedingungsloses
Vertrauen zu seinem himmlischen Vater, von dem er nie genug bekommen
konnte.
Ich wünschte, wir in der christlichen Gemeinde hätten mehr von
diesem Geist des Jungen Jesu. Wir fragen oft so sehr danach, was man
tut oder nicht tut, was sich gehört oder nicht gehört. Und hat
jemand eine ausgefallene Idee oder ist jemand einfach nur von etwas
begeistert, so wie es eben nur ein junges Herz sein kann, dann
schauen wir missmutig und sind wie Spielverderber, die die
Begeisterung im Kern ersticken möchten.
Glaube aber hat immer mit Freiheit zu tun, mit dem Loslassen von
Missmut und dem Einsperren von eigenen Gefühlen. Glaube hat etwas
Rebellisches, widerspricht bloßen Konventionen. Wir glauben daran,
dass Gott sich in einem Menschen, in diesem besonderen Menschen
Jesus von Nazareth ein für allemal offenbart hat. Gott kommt uns so
nahe, dass uns nichts mehr von ihm trennen kann. Gott kommt zur
Versöhnung. Er kommt aus überwältigender Liebe. Bei Gott ist jeder
Mensch vorbehaltlos sein Lieblingskind. Das ist unvorstellbar, aber
bei Gott ist manches unvorstellbar und sprengt jeden Rahmen. Gott
liebt uns so, wie wir sind – obwohl wir einander oft sowenig lieben
und uns außerdem schon schwer genug damit tun, uns selbst zu lieben.
Glaube ist Aufbruch – und das Besondere dieser Geschichte vom
12jährigen Jesus ist ja, dass all dies im Tempel passiert. Also da,
wo man am allerwenigsten etwas Rebellisches erwartet.
Jesus bringt das Ende der Langeweile in den Tempel. Jesus macht es
spannend – das ist nicht für alle einfach, das reißt auch Gräben
auf, führt auch zu Spannungen und lässt Tränen fließen. Aber es ist
der Anfang zu etwas Neuem, etwas Heilenden, etwas Versöhnenden.
Wir sollten alle mehr von diesem Kind Jesus in uns zulassen, mehr
Verständnis für die aufbringen, die einfach da sind, wo es spannend
ist und nicht nur den Vorstellung der Eltern folgen. Das macht
unsere Gemeinde, unser Leben spannend und offen für das Wirken des
Geistes Gottes!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure
Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
JEDE STUNDE IST EIN STREIFEN LAND
Herr meiner Stunden und meiner Jahre,
du hast mir viel Zeit gegeben.
Sie liegt hinter mir
und sie liegt vor mir.
Sie war mein und wird mein,
und ich habe sie von dir.
Ich danke dir für jeden Schlag der Uhr
und für jeden Morgen, den ich sehe.
Ich bitte dich,
dass ich ein wenig dieser Zeit
freihalten darf von Befehl und Pflicht,
ein wenig für die Stille,
ein wenig für das Spiel,
ein wenig für die Menschen
am Rande meines Lebens,
die mich brauchen.
ich bitte dich um Sorgfalt,
dass ich meine Zeit nicht töte,
nicht vertreibe,
nicht verderbe.
Jede Stunde ist ein Streifen Land.
ich möchte ihn aufreißen mit dem Pflug,
ich möchte Liebe hineinwerfen,
Gedanken und Gespräche,
damit Frucht wächst.
Jörg Zink
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 05.01.09