Gnade sei mit euch und Friede von dem, der war, ist und kommen wird. Amen

Der Albtraum einer jeden Hausfrau, eines jeden Gastgebers, liebe Gemeinde, wird heute im Evangelium beschrieben: es reicht nicht! Die Gäste sind da, alle sind in bester Feierstimmung – und dann mangelt es an irgendetwas.

Ich stelle mir so vor, Sie, liebe Familie U. werden gleich im Anschluss an diesen Gottesdienst nach Hause gehen, die Taufe noch im Kreis der Familie weiter feiern wollen und müssen plötzlich feststellen: es ist zu wenig Suppe da, oder Wein, oder Kaffee, oder was auch immer. – Katastrophe! werden Sie jetzt denken und insgeheim überlegen: ist auch alles genug für alle? (Keine Sorge, es wird sicher reichen!)

Es scheint eine Grundangst unseres Lebens zu sein: Es reicht nicht! Es fehlt etwas! Wir wollen mehr!

Mehr Geld? Mehr Zeit? Mehr Zuwendung und Beachtung? Mehr Anerkennung und Liebe?

„Es reicht nicht. Es mangelt an sozialer Gerechtigkeit in unserem Land, an gleichen Bildungschancen für alle. Gerechte Löhne für alle, eine Kindheit, die diesen Namen auch verdient - alles Mangelware! Es reicht eben nicht, und manchmal ist die Erschöpfung groß, weil auch das Engagement anscheinend nicht ausreicht.

Müdigkeit und Resignation machen sich auch manchmal in unseren Kirchengemeinden breit: Wir haben zu wenig Mitarbeitende, es kommen zu wenig ins Konzert oder zum Sommerfest. Das Geld reicht nicht, um alle Wünsche zu befriedigen, von Begeisterung und Aufbruch ist nur wenig zu spüren.“

Es reicht nicht, nicht hinten und nicht vorne für einen Frieden zwischen Israel und Palästina. Es mangelt an dem Gefühl der Sicherheit, es mangelt an Vertrauen, es mangelt an Lebensmitteln und Medikamenten. Da ist zu wenig Gerechtigkeit. Der gute Wille reicht nicht, die nächste Krise ohne Gewalt zu überstehen.

Es mangelt an Berichterstattung, die nicht beeinflusst ist von politischen Interessen.

Woran es leider nicht mangelt: an den Neunmalklugen, denen, die wissen: die Hamas ist Schuld, oder manchmal auch Israel, und es mangelt auch nicht an denen die zuschauen, dem Leiden und Sterben zuschauen.

Seit drei Wochen herrscht dieser Krieg, seit drei Wochen tappen wir alle in die immer gleiche Falle – Leiden und Sterben zu vergleichen, Zahlen von Toten gegeneinander aufzurechnen, der einen Seite mehr Recht zuzusprechen oder der anderen Seite.

Nach drei Wochen Krieg, nach 60 Jahren Unruhen, Kämpfe, Unrecht und Tod – was nützt es da zu wissen, wer nun gerade wieder diese akute Krise ausgelöst hat. Diese oder jene Katjuscha-Rakete, diese oder jene Tötungsaktion aus einem Militärhubschrauber heraus. Es ist immer das gleiche Spiel des Todes und wir lassen uns immer wieder mit hineinziehen.
Und nun Waffenstillstand? Was wird ein Waffenstillstand ändern der nur dazu dient, die Waffenarsenale aufzufüllen und eine Zwischenbilanz der Zerstörung und des Todes zu ziehen. Ein Waffenstillstand, der nicht genutzt wird, die Ausgangs-Situation zu ändern, ändert nichts, ist nur Wartezeit bis zum nächsten Krieg.

Warum ich Ihnen all das, heute, am Sonntagmorgen hier erzähle? Wir hier können doch sowieso wenig daran ändern. Vielleicht können wir es doch!
Von unserer ökumenischen Gemeindereise ist mir ein Satz eines Rabbiners noch sehr gut im Ohr geblieben. Rabbi Arik Ashermann hat auf die Frage, warum er die mühsame und gefährliche Arbeit für den Frieden im Heiligen Land auf sich nimmt, geantwortet: In einer Demokratie sind einige schuldig, aber alle sind verantwortlich.

Die Welt ist nicht mehr so groß, als das wir uns zurücklehnen könnten und sagen: Es geht uns nichts an. Auch unsere die politischen Interessen unseres Landes werden im Nahen Osten mit verhandelt, auch unsere deutsche Geschichte spielt dort immer noch eine Rolle.

Und genau deshalb sollten wir anfangen, unsere Möglichkeiten wahrzunehmen.

Wir können getrost aufhören den Mangel zu verwalten, aufhören zu diskutieren, warum zu wenig Wein da ist, aufhören mit den Schuldzuweisungen, dieser oder jener hat nicht genug Wein besorgt oder zuviel Wein getrunken.

Wir können getrost beginnen, aus der Fülle Gottes zu leben.

Jesus ersetzt den Mangel durch Fülle. Mehr noch. Aus Wasser, das dazu bereitgestellt wurde, Unreines abzuwaschen, ist nun kostbarer Wein geworden, zum Trinken, zum Genießen. Die Fülle Gottes ist spürbar, erlebbar, kann verinnerlicht werden.

In dieser Fülle Gottes können wir leben, aus dieser Fülle heraus dürfen wir handeln. Das hat auch im Johannesevangelium, gerade in der Geschichte der Hochzeit zu Kana etwas mit Ostern, mit Auferstehung und der Verwandlung ins Leben zu tun. Der Evangelist erzählt die Geschichte, nicht um zu sagen: Jesus kann schön zaubern. Er erzählt bewusst: am dritten Tag war eine Hochzeit. Mit schroffen Worten weist Jesus Maria zurecht: Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Deutliche Hinweise auf Jesu Tod und Auferstehung und das Fest in Gottes Reich der Fülle.

Und es geht dann nicht mehr um die Kana und die Feier dort. Wir lesen nichts darüber, wie das Fest weiterging und ob diese Weinmenge nun ausreichte. Jesus zeigte seine Herrlichkeit und seine Jüngerinnen und Jünger glaubten an ihn. Das ist ein zweites Wunder, nämlich eine zweite Verwandlung. Jesus verwandelt Menschen, angefüllt Glaube, Liebe und Hoffnung.

Einmal war das möglich. Und mit Blick auf die Geschichte von der Hochzeit zu Kana ist es wieder möglich. Wir bekommen einen Blick für die Wunder der Verwandlung bei uns, anstatt zu jammern oder die Schuld bei den anderen zu suchen. Und das strahlt aus. Das verwandelt Wirklichkeit. Im kleinen Umfeld, aber vielleicht auch weit darüber hinaus. Sie halten mich für naiv? Sie haben Recht! Das alles ist eine Utopie? Wahrscheinlich! Aber es lohnt sich damit zu leben, ich sehe keine Alternative.

In dem Gebetbuch der anglikanischen Episkopalen Kirche in Jerusalem und im Mittleren Osten findet sich dieses Friedensgebet:

Betet nicht für Araber oder Juden,
für Palästinenser oder Israelis,
sondern betet vielmehr für euch selbst,
dass ihr sie in euren Gebeten nicht auseinander reißt,
sondern dass ihr sie in euren Herzen zusammen haltet.
Amen.

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© Ev. Kirche Bad Lippspringe 19.01.09