
Zur Krippe dürfen wir alle kommen, an der Krippe dürfen wir alle bleiben, nicht nur zu Weihnachten
Predigt am 2. Weihnachtsfeiertag, 26. Dezember 2008
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
I. Reihe: Johannes 1, 1 - 14
Im Anfang war das Wort, / und das Wort war
bei Gott, / und das Wort war Gott.
Im Anfang war es bei Gott.
Alles ist durch das Wort geworden / und ohne das Wort wurde nichts,
was geworden ist.
In ihm war das Leben / und das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht leuchtet in der Finsternis / und die Finsternis hat es
nicht erfasst.
Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war
Johannes.
Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle
durch ihn zum Glauben kommen.
Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das
Licht.
Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, / kam in die Welt.
Er war in der Welt / und die Welt ist durch ihn geworden, aber die
Welt erkannte ihn nicht.
Er kam in sein Eigentum, / aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.
Allen aber, die ihn aufnahmen, / gab er Macht, Kinder Gottes zu
werden, / allen, die an seinen Namen glauben,
die nicht aus dem Blut, / nicht aus dem Willen des Fleisches, /
nicht aus dem Willen des Mannes, / sondern aus Gott geboren sind.
Und das Wort ist Fleisch geworden / und hat unter uns gewohnt / und
wir haben seine Herrlichkeit gesehen, / die Herrlichkeit des
einzigen Sohnes vom Vater, / voll Gnade und Wahrheit.
Gnade sei mit euch von dem der da ist, der da war und der da kommt.
Amen.
Liebe Gemeinde,
haben Sie es noch im Ohr, was wir zu Beginn gesungen haben:
"Fröhlich soll mein Herze springen dieser Zeit, da vor Freud alle Engel singen. Hört, hört, wie mit vollen Chören alle Luft laute ruft: Christus ist geboren."
Ein Bild entsteht vor mir beim Singen: das Feld von Bethlehem, die Worte der Weihnachtsgeschichte, die Engel, die Hirten Botschaft bringen, umleuchtet von der Klarheit des Herren und in der Menge der himmlischen Heerscharen.
Ein neues Bild:
"Heute geht aus seiner Kammer Gottes Held, der die Welt reißt aus allem Jammer: Gott wird Mensch, dir, Mensch, zugute, Gottes Kind, das verbind sich mit unserm Blute."
Ein neues Bild. Ernsthafter, schwerere Worte. Das Kind ist schnell erwachsen geworden, ein Held. Die Wirklichkeit, unsere Wirklichkeit, kommt dazu, die Welt, ihre Traurigkeiten, ihre Friedlosigkeit, ihr Jammer, ihr Blut.
Aber gerade in dieser Wirklichkeit steckt das Ernstnehmen jeder Weihnachtshoffnung: Gott bleibt nicht bei sich selbst, sondern kommt aus seiner Welt, seiner Kammer, zu uns, wird Mensch- für uns. Denn wir haben ihn nötig.
Das Bild spricht uns gerade heute, am zweiten Weihnachtstag an: der Alltag steht ins Haus, die Engel bekommen schon so ein bißchen lahme Flügel, die ersten Kerzen am Baum sind abgebrannt.
Zwei Weihnachtsbilder, liebe Gemeinde, dahinter auch zwei Weihnachtsgeschichten. Die erste Strophe, das erste Bild steht für das Lukasevangelium mit seinen vertrauten Worten und seiner Sehnsucht nach Frieden und einer geheilten Welt.
Die zweite Strophe und ihr Bild vom menschgewordenen Gott in unserer Wirklichkeit- das ist das Johannesevangelium, das wir eben gehört haben. Schwer zu verstehen ist es, kompliziert, wie auch unser Leben und unser Glauben manchmal kompliziert ist. Aber es gibt auch Worte, die wir kennen, die uns packen und ansprechen.
"Im Anfang war das Wort"- wir denken an die Schöpfung, an den Anfang aller Dinge.
"Das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort": Jesus ist mehr als jeder Mensch, von Anfang an bei Gott, ja, Gott selbst. Das ist kaum mehr zu denken, aber von Herzen zu glauben.
Von Anbeginn der Schöpfung glauben wir Jesus als den, der für Gottes Liebe zu uns einsteht. Jesus Christus: nicht als zufälliger Einfall Gottes, sondern schon immer das Wort der Liebe Gottes zu uns.
Und immer wieder: "das Wort"- auf griechisch "der Logos".
Das Wort, das bei Gott war. Vom Schreiber des Johannesevangeliums und für seine Hörer war es prall gefüllt mit griechischer Philosophie, die ihren Glauben prägte. Das Wort, das als Jesus auf die Welt kam, das war für sie damals die Weisheit, der göttliche Funke, Gottes Licht.
Für uns heute hat es viele Bedeutungen, die ihren Anker haben in Jesus Christus: Liebe, Hoffnung, Gerechtigkeit, Zukunft, Leben- welches ist Ihr besonders Wort, liebe Gemeinde?
Und für heute, unter dem Weihnachtsbaum, der ja doch immer noch leuchtet in dieser Zeit, gilt dieses Wort aus dem Evangelium:"Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hats nicht ergriffen." Das ist unsere Hoffnung über die Weihnachtszeit hinaus.
Die Botschaft aller Weihnachtsgeschichten, liebe Gemeinde, ob sie von Lukas stammt und auf dem Feld in Bethlehem unsere Hoffnung gründet, ob sie von Matthäus geschrieben wurde, der uns den Stern geschenkt hat, dem wir folgen, oder ob sie von Johannes verfasst wurde, dem Philosophen, der in einer harten Wirklichkeit an Gottes Liebe für die Welt festhielt, die Botschaft und unser Glaube ist und bleibt: Gott wird Mensch, dir, Mensch, zugute.
Und so lautet das Wort aus dem Johannesevangelium, das mir am liebsten ist:
"Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns."
Wer Wohnung nimmt, will bleiben. Dieser Satz ist von Bischof Huber und fasst die Weihnachtsbotschaft zusammen. Wer Wohnung nimmt, will bleiben. Gott nimmt im Menschen Wohnung, um zu bleiben: bei uns, mit uns, für uns.
Das ist doch die gute Botschaft dieser wahrhaft heiligen Nacht: Gott bleibt bei uns. Wir schöpfen neue Hoffnung- So finden wir eine Wohnung, eine Bleibe in einer bewegten Welt. Danach sehnen wir uns: "Eine Bleibe zu haben"- ein Ort, wo wir sein können, ausruhen können, eine Zeitlang wenigstens "bleiben".
Aber wir wissen auch und lernen es an allen Weihnachtsgeschichten:
Weihnachten bedeutet nicht, dass alles so bleibt, wie es war: der Engelgesang verstummt, die Hirten ziehen davon. Aber auch die Finsternis und der Schrecken der Welt bleiben nicht mehr, was sie waren. Licht ist in der Welt- und bleibt.
Eine Bleibe finden auch wir nicht dadurch, dass alles bleibt, wie es war. Zur Heimat des Menschen gehört, dass er im Aufbruch lebt, für sich und für andere, dass er sich seinem Nächsten zuwendet und offen bleibt- für Neues, für das Leben.
Auch dem Jesuskind war der Aufbruch in die Wiege gelegt. Es konnte nicht bleiben im Stall, wo es für eine Zeit eine Bleibe gefunden hatte. Flucht und Verfolgung, sein Leben und sein Sterben für uns Menschen das war sein Menschsein für uns.
Und das Bleiben, das wir alle auch so nötig haben? Das Ausruhen, das Innehalten?
Zur Krippe dürfen wir alle kommen, an der Krippe dürfen wir alle bleiben, nicht nur zu Weihnachten. "Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit".
"Ei so kommt, und lasst uns laufen, stellt euch ein, groß und klein, eilt mit großen Haufen. Liebt den, der vor Liebe brennet, schaut den Stern, der euch gern Licht und Labsal gönnet."
An der Krippe ist Platz für die Sehnsucht nach Frieden und einem gelingenden Leben, ist Platz für Trauer und Einsamkeit genauso wie für Freude und frohe Lieder.
Und wenn wir aufbrechen von dort, wissen wir: Gott, der mit uns geht, er selbst ist das, was bleibt. Frohe Weihnachten.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre
unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 25.02.09