
Leben nach Gottes Willen und seinen Worten in der Freiheit des Geistes
Predigt am 21. Sonntag nach Trinitatis - 1. November 2009
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
1. Reihe: Matthäus 5.1-10.38-48
Jesus sah die Volksmenge an und stieg auf den
Berg. Als er sich hingesetzt hatte, kamen seine Jüngerinnen und
Jünger zu ihm. Und er begann feierlich zu reden und lehrte sie:
»Selig sind die Armen, denen sogar das Gottvertrauen genommen wurde,
denn ihnen gehört Gottes Welt. Selig sind die Trauernden, denn sie
werden getröstet werden. Selig sind die Sanftmütigen, denn sie
werden das Land erben. Selig sind die, die nach Gerechtigkeit
hungern und dürsten, denn sie werden satt werden. Selig sind die
Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erfahren. Selig sind
die, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott sehen. Selig sind
die, die für den Frieden arbeiten, denn sie werden Töchter und Söhne
Gottes heißen. Selig sind die, die verfolgt werden, weil sie die
Gerechtigkeit lieben, denn ihnen gehört Gottes Welt. ...
Ihr habt gehört, dass Gott gesagt hat: Auge um Auge und
Zahn um Zahn. Ich lege euch das heute so aus: Leistet dem Bösen
nicht mit gleichen Mitteln Widerstand. Vielmehr, wenn dich jemand
auf die rechte Backe schlägt, halte ihm auch die andere Backe hin.
Und wenn jemand gegen dich prozessiert, um dein Hemd zu bekommen,
gib diesem Menschen auch deinen Mantel. Wenn dich jemand zur
Zwangsarbeit für eine Meile Weg nötigt, gehe mit ihm zwei. Gib
denen, die dich darum bitten, und wende dich nicht ab von denen, die
etwas von dir borgen wollen.
Ihr habt gehört, dass Gott gesagt hat: Liebe deine Nächste und
deinen Nächsten und hasse die feindliche Macht. Ich lege das
heute so aus: Begegnet denen, die euch Feindschaft entgegenbringen,
mit Liebe und betet für die, die euch verfolgen. So werdet ihr
Töchter und Söhne Gottes, eures Vaters und eurer Mutter im Himmel,
die ihre Sonne über Böse und Gute aufgehen lässt und es über
Gerechte und Ungerechte regnen lässt. Denn wenn ihr liebt, die euch
lieben, welchen Lohn wird Gott euch geben? Tun das nicht auch die
Zöllnerinnen und Zöllner? Und wenn ihr nur eure Geschwister grüßt,
was tut ihr Großartiges? Tun das nicht auch die Menschen aus den
Völkern? Seid nun vollkommen, wie euer Gott im Himmel vollkommen
ist. [Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache]
Liebe Konfirmationsjubilarinnen und -jubilare!
Wahrscheinlich waren Ihnen die Worte aus der sog. Bergpredigt Jesu, die wir gerade in der Lesung gehört haben, sehr vertraut, denn wahrscheinlich mussten Sie sie damals, vor Ihrer Konfirmation vor 50 oder 60 Jahren auswendig lernen.
Zumindest den ersten Teil, die Seligpreisungen. Und diese Verse
sind ja auch noch schön und verheissungsvoll, selig sind, oder in
anderen Übersetzungen, glücklich sind, oder freuen dürfen sich – und
dann werden die aufgezählt, die im Alltag sonst eher kurz kommen:
die Armen, die Rechtlosen, die Trauernden und Naiven, z.B.
Wie ging es Ihnen, liebe Gemeinde, aber mit dem zweiten Teil der
Evangeliumslesung:
„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich
aber sage euch, wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem
biete die andere auch dar. Und wenn jemand dir deinen Rock nehmen
will, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine
Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei. "Du sollst deinen Nächsten
lieben." Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die,
die euch verfolgen.“
Diese Verse scheinen wie gemacht für den heutigen Feiertag der
katholischen Schwesterkirche, den Allerheiligen Tag, den Gedenktag
an die Heiligen der Kirche.
Denn es braucht schon einen Heiligen, um zu erfüllen, was Jesus hier
fordert.
Ich denke an Euch Konfis, jetzige Konfirmandinnen und Konfirmanden,
wenn ich die Verse lese und muss Euch leider sagen: Auch mit dem Tag
der Konfirmation geht keine wundersame Wandlung vor und man wird –
„schwupp di wupp“ – perfekter heiligmäßiger Vorzeige-Christ.
Ich denke an Sie, die heute hier sind um 50 oder 60 Jahre
Konfirmationsjubiläum zu feiern und vermute: auch in Ihrem Leben gab
es Phasen, in denen sie sich fragten: Werde ich diesem hohen Maßstab
gerecht, den Jesus hier vorgibt?
Normale Menschen antworten zunächst zu Recht: Das ist unmöglich. So
kann man nicht leben.
Und kann man das wirklich guten Gewissens empfehlen? Soll man
Schülerinnen oder Schülern, die täglich dem Spott von Mitschülern
ausgesetzt sind, wirklich sagen: Liebet eure Feinde? Darf man
Frauen, die von ihren Männern geschlagen werden, wirklich empfehlen:
Bittet für die, die euch verfolgen? Darf man überhaupt nur denken,
diese Worte Jesu wären ein ernsthafter Friedensweg für Menschen in
den Ländern, in denen furchtbare Verbrechen geschehen sind oder noch
geschehen?
Ich bin hin und her gerissen zwischen der Faszination, die Jesu
radikaler Friedenweg birgt und meinen Zweifeln.
Jesus hat von diesem Geist nicht nur erzählt, er hat ihn auch
gelebt.
Jesus, ja. Und von einigen Heiligen werden auch Begebenheiten ihres
Lebens berichtet, in denen sie in diesem Geist gelebt und gehandelt
haben. Ja sicher, die Heiligen, aber wir? Die normalen Menschen?
Das Problem ist nur, das Jesus hier nicht unterscheidet zwischen:
dies sind meine Worte für die Glaubenshelden und das sage ich jetzt
für die anderen, die normalen und gewöhnlichen.
Und in dieser Tradition gibt es auch in unserer evangelischen Kirche
keine besonderen Heiligen von denen wir uns Besonderes erhoffen,
Fürsprache etwa oder besonderen Segen.
Und trotzdem bekennen wir in jedem Gottesdienst, „wir glauben an die
Gemeinschaft der Heiligen“.
An welche Heiligen glauben wir denn da? Oder ist dieser Satz des
Glaubensbekenntnisses ein Relikt aus vergangenen Tagen, als die
Heiligen auch noch für uns zuständig waren? Vor der Reformation, an
die wir uns gestern erinnert haben.
Um es kurz zu machen: Luther hatte große Hochachtung vor den
offiziell anerkannten Heiligen der Kirche. Er hielt sie in Ehren
ohne sie anzubeten.
Und trotzdem bekennen wir im Credo nicht, dass wir an die Heiligen
glauben, an den hlg. Franz, die hlg. Elisabeth, und wie sie alle
heißen mögen. Wir bekennen die Gemeinschaft der Heiligen. Genauer
bekennen wir die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen.
Allerdings ist auch die Kirche, zu der wir gehören, keine Ansammlung
von heiligmäßigen Menschen, immer nur gut, fromm und untadelig. Und
trotzdem sind wir Heilige. Die Frau, der Mann auf dem Stuhl gerade
neben Ihnen, Sie und selbst ich.
Im dritten Buch Mose ist das etwa so ausgedrückt: Gott sagt: ihr
seid heilig, denn ich bin heilig. Wir sind heilig als Gottes
Geschöpfe, als die, die zu dem Heiligen Gott gehören.
Darauf nimmt Jesus Bezug wenn er in der Bergpredigt sagt: Seid nun
vollkommen, wie euer Gott vollkommen ist.
Hier geht es nicht darum, so sein zu wollen oder können wie Gott.
Das wäre Blasphemie, Gotteslästerung.
Es ist Verheissung und Ermutigung, nicht moralische Messlatte, die
wir sowieso nie erfüllen könnten.
Die Worte Jesu, die Matthäus in der Bergpredigt gesammelt hat, sind
kein Rezeptbuch, das mein Leben in Ordnung bringt. Wenn Jesus
spricht, geht es ihm niemals allein um die Buchstaben. Wenn wir Jesu
Worte nur wörtlich nehmen, dann schaden wir oder vertreiben wir gar
den Geist, der in ihnen lebt.
„Gute Worte sind lebendig, in ihnen lebt ein Geist. Wir sollen Jesu
Worte nicht wörtlich nehmen, aber wir sollen seinen Geist beim Wort
nehmen. Natürlich kannst du dich wehren, aber du sollst dich so
wehren, dass aus deinem Widerstand Frieden werden kann; der Friede,
den Gott will für dich selber und für die anderen - also für beide.
Mit Jesu Worten hört unser Nachdenken nicht auf, als habe Jesus für
alle Zeiten alles Nötige gesagt, sondern unser Nachdenken soll jetzt
erst richtig beginnen.“
Unser Ja zu Gott, das wir bei der Konfirmation aussprechen, unser
Glaube, ist in diesem Sinn wie ein kleiner Baumsetzling. Bei der
Taufe wird er eingepflanzt. Mit der Konfirmation wird er meiner
eigenen Verantwortung übergeben. Dabei ist dann noch nichts
ausgewachsen und perfekt. Vielleicht haben Sie, liebe
Jubel-Konfirmandinnen und –konfirmanden das so erlebt: wie bei einem
Baum wechseln sich auch im Glauben die Phasen ab. Es gibt Zeiten, in
denen ich mich intensiv darum kümmern muss, dass das Pflänzchen
Glauben wächst und gedeiht, Zeiten intensiver Pflege. Und es gibt
Zeiten, da kann ich mich am Wachsen und Gedeihen erfreuen, kann
ernten und genießen. Es gibt Zeiten von Neubeginn und Blüten und
Zeiten der Brache.
Glauben ist auch kein Wettbewerb und auch keine Leistungsschau. Da
wird nicht gemessen und gewogen, welches Pflänzchen ist höher
gewachsen, stärker ausgebildet, spendet mehr Schatten oder trägt
mehr Früchte. Wichtig allein ist eine gute und tragfähige
Verwurzelung im Urgrund - Gott. Gott sagt: ihr seid heilig, denn ich
bin heilig. So können wir leben nach Gottes Willen und seinen
Worten, nicht im zeitlosen und blinden Gehorsam, sondern in der
Freiheit des Geistes. Dazu helfe uns Gott. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 03.11.09