Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Je¬sus Christus. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder!

„was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich“- die Jahreslosung 2009. Der heutige Predigttext, die Geschichte vom Hauptmann von Kapernaum, handelt davon.

Da ist dieser Hauptmann, der den Zusammenhang von Befehl und Gehorsam, die Macht eines Wortes, kennt. Und zugleich befindet er sich in einer großen Zwangslage, in einer mächtigen Verlegenheit. Das muss man sich einmal vorstellen: Er, der die Macht der Besatzer vertritt, der wohl über eine Hundertschaft Soldaten zu befehlen hat, er ist hilflos, was die Lähmung und die schlimmen Schmerzen seines Knechtes, seines Burschen, angeht. Dieser Hauptmann verhält sich nicht wie ein sicherer, starker Soldat. Er hat sich auf die Suche gemacht nach dem einen, der helfen kann. Er, der einer anderen Religion angehört, sucht diese Hilfe bei einem jungen jüdischen Mann, von dem noch nicht viel Ehrenhaftes zu sagen ist. Ihn spricht er ehrfurchtsvoll mit dem Hoheitstitel „Herr“ an - was genauso merkwürdig ist wie die Tatsache, dass sich dieser hohe Herr, der Hauptmann um einen einfachen Burschen, einen Leibeigenen, einen Sklaven, kümmert als wäre es sein eigener Sohn. Da ist mehr im Spiel als Verantwortung und Pflichtgefühl.

Jesus jedenfalls ist beeindruckt: „Ich komme und heile ihn.“ Aber weiß er denn nicht, dass es einem Juden streng verboten ist, ein heidnisches Haus zu betreten? Und dazu noch das eines Söldner-Hauptmannes! Und dann noch nur um eines rechtlosen Knechtes willen! Will er den Hauptmann auf die Probe stellen? Das geht doch gar nicht - so schön das wäre: Niemals könnte Jesus auf diesem Weg kommen und helfen.

Der Hauptmann weiß das - und darum habe ich zu Anfang gesagt: Der Hauptmann befindet sich in einer großen Zwangslage, einer mächtigen Verlegenheit. Er sucht so aufrichtig und grenzenlos nach Hilfe, aber da sind scheinbar unüberwindbare Mauern.

Diese Geschichte ist eine Geschichte, in der es um den Glauben geht. „Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich“. Das sucht einer im Glauben Rettung, Hilfe und Halt. In einem Glauben gegen allen Augenschein, gegen alle Regeln, gegen alle Chancen – gegen alle menschlichen Möglichkeiten. Es ist alles andere als selbstverständlich, dass seine Suche Erfolg hat. Irgendwie scheint er nicht dazu zu gehören. Nicht zum Kreis der Jünger, nicht zum Kreis derer, die in der Nähe Jesu sind.

Erkennen wir uns irgendwie wieder in diesem Hauptmann? Auch wir haben doch in uns diese Sehnsucht, diesen Wunsch nach Rettung, danach, dass Gott eingreifen mögen, dass er etwas heil machen möge, vielleicht die Erkrankung eines anderen Menschen, vielleicht eine Beziehung, vielleicht eine Auseinandersetzung zwischen Völkern. Doch können wir dies wirklich von Gott erwarten? Wer sind wir denn, dass Gott auf uns hört? Mit unserem Glaubensleben, mit unserer Glaubenskraft, ist es oft nicht weit. Nicht alle freilich! Manche hier haben auch ganz treu und unter Lebensgefahr an ihrem Glauben festgehalten, ihn durchgehalten in schweren Zeiten. Und doch ist das irgendwie unser aller Satz: „Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst...“

Wer sind wir denn, dass wir das Recht hätten, Gott für die Erfüllung unserer Wünsche einzuspannen? Was haben wir denn für Gott getan? „Ich traue mich nicht zu beten, geschweige denn in einen Gottesdienst zu gehen“, sagt mir eine Frau, „ich habe soviel Unrecht getan, Gott war für mich gar kein Thema, jetzt wünschte ich mir nichts sehnlicher als ein bisschen Glaube, aber den kann es ja gar nicht mehr für mich geben ...“ Für einen Hauptmann ist es das Peinlichste, die eigene Untauglichkeit zuzugeben. Ein Soldat, der untauglich ist, hat seinen Beruf verloren. Der Hauptmann gibt dies zu. „Ich bin nicht tauglich, dass du zu mir kommst.“ Hier ist die Grenze. Für Menschen unmöglich, sie zu überschreiten.

Ein Mensch auf der Suche. Hier ein heidnischer Hauptmann. Auf der Suche nach Hilfe, die ihm kein Mensch bieten kann. Und dennoch gibt er nicht auf. Er findet noch Worte, wo eigentlich jetzt Schluss aller Möglichkeiten wäre: „Ich kenne doch schon rein beruflich die Macht eines Wortes. Wenn ich sage: Tu dies! Oder: komm her! - dann wird mir gehorcht. Warum sollte ähnliches nicht bei dir möglich sein - ich traue dir alles zu!“ Jesus ist nicht nur beeindruckt, er ist überwältigt. „Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden.“

Ich frage mich, was ist das für ein Glaube, was sind die Motive für den Hauptmann, so zu glauben wie ein Kind glaubt, einfältig, unbeeindruckt von aller Wirklichkeit, geradeaus, unbeirrt. Denn der Hauptmann ist kein Kind mehr. Er ist nicht beschränkt oder naiv. Er kennt das Leben, er weiß auch darum, dass das Leben eben nicht so ist, dass sich Wünsche immer erfüllen, wenn man nur feste genug daran glaubt. Wenn er nun bei Jesus so gewiss ist, Hilfe zu finden, dann muss mehr hinter seinen Motiven stecken, so zu reden.

Zwei Dinge sind es, die ich gefunden habe bei dem Hauptmann. Das erste ist die starke Liebe, die einfach zu dem Knecht bestehen muss. Anders ist das Verhalten des Hauptmanns nicht erklärbar. Es ist das Herz, das spricht. Es ist die Liebe, die es dem Hauptmann möglich macht, alles aufzugeben, was bisher seine Stärke ausmachte. Das ist nicht Pflichtgefühl, nicht Mitleid, was ihn treibt. Das ist die Liebe. Da bin ich sicher. Es ist immer die Liebe, die die Menschen findig werden lässt. Die die Menschen herausreißt aus dem alltäglichen, gesicherten Leben. Menschen, die lieben, die sind auf der Suche. Auf der Suche nach der Erwiderung dieser Liebe, der Erhaltung dieser Liebe und das dem, den sie lieben, nichts geschehen möge. Aus der Liebe wächst die Sorge, die Fürsorge. Und liebende Menschen finden sich nicht ab mit den scheinbar unveränderlichen Wirklichkeiten. Sie kämpfen, wenn es sein muss, gegen Windmühlenflügel, gegen Unmögliches, sie geben nicht auf, finden 1000 Wege für die Rettung der Liebe und den, den sie lieben. Liebende können auch den Satz verstehen: „Liebe ist sogar stärker als der Tod“.

Und das zweite: Es ist ja nicht so, dass der Hauptmann einfach nur so glaubt, vielleicht, weil er ein sonniges Gemüt hat oder nur optimistisch nach vorn blickt. Der Hauptmann glaubt einem konkreten Menschen. Der Hauptmann glaubt Jesus. Die Begegnung mit ihm ist es, die ihn das Unmögliche für möglich halten lässt. In Jesus, das spürt er, das weiß er einfach, wird er finden, was er so gesucht hat. Weil Jesus die Mensch gewordene Liebe ist. Weil Jesus Mauern überschreitet, sogar Tote auferwecken wird. Weil in Jesus Gott wirkt, für den kein „Unmöglich“ gibt. Jesus ist derjenige, der letztlich den Hauptmann zugleich ganz schwach und ganz stark sein lässt.

Wenn wir diese Geschichte hören, so kann sie auch uns ermutigen, Gott unendlich mehr zuzutrauen als unseren eigenen Möglichkeiten. Vielleicht ist ja nicht – wie wir es doch vielfach meinen – Gott zu schwach in seinen Möglichkeiten, sondern wir sind es, die ihm zuwenig zutrauen. Deshalb zum Abschluss diese Geschichte vom „Vater Bodelschwingh“ – manche kennen sie, aber man kann sie nicht oft genug hören:

„Pastor Bodelschwingh, der Gründer der Anstalten in Bethel, wollte gerade einen Krankenbesuch machen, als er an der Tür mit dem Chefarzt der Klinik zusammentraf. „Oh, Sie kommen zu spät,“ sagte dieser, „wir haben alles versucht, er ist nicht mehr zu retten!“

Vater Bodelschwingh fragte den Professor: "Alles versucht - haben Sie schon um seine Rettung gebetet?" Der Professor lächelte diskret und mitleidig und seine Assistenten taten das gleiche. Das übersah Bodelschwingh einfach und sagte bloß: "Also nein, meine Herren! Gut, dann werde ich mich der Sache jetzt selbst annehmen und werde jetzt die Sache mit Gott bereden!"

Die Ärzte, die den hoffnungslosen Zustand des Patienten kannten, fanden das reine Zeitverschwendung und ohne jede Aussicht auf Erfolg.
Ungefähr eine Stunde schloss sich Bodelschwingh in seinem Zimmer ein und betete ernstlich zu Gott. Danach ging er wieder in das Krankenzimmer jenes Patienten, und hier empfing ihn gleich die pflegende Schwester:

"Herr Pastor, seit einer halben Stunde geht es dem Kranken ganz plötzlich auffallend besser!"

Nach einigen Wochen war der Kranke, welchen die Ärzte schon für sterbend erklärt hatten, wieder vollkommen gesund!

Nach einiger Zeit klopfte in einer stillen Stunde der Professor an Bodelschwinghs Tür: "Herr Pastor, ich werde ganz gewiss nicht wieder lächeln, wenn sie zum Beten auffordern!"


Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn.
Amen.






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© Ev. Kirche Bad Lippspringe 25.01.09